1904-1924 Маленькие рассказы (Сборник)
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Ich n"ahre es mit s"usser Milch, sie bekommt ihm bestens. In langen Z"ugen saugte es sie "uber seine Raubtierz"ahne hinweg in sich ein. Nat"urlich ist es ein grosses Schauspiel f"ur Kinder. Sonntag Vormittag ist Besuchstunde. Ich habe das Tierchen auf dem Schoss und die Kinder der ganzen Nachbarschaft stehen um mich herum.
Da werden die wunderbarsten Fragen gestellt, die kein Mensch beantworten kann: Warum es nur ein solches Tier gibt, warum gerade ich es habe, ob es vor ihm schon ein solches Tier gegeben hat und wie es nach seinem Tode sein wird, ob es sich einsam f"uhlt, warum es keine Jungen hat, wie es heisst und so weiter.
Ich gebe mir keine M"uhe zu antworten, sondern begn"uge mich ohne weitere Erkl"arungen damit, das zu zeigen, was ich habe. Manchmal bringen die Kinder Katzen mit, einmal haben sie sogar zwei L"ammer gebracht. Es kam aber entgegen ihren Erwartungen zu keinen Erkennungsszenen. Die Tiere sahen einander ruhig aus Tieraugen an und nahmen offenbar ihr Dasein als g"ottliche Tatsache gegenseitig hin.
In meinem Schoss kennt das Tier weder Angst noch Verfolgungslust. An mich angeschmiegt, f"uhlt es sich am wohlsten. Es h"alt zur Familie, die es aufgezogen hat. Es ist das wohl nicht irgendeine aussergew"ohnliche Treue, sondern der richtige Instinkt eines Tieres, das auf der Erde zwar unz"ahlige Verschw"agerte, aber vielleicht keinen einzigen Blutsverwandten hat und dem deshalb der Schutz, den es bei uns gefunden hat, heilig ist.
Manchmal muss ich lachen, wenn es mich umschnuppert, zwischen den Beinen sich durchwindet und gar nicht von mir zu trennen ist. Nicht genug damit, dass es Lamm und Katze ist, will es fast auch noch ein Hund sein. – Einmal als ich, wie es ja jedem geschehen kann, in meinen Gesch"aften und allem, was damit zusammenh"angt, keinen Ausweg mehr finden konnte, alles verfallen lassen wollte und in solcher Verfassung zu Hause im Schaukelstuhl lag, das Tier auf dem Schoss, da tropften, als ich zuf"allig einmal hinuntersah, von seinen riesenhaften Barthaaren Tr"anen. – Waren es meine, waren es seine? – Hatte diese Katze mit Lammesseele auch Menschenehrgeiz? – Ich habe nicht viel von meinem Vater geerbt, dieses Erbst"uck aber kann sich sehen lassen.
Es hat beiderlei Unruhe in sich, die von der Katze und die vom Lamm, so verschiedenartig sie sind. Darum ist ihm seine Haut zu eng. – Manchmal springt es auf den Sessel neben mir, stemmt sich mit den Vorderbeinen an meine Schulter und h"alt seine Schnauze an mein Ohr. Es ist, als sagte es mir etwas, und tats"achlich beugt es sich dann vor und blickt mir ins Gesicht, um den Eindruck zu beobachten, den die Mitteilung auf mich gemacht hat. Und um gef"allig zu sein, tue ich, als h"atte ich etwas verstanden, und nicke. – Dann springt es hinunter auf den Boden und t"anzelt umher.
Vielleicht w"are f"ur dieses Tier das Messer des Fleischers eine Erl"osung, die muss ich ihm aber als einem Erbst"uck versagen. Es muss deshalb warten, bis ihm der Atem von selbst ausgeht, wenn es mich manchmal auch wie aus verst"andigen Menschenaugen ansieht, die zu verst"andigem Tun auffordern.
6. AN ALLE MEINE HAUSGENOSSEN
Ich besitze f"unf Kindergewehre, sie h"angen in meinem Kasten, an jedem Haken eines. Das erste geh"ort mir, zu den andern kann sich melden wer will, melden sich mehr als vier, so m"ussen die "uberz"ahligen ihre eigenen Gewehre mitbringen und in meinem Kasten deponieren. Denn Einheitlichkeit muss sein, ohne Einheitlichkeit kommen wir nicht vorw"arts. "Ubrigens habe ich nur Gewehre, die zu sonstiger Verwendung ganz unbrauchbar sind, der Mechanismus ist verdorben, der Pfropfen abgerissen, nur die H"ahne knacken noch. Es wird also nicht schwer sein, n"otigenfalls noch weitere solche Gewehre zu beschaffen. Aber im Grunde sind mir f"ur die erste Zeit auch Leute ohne Gewehre recht, wir die wir Gewehre haben werden im entscheidenden Augenblick die Unbewaffneten in die Mitte nehmen. Eine Kampfesweise die sich bei den ersten amerikanischen Farmern gegen"uber den Indianern bew"ahrt hat, warum sollte sie sich nicht auch hier bew"ahren, da doch die Verh"altnisse "ahnlich sind. Man kann also sogar f"ur die Dauer auf die Gewehre verzichten. Und selbst die f"unf Gewehre sind nicht unbedingt n"otig und nur weil sie schon einmal vorhanden sind, sollen sie auch verwendet werden. Wollen sie aber die vier andern nicht tragen so sollen sie es bleiben lassen. Dann werde also ich allein als F"uhrer eines tragen. Aber wir sollen keinen F"uhrer haben und so werde auch ich mein Gewehr zerbrechen oder weglegen.
Das war der erste Aufruf. In unserm Haus hat man keine Zeit und keine Lust Aufrufe zu lesen oder gar zu "uberdenken. Bald schwammen die kleinen Papiere in dem Schmutzstrom der vom Dachboden ausgehend, von allen Korridoren gen"ahrt, die Treppe hinabsp"ult und dort mit dem Gegenstrom k"ampft der von unten hinaufschwillt. Aber nach einer Woche kam ein zweiter Aufruf.
Hausgenossen!
Es hat sich bisher niemand bei mir gemeldet. Ich war, soweit ich nicht meinen Lebensunterhalt verdienen muss, fortw"ahrend zuhause und f"ur die Zeit meiner Abwesenheit, w"ahrend welcher meine Zimmert"ur stets offen war, lag auf meinem Tisch ein Blatt, auf dem sich jeder der wollte einschreiben konnte. Niemand hats getan.
7. WARUM WILLST DU
Gestern war ich zum erstenmal in den Direktionskanzleien. Unsere Nachtschicht hat mich zum Vertrauensmann gew"ahlt und da die Konstruktion und F"ullung unserer Lampen unzul"anglich ist, sollte ich dort auf die Abschaffung dieser Missst"ande dringen. Man zeigte mir das zust"andige Bureau, ich klopfte an und trat ein. Ein zarter junger Mann, sehr bleich, l"achelte mir von seinem grossen Schreibtisch entgegen. Viel, "uberviel nickte er mit dem Kopf. Ich wusste nicht ob ich mich setzen sollte, es war dort zwar ein Sessel bereit, aber ich dachte, bei meinem ersten Besuch m"usse ich mich vielleicht nicht gleich setzen, und so erz"ahlte ich die Geschichte stehend. Gerade durch diese Bescheidenheit verursachte ich aber dem jungen Mann offenbar Schwierigkeiten, denn er musste das Gesicht zu mir herum und aufw"arts drehn, falls er nicht seinen Sessel umstellen wollte und das wollte er nicht. Andererseits aber brachte er auch den Hals trotz aller Bereitwilligkeit nicht ganz herum und blickte deshalb w"ahrend meiner Erz"ahlung auf halbem Wege schief zur Zimmerdecke hinauf, ich unwillk"urlich ihm nach. Als ich fertig war stand er langsam auf, klopfte mir auf die Schultern, sagte: So, so – so so, und schob mich in das Nebenzimmer, wo ein Herr mit wildwachsendem grossen Bart uns offenbar erwartet hatte, denn auf seinem Tisch war keine Spur irgendeiner Arbeit zu sehn, dagegen f"uhrte eine offene Glast"ur zu einem kleinen G"artchen mit Blumen und Str"auchern in F"ulle. Eine kleine Information aus paar Worten bestehend, vom jungen Mann ihm zugefl"ustert gen"ugt dem Herrn um unsere vielfachen Beschwerden zu erfassen. Sofort stand er auf und sagte: Also mein lieber – er stockte, ich glaubte, er wolle meinen Namen wissen und ich machte deshalb schon den Mund auf, um mich neuerlich vorzustellen, aber er fuhr mir dazwischen: Ja, ja, es ist gut, es ist gut, ich kenne Dich sehr genau – also Deine oder Euere Bitte ist gewiss berechtigt, ich und die Herren von der Direktion sind die letzten, die das nicht einsehen w"urden. Das Wohl der Leute, glaube mir, liegt uns mehr am Herzen als das Wohl des Werkes. Warum auch nicht Das Werk kann aber wieder neu errichtet werden, es kostet nur Geld, zum Teufel mit dem Geld, geht aber ein Mensch zugrunde, so geht eben ein Mensch zugrunde, es bleibt die Witwe, die Kinder. Ach Du liebe G"ute! Darum ist also jeder Vorschlag neue Sicherung, neue Erleichterung, neue Bequemlichkeit und Luxuriosit"aten einzuf"uhren, uns hochwillkommen. Wer damit kommt, ist unser Mann. Du l"asst uns also Deine Anregungen hier, wir werden sie genau pr"ufen, sollte noch irgendeine kleine blendende Neuigkeit angeheftet werden k"onnen, werden wir sie gewiss nicht unterschlagen und bis alles fertig ist, bekommt Ihr die neuen Lampen. Das aber sage Deinen Leuten unten: Solange wir nicht aus Euerem Stollen einen Salon gemacht haben, werden wir hier nicht ruhn und wenn Ihr nicht schliesslich in Lackstiefeln umkommt, dann "uberhaupt nicht. Und damit sch"on empfohlen!
8. DIE EISENBAHNREISENDEN
Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehn, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verungl"uckt sind undzwar an einer Stelle wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, dass der Blick es immerfort suchen muss und immerfort verliert wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in der H"ochstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des Einzelnen entz"uckendes oder erm"udendes kaleidoskopisches Spiel.
Was soll ich tun? oder Wozu soll ich es tun? sind keine Fragen dieser Gegenden.
9. EINE ALLT"AGLICHE VERWIRRUNG
Ein allt"aglicher Vorfall; sein Ertragen ein allt"aglicher Heroismus: A. hat mit B. aus dem Nachbardorf H ein wichtiges Gesch"aft abzuschliessen. Er geht zur Vorbesprechung nach H, legt den Hin- und Herweg in je zehn Minuten zur"uck und r"uhmt sich zuhause dieser besonderen Schnelligkeit. Am n"achsten Tag geht er wieder nach H, diesmal zum endg"ultigen Gesch"aftsabschluss; da dieser voraussichtlich mehrere Stunden erfordern wird, geht A schon fr"uhmorgens aus; trotzdem aber alle Nebenumst"ande, wenigstens nach A.’s Meinung, v"ollig die gleichen sind wie am Vortag braucht er diesmal zum Weg nach H zehn Stunden. Als er dort erm"udet abends ankommt, sagt man ihm, dass B. "argerlich wegen A’s Ausbleiben vor einer halben Stunde zu A. in sein Dorf hin"uber gegangen sei; sie h"atten einander eigentlich treffen m"ussen. Man r"at A. zu warten, B. m"usse ja gleich zur"uckkommen. A. aber, in Angst wegen des Gesch"aftes, macht sich sofort auf und eilt nachhause. Diesmal legt er den Weg, ohne besonders darauf zu achten, geradezu in einem Augenblick zur"uck. Zuhause erf"ahrt er, B. sei doch schon gleich fr"uh gekommen, noch vor dem Weggang A’ s, ja er habe A. im Haustor getroffen, ihn an das Gesch"aft erinnert, aber A. habe gesagt, er h"atte jetzt keine Zeit, er m"usse jetzt eiligst fort. Trotz dieses unverst"andlichen Verhaltens A’s sei aber B. doch hier geblieben um auf A. zu warten. Er habe zwar schon oft nachgefragt ob A. zur"uckgekommen sei, befinde sich aber noch immer oben in A’s Zimmer. Gl"ucklich dar"uber, B. jetzt noch sprechen und ihm alles erkl"aren zu k"onnen l"auft A. die Treppe hinauf. Schon ist er fast oben, da stolpert er, erleidet eine Sehnenzerrung und fast ohnm"achtig vor Schmerz, unf"ahig sogar zu schreien, nur winselnd im Dunkel, h"ort und sieht er, wie B., undeutlich ob in grosser Ferne oder knapp neben ihm, w"utend die Treppe hinunterstampft und endg"ultig verschwindet.
10. KAFKAS DON QUICHOTES
19. Okt. 17: Das Ungl"uck Don Quichotes ist nicht seine Phantasie, sondern Sancho Pansa.
20. Okt. 17: Sancho Pansa, der sich "ubrigens dessen nie ger"uhmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, in den Abend- und Nachtstunden, durch Beistellung einer Menge Ritter- und R"auberromane seinen Teufel, dem er sp"ater den Namen Don Quichote gab, derart von sich abzulenken, dass dieser dann haltlos die verr"ucktesten Taten ausf"uhrte, die aber mangels ihres vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa h"atte sein sollen, niemandem schadeten. Sancho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichm"utig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgef"uhl dem Don Quichote auf seinen Z"ugen und hatte davon eine grosse und n"utzliche Unterhaltung bis an sein Ende.
22 Okt. 17: Eine der wichtigsten Don Quichotischen Taten, aufdringlicher als der Kampf mit der Windm"uhle, ist der Selbstmord. Der tote Don Quichote will den toten Don Quichote t"oten; um zu t"oten, braucht er aber eine lebendige Stelle, diese sucht er nun mit seinem Schwerte ebenso unaufh"orlich wie vergeblich. Unter dieser Besch"aftigung rollen die zwei Toten, als unaufl"oslicher Purzelbaum, durch die Zeiten.
11. DAS SCHWEIGEN DER SIRENEN