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Bitterschokolade (Горький шоколад)
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Und dann kam ein Tag wie dieser.

Es war noch nicht einmal so, dass das Wetter beson­ders schцn gewesen wдre. Eigentlich war es eher trist, wolkenverhangen, aber als Eva morgens aus ihrem Fenster schaute, hinein in diesen grauen Morgen, spьrte sie schon das Kribbeln auf der Haut, die Som­mermorgenkьhle, frische, kalte Luft, und sie atmete tief durch.

Der Hдuserblock gegenьber, der, in dem die Grabers wohnten, die Grabers mit der >guten Tochter<, ver­schwand fast im Grau des Himmels. Himmel und

Haus hatten die gleiche Farbe, die Konsistenz war na­tьrlich anders, aber Eva musste zweimal hinschauen, um das zu sehen. Es war ein seltsames Grau, ein wei­ches, wattiges, einhьllendes.

Eva stand lange am Fenster und schaute hinaus.

Dann, beim Frьhstьck, zog der Vater sein Porte­monnaie und hielt Eva einen Hunderter hin. »Hier«, sagte er. »Kauf dir was Schцnes, das ist zusдtzlich zum Taschengeld, weil es doch dieses Jahr nichts wird mit dem Urlaub.«

Berthold schaute von seinem Teller hoch.

»Du kriegst auch etwas«, sagte der Vater, »morgen, wenn du zu Tante Irmgard fдhrst.«

Berthold nickte und bestrich sein Brot mit Kalbsle­berwurst.

»Natьrlich bekommst du keine hundert Mark. Du bist ja erst zehn. Bei Eva ist das schon etwas anderes.«

»Ja«, sagte Berthold.

Eva nahm den Hunderter und legte ihn unter ihren Teller. »Danke, Papa.«

»Was kaufst du dir?«, fragte die Mutter.

»Ich weiЯ noch nicht«, antwortete Eva. »Ich gehe heute in die Stadt. Vielleicht sehe ich was, das ich will.«

Sie rдumte ihr Zimmer auf, ordnete ihre Platten, als ihre Mutter hereinkam. »Post fьr dich, Eva.« Sie hielt ihr eine Postkarte hin und blieb neugierig stehen.

Eva nahm die Karte, legte sie auf ihren Schreibtisch

und stellte die Beatles-Platten nebeneinander in den Stдnder.

»Na ja, dann nicht«, sagte die Mutter und ging zu­rьck in die Kьche.

Eva nahm die Karte und drehte sie um. In sauberer, kindlicher Schrift stand da: »Meine liebe Eva! Ham­burg ist wunderschцn. Ich bin gerade erst angekom­men. Schade, dass du nicht da bist. Ich schreibe dir bald. Dein Michel.«

Eva lachte. Viel war das nicht, aber sie freute sich, dass er sofort an sie gedacht hatte.

Laut singend machte sie ihr Zimmer fertig.

»Mama, ich hole mir einen BlumenstrauЯ. Soll ich dir etwas mitbringen?«

»Zwei Liter Milch und ein Pfund Salz. Und sechs Дpfel. Ich will Milchreis machen.«

Eva wдhlte einen StrauЯ Wiesenblumen fьr eine Mark achtzig. Ich fahre nдchste Woche mal mit der S-Bahn in irgendein Dorf und dort werde ich spazieren gehen, nahm sie sich vor. Sie sah die Wiese, eine Hang­wiese wьrde es sein, in der Sonne, voller Blumen. Richtig bunt wьrde die Wiese sein. Sie wьrde sich mit­ten hineinlegen und in den blauen Himmel schauen. Bienen wьrden ьber sie hinwegfliegen und im nahen Wald wьrde ein Kuckuck rufen. Kuckuck, Kuckuck, sag mir doch, wie viel Jahre leb ich noch? Eins, zwei, drei, vier ...

Eier und Schmalz, Butter und Salz, Milch und Mehl,

Safran macht den Kuchen gel, sang sie, als sie die Trep­pe hinaufstieg.

Die Mutter fuhr mit Berthold zum Kaufhof. Er brauchte noch Unterhosen und neue Gummistiefel, wenn er morgen zu Tante Irmgard fuhr.

Eva setzte Teewasser auf und goss die Blumen im Wohnzimmer. Da klingelte es. Eva drьckte auf den Tьrцffner und hцrte, wie unten die Haustьr mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.

»Ich bin's«, sagte Franziska. »Mir war langweilig zu Hause.«

»Komm rein.«

Und dann saЯ Franziska, brдunlich in der hellen Ho­se und dem hellblauen Hemd, in Evas Zimmer. Sie saЯ auf dem Bett und lehnte sich mit dem Rьcken an die Wand, die Beine hatte sie weit von sich gestreckt. Wie eine Katze liegt sie da, so entspannt, dachte Eva. Rich­tig schцn.

»Hast du Lust, Mathe zu machen?«, fragte sie.

Franziska schьttelte den Kopf. »Heute nicht, mor­gen.«

Was fьr ein Tag. Wann hatte sie einmal Besuch ge­habt in ihrem Zimmer? Nie? Wirklich nie?

»Ich bin froh, dass du gekommen bist.«

Franziska lachte und streckte sich. »Mach doch mal Musik an!«

Eva legte eine Kassette ein.

»Bei dir ist es richtig gemьtlich. Aufgerдumt.«

Eva dachte an Franziskas Zimmer, an den groЯen Raum in der Altbauwohnung, mit hoher Stuckdecke und schцnen, alten Mцbeln. Die ganze Wohnung war so, schцn, aber unordentlich war sie auch.

»Eure Wohnung gefдllt mir viel besser.«

»Mir nicht. So ein Zimmer, wie du es hast, klein, ge­mьtlich, das ist viel schцner. Hast du schon mal in ei­nem Altbau geschlafen? Nein? Dann musst du bald mal bei mir ьbernachten. Ьberall knistert und knarzt es in der Nacht. Das ist richtig unheimlich. Ich habe immer Angst davor, nachts aufzuwachen.«

Du musst bald mal bei mir ьbernachten, hatte sie gesagt. Eva hatte noch nie bei einer Freundin ьber­nachtet.

»Ich hatte frьher, als Kind, oft Angst nachts«, er­zдhlte sie. »Ich stellte mir vor, was alles passieren kцnnte. Einbrecher kцnnten kommen, Mцrder, oder das Haus kцnnte in Brand geraten. Dabei ist in Wirk­lichkeit nie etwas passiert.«

»Das kenn ich«, sagte Franziska. »Ich bin dann im­mer zu meiner Mutter ins Bett gestiegen. Leider bin ich jetzt schon zu groЯ dafьr. Ich habe gern bei meiner Mutter geschlafen.«

»Ich habe nie bei meiner Mutter geschlafen«, sagte Eva. »Aber wenn ich geweint habe, ist sie immer ge­kommen und hat mich getrцstet.«

HeiЯe Milch mit Honig und ein Butterbrot. Oder ein paar Kekse. Und wenn es gar zu schlimm war, gab es eine Tafel Schokolade. Verdammt, immer war es Es­sen gewesen. Essen ist gut, Essen vertreibt jeden Kum­mer!

Eva stand auf und ging zum Kassettenrecorder. Sie zog den Bauch ein beim Gehen.

»Die andere Seite?«, fragte sie.

»Ja, bitte.«

Eva drehte die Kassette um. Ich muss mir die Haare waschen, dachte sie. Unbedingt muss ich mir heute Abend die Haare waschen.

»Ich fand das toll, wie du das mit dem Brief an das Direktorat gemacht hast«, sagte Franziska. »Ich habe dich das erste Mal richtig reden hцren, morgens in der Schule und dann nachmittags bei uns zu Hause. Sonst sagst du ja kaum was. Man muss dir die Wцrter fast einzeln aus der Nase ziehen.«

Eva, verlegen, zog ihren Rock ьber die Knie. »Ich bin halt kein groЯer Redner.«

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