ЖАНРЫ

Исторические происшествия в Москве 1812 года во время присутствия в сем городе неприятеля
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Diesen Gewinn machte ich auf folgende Weise: Gleich in den ersten Tagen, als noch keine allgemeine Pl"underung erlaubt war, kam ein Kaufmann Namens Larm'e zu mir – welcher gleichfalls Schutz von Offizieren genoss, die in seinem Hause wohneten – und fragte mich: Ob ich nicht mit ihm gemeinschaftlich zwey K"uhe kaufen wollte, die jemand f"ur 80 Rubel abgeben wollte, weil er bange ist, dass sie ihm mit Gewalt abgenommen w"urden. Die K"uhe sollten nach seinem gemachten Plane geschlachtet werden, damit wir zu gleichen H"alften dass Fleisch theils frisch theils gesalzen geniessen k"onnten. Ich gab ihm 40 Rubel u. rieth ihm, nicht beyde K"uhe zugleich, sondern nur Eine vorerst zu schlachten, damit wir auch sp"ater, frisches Fleisch h"atten. Dieses leuchtete ihm ein. Er bat mich aber, die noch lebende Kuh in mein Haus zu nehmen, weil es ihm nicht nur an Futter fehle, sondern auch niemand sey, der nach dem Thiere sehen k"onnte. Ich war es zufrieden. Noch in derselben Nacht, brachte er die Kuh, und den andern Tag einige Pud frisches Fleisch, womit ich sehr sparsam umging, aber dennoch bald fertig ward. Nun kam die Zeit der allgemeinen Pl"underung, und ich wagte, – wie ich oben bemerkt hatte – ohne Beruf nicht auszugehen, und sah, und h"orte nichts von Larm'e; bis er eines Tages kam, und sich entschuldigte, dass er mir nicht so viel frisches Fleisch gebracht hatte, als mir von der H"alfte einer Kuh zuk"ame, weil seine Einquartierten, sich alles was vorhanden war, zugeeignet hatten; welches vermuthlich auch mit der andern Kuh geschehen w"urde, wenn wir sie jetzt schlachteten. Deshalb stellete er mir es frey, ob ich die bey mir sich befindende Kuh, nicht lieber in meinem Hause schlachten lassen wollte, und ihm so viel frisches Fleisch, als ich von ihm erhalten hatte, zur"uckgeben, oder die Kuh am Leben lassen wollte? Mit dieser Kuh hatte sich aber mittlerweile etwas sehr g"unstiges ereignet. Als sie auf den Hof gebracht ward, sagte eine alte Frau „sie wolle versuchen ob die Kuh nicht noch milchend sey, da sie nicht lange gekalbt haben muss.[“] Der Versuch gelang, obgleich sie nicht mehr als ein Bierglas voll Milch gab; die sich jedoch in der Folge, durch gute Wartung und Pflege vermehrete. F"ur mich ward dieses ein grosser Fund, da mir unter allen m"oglichen Speisen und Getr"anken, aus langj"ahriger Gewohnheit, eine Tasse Caffee immer der liebste Genuss war; auf welchen ich aber jetzt verzichten musste, weil ich Caffee ohne Milch nicht trinken mogte. Ich erhielt aber auch Gelegenheit, dem guten Commissair gef"allig zu werden, der uns so viele Liebesdienste erwiesen hatte. Er wohnte – wie ich schon bemerket habe – gegen uns "uber, und da auch er fast nur von Caffee sich n"ahrte, u. ebenso wie ich, nur mit Milch schmackhaft fand, so theilte ich redlich mit ihm, was die Kuh t"aglich an Milch gab. Der Kaufmann Larm'e kam endlich von mir Abschied zu nehmen, da er gleichfalls mit obengenannten Transport "uber die Gr"anze gehen wollte, und verzichtete bey dieser Gelegenheit auf seinen Antheil an der noch lebenden Kuh, in aller Form, welches mir um so lieber war, da ich einen so guten Gebrauch machen konnte von ihrem Leben. Bey diesem Larm'e hatte ich f"unf Kisten von meinen besten Waaren verborgen, welche alle verloren gingen. Dagegen brachte er kurz vor Ankunft der Franzosen mir drey Reiseapotheken, um sie (da schon alles bey ihm vermauert war) irgendwo in meiner Wohnung unterzubringen, weil er sie nur eben von einem Kaufmanne, dem er sie in Commission gegeben hatte, zur"uck erhalten hatte, und nicht nach seinem Hause bringen wollte. Diese Reiseapotheken blieben in meinem Hause unanger"uhret, und ich konnte sie ihm unversehrt zur"uckgeben, als er sp"ater wie alle Uebrigen die mit den Franzosen aus Moskau gingen, nackt, und ausgepl"undert zur"uck kam. Jetzt kamen diese Apotheken dem Larm'e sehr zustatten, er konnte sie sehr theuer verkaufen, da an Medicamenten ein grosser Mangel war.

H"atte ich Alles was ich besass, in meinem Hause behalten, und nicht an andern Orten verwahret, so w"urde ich nicht nur nichts verloren haben, ich h"atte grosse Summen an meinen Waaren gewinnen m"ussen, da Alles ungeheuer theuer war, und nicht nur Offiziere, sondern gemeine Soldaten viel Geld hatten, welches sie nicht brauchen konnten, da es nichts zu kaufen gab. Unter dem Schutz unserer im Quartier stehenden Obristen, h"atte ich frey handeln k"onnen, und sie h"atten mir bey ihrer ausgebreiteten Bekanntschaft, und in der allgemeinen Achtung in welcher sie standen, K"aufer genug zugef"uhret, da sie mich liebten. Es war aber ein grosses Zeichen der g"ottlichen Gnade f"ur mich Unw"urdigen, dass ich alles was ich hatte, verlieren musste; denn, nie h"atte man es glauben k"onnen, dass ich nur der F"ugung g"unstiger Umst"ande die Erhaltung meines Eigenthums zu verdanken hatte; es musste vielmehr den kaum zu beseitigenden Verdacht gegen mich erregen, dass ich nur darum im November vorigen Jahres, Petersburg verlassen, und in Moskau ein neues Etablissement angeleget habe, weil ich – wie es leider so Viele gethan hatten – mit den Feinden des Vaterlandes im geheimen Einverst"andniss stand, und nur diesem Umstande, die Rettung meiner Person und Eigenthumes zugeschrieben werden konnte. Ich kann mit Wahrheit behaupten; dass mir der Verlust meiner Haabe, keine einzige Thr"ane, nicht einmal einen einzigen Seufzer ausgepresst hat. Ich hielt mich vielmehr f"ur "uberreich, wenn ich t"aglich Personen nackt, und nur in einer Bastmatte geh"ullet, ohne Obdach und hungernd, umherirren sah, die fr"uher Besitzer grosser H"auser, und von bedeutendem Verm"ogen gewesen waren. Ich besass zwar damals nicht mehr, als nur das, was ich der M"uhe des Einpackens, und des Verbergens nicht werth hielt; ich glaubte aber, weil ich schon solche Erfahrungen gemacht hatte, dass die Allmacht Gottes nicht verk"urzet sey, und aus Wenigen viel machen kann. Es war schon ein unberechenbar grosser Vortheil, meine Wohnung und die Einrichtung meines Magazins unversehret zu behalten, wodurch ich wieder fr"uher, mit den Waaren, die mir mein Sohn w"ochentlich aus Petersburg zuschickte, sogleich zu handeln anfangen konnte, wie nur der Feind aus Russland vertrieben war, w"ahrend andere Kaufleute – welche aus Moskau gefl"uchtet waren, wenn sie auch ihre Waaren nicht verloren hatten, aus Mangel eines Locales lange kein Magazin er"offnen konnten. Darum achte ich es f"ur eine gnadenreiche – obwohl unverdiente – F"ugung Gottes dass ich, jene falsche Nachricht im Augenblick erhielt, als ich eben Moskau verlassen wollte, sp"ater nicht mehr reisen konnte, und bleiben musste; wodurch mein Glaube, durch die vielen erhaltenen Beweise der Rettung aus Gefahren, gest"arket, mein Vertrauen, auf Gottes allm"achtige H"ulfe befestiget, meine Erfahrungen bereichert, und der Grund zu meinem nachherigen gr"ossern Wohlstande geleget worden ist. Wodurch denn es auch m"oglich ward, nach 8 Jahren in das Predigtamt zu treten, und bis zum heutigen Tage mit Gottes H"ulfe, das Evangelium kostenfrey zu verk"undigen, nehmlich ohne Besoldung, oder Verg"utung, f"ur verrichtete Amtshandlungen annehmen zu m"ussen, um leben zu k"onnen. H"atte ich, wie ich damals schon Reisefertig war, Moskau verlassen, so w"are ich entweder nie mehr dahin zur"uckgekehret, oder h"ochstens nur, um zu erfahren, dass meine zur"uckgelassene Waaren verloren gegangen sind; und h"atte alsdann weder Lust, noch Mittel gehabt, ein zweytes Etablissement zu machen, da das Erste so "ubel ausgefallen war.

Ich kehre von dieser Abschweifung zum Gange der damaligen Begebenheiten zur"uck. Um der Pl"underung zu entgehen, kleidete sich jeder, so einfach und "armlich als er nur konnte, und ich erinnere mich in der ganzen Zeit, nur einen Moskauer Einwohner ganz so wie fr"uher in anst"andigen Civilkleidern, den Wladimir-Orden vierter Klasse, an der Brust tragend, frey umhergehen, gesehen zu haben; Wahrscheinlich muss er eine Sicherheitscharte gehabt haben, die ihn f"ur Pl"underung gesch"utzet hat; welches ich daraus schliesse, dass er nach der R"uckkehr des Grafen Rostoptschin, sehr hart vom Grafen behandelt ward; obgleich er ein Wohlth"ater und rettender Engel f"ur viele hundert Personen gewesen ist, die ohne seiner H"ulfe dachlos, und ohne Brod geblieben w"aren, wenn er ihnen nicht Beydes verschafft h"atte. Er hiess – wenn ich mich nicht irre – Wischnewsky. Er suchte die Umherirrenden selbst auf, nahm Alle an, die zu ihm kamen, gab ihnen Wohnung und Speise in dem Stift, oder Krankenhause, oder Hospital, denn ich weiss nicht wie das lange, einst"ockige Geb"aude heisst, welches jenseits zur rechten Hand der rothen Pforte liegt, wenn man von der M"assnitzkoi her durch dieselbe gehet. – Mehr als dreyhundert Personen fanden dort Schutz und Nahrung. Ein gleiches Asyl war im kaiserlichen Findelhause f"ur viele Menschen. Auch mir leistete Herr von Wischnewsky einst einen nicht geringen Dienst. Eines Morgens, etwa nach 8 Uhr, ward ein junger kranker Mensch, nur mit einem weissen sehr feinem Hemde bekleidet, auf einem kurzen Schubkarren, den ein alter Di"atschock f"uhrete, unter Begleitung von 3 bewaffneten Soldaten vor unserm Hause vorbeygef"uhret. Mich dauerte sowohl der kranke junge feine Mann, als der Greis, der ihn fortschieben musste, und h"ochst erm"udet schien. Etwa um 11 Uhr kam ich aus dem Schillingschen Hause, wohin ich alle Tage ging, und als ich aus der Queergasse in die Lubi"anka treten wollte, kamen die Soldaten mit dem Kranken, und dem vor Schweiss triefende Greise, wie ich sie am Morgen gesehen hatte, von der Stadtseite einher. Die Soldaten schrien mich sehr hart an, und bevor ich noch recht verstehen konnte, was sie eigentlich wollten, h"orete ich dicht hinter mir in deutscher Sprache: Sie suchen ein Hospital, zeigen Sie ihnen das n"achste Haus, sonst m"ussen Sie den Karren mit dem Kranken fortschieben: Es war der obengenannte Herr von Wischnewsky, den ich nie gesprochen hatte, und auch nicht kannte, der aber eben dicht hinter mir, die Worte der Soldaten h"orete, und mir diesen Rath gab. Sogleich wies ich auf das ganz in der N"ahe stehende gr"aflich Rostoptschinsche Haus hin, und sagte: Hier ist ja ein Hospital, so gut Sie es nur finden k"onnen. Die Soldaten dankten, und ermunterten den F"uhrer, durch Geb"arden u. Worte – die er nicht verstand – noch die wenige Schritte zu thun, um seine B"urde los zu werden. Nicht nur meine eigne Selbsterhaltung, sondern die Erhaltung so vieler Menschen, die bey mir im Hause wohneten, gab mir diese Nothl"uge ein. Denn h"atte ich den Karren auch aufnehmen wollen so h"atte ich meine Wohnung und meine Einwohner wahrscheinlich nie mehr wieder gesehen. Unruhe, mancherley Angst, schlechte ungewohnte Nahrung, Mangel an Zeit zum Schlafen, und eine immerw"ahrende Th"atigkeit, hatten meinen K"orper so geschw"achet, dass ich den Schubkarren mit dem Kranken keine 50 Schritt h"atte vorw"arts bringen k"onnen, wozu gewiss auch nicht einmal die Kolbenst"osse der begleitenden Soldaten, mich gest"arket, wohl aber noch mehr unf"ahig gemacht haben w"urden. Sobald sich der Zug mit den Kranken wieder in Bewegung setzte, lief ich was ich vermochte, meine Wohnung auf der ganz nahe liegenden Schmiedebr"ucke zu erreichen, welches mir auch gelang. Ich w"urde meinem Retter auch nie den Namen nach kennen gelernt haben, wenn Herr von Wischnewsky, bei seiner Nachhausekunft, diesen Vorfall nicht dem Schauspieler Haltenhof erz"ahlet h"atte, der mir sp"ater sowohl dieses, wie auch den Namen des Hr. v. W, und das viele Gute, was er t"aglich f"ur alle that, die in dem dortigen Hause wohneten, mittheilete. Noch sp"at am Abend kam der Kranke, den ich schon zweymal an diesem Tage gesehen hatte, in derselben Begleitung vor meinem Fenstern, der Schmiedebr"ucke entlang vor"uber.

Auch das Schillingsche Waarenlager ward endlich doch gepl"undert, so lange es auch verschonet blieb. Der Anblick war recht schmerzlich. Auf dem Hofe lag der rohe Caffee Fuss hoch auf der Erden ausgesch"uttet. Die Kisten, in denen feine Tischweine gepackt waren, an der schmalen Seite ge"offnet, str"omte die k"ostliche Fl"ussigkeit auf den Hof; weil bey jeder Bouteille, die auf diese unbequeme Weise herausgerissen ward, immer mehrere Bouteillen zerbrochen werden mussten. Die Pl"underer hielten sich meistens in dem untern Geschosse auf, so lange noch Wein vorr"athig war. Die obern Stockwerke blieben unbewohnet, nur der Commiss Settelmayer, war allein von Schillings nachgeblieben; welcher eine gute Art hatte die Pl"underer zu behandeln, und so lange der gute Wein nicht zu Ende ging, auch pers"onlich nicht misshandelt ward. Ich fand ihn eines Tages aber dennoch fast ohnm"achtig von erlittenen Schl"agen, auf einem Kanapee liegend. Er klage mir seine Noth, verlor aber noch immer nicht den Muth, l"anger im Hause zu bleiben. Grade an diesem Tage – aber auch nur dieses eine mal – hatte ich im Schillingschen Hause zwei Abentheuer nach einander zu bestehen. Als ich an diesem Tage von Settelmayer weggehen wollte, taumelte ein halbbetrunkener Soldat auf mich zu, und wollte mein Hemd, welches ich am Leibe trug, von mir haben. Gl"ucklicherweise geschah dies in einem Zimmer, wo ein halb ge"offneter W"ascheschrank stand, in welchem einige weisse Bettt"ucher lagen. Ich "offnete den Schrank, schlug zwey Bettt"ucher noch einmal zusammen, in der Quadratform, wie gewaschene Hemde gelegt zu werden pflegen; und sagte zu dem ungest"urmen Foderer „Hier haben Sie ein halbes Dutzend, welche rein gewaschen, und besser sind, wie das schmutzige Hemd welches ich auf dem Leibe habe.[“] Es w"are mir sehr "ubel gegangen, wenn der Soldat den ihm dargebrachten B"undel, auseinander geschlagen h"atte. Er that es aber Gottlob nicht, sondern eilte freundlich dankend davon. Kaum war ich diesen Soldaten los, als ein Anderer, – in demselben Zustande wie der fr"uhere auf mich zukam, mich an der Brust packte, und mich fragte: Wo sein zweyter Handschuh sey, den er hier verloren habe? Dabey zeigte er mir den andern, den er noch in der Hand hatte. Ich bat ihn mir den Handschuh einen Augenblick zu erlauben, damit ich den verlorenen suchen k"onnte. Nicht ohne M"uhe gab er mir den, und als ich sah, dass dieser Handschuh, ohngef"ahr, von der Farbe der meinigen war, die ich in der Tasche hatte, gab ich ihm nach einigen Augenblicken, meine beyden Handschuh, und ohne zu merken, dass die meinigen etwas mehr gr"unlich waren, nahm er sie, dankte, und eilte davon. Dieses war das erste, und auch das letzte mal, dass ich unmittelbar am Leibe angepacket worden war, obgleich ich oft, durch ganze Haufen pl"undernder Soldaten, mitten hindurch ging, wenn ich pl"otzlich in eine Queerstrasse auf sie stiess, und nicht mehr zur"uck, oder entfliehen konnte, ohne von ihnen eingeholet zu werden.

Nach siebzehn Tagen, ward endlich alle "offentliche Pl"underung bey harter Strafe verboten; obwohl des Nachts, an abgelegenen Orten, und wo es nur heimlich geschehen konnte, die Pl"underung so lange fortdauerte, wie es noch Franzosen in der Stadt gab. Es ward eine Munizipalit"at eingerichtet wozu Ausl"ander gew"ahlet wurden, welche franz"osisch sprechen konnten. Eine dreyfarbige Sch"arpe um den Arm, machte die Beamten kenntlich, und jedes Quartal hatte seine eigene Aufseher, welche angewiesen waren, jedem beyzustehen der ihre H"ulfe bedarf.

Ich danke Gott, dass keine Wahl auf mich fiel; denn absagen durfte niemand. Der Director dieser polizeylichen Anstalt war ein Professor der Moskauer Universit"at, namens Willers. Ich weiss nicht, ob er ein geborener Franzose oder Sachse war, aber das ist mir bekannt, dass er mit einer Dresdnerin verheyrathet war, welche nachher, bey Gelegenheit einer Anwesenheit des Hochseligen Kaisers Alexander in Dressden, die Befreyung ihres Mannes, und seine R"uckkehr nach Deutschland, von dem Monarchen erflehet, und auch erwirket hatte. Ich habe Herrn Professor Willers nie gesehen und kann nicht wissen, ob er das Amt eines Polizeymeisters gern, oder nothgedrungen annahm; weil er doch einmal durch einen besondern Zufall, gleich im ersten Augenblick mit Napoleon bekannt ward, wie dieser in Moskau einzog. Napoleon war bis zur Moskauer Sastawa gelangt, wo er Halt machte, in der Meynung „Es werde ihm eine Deputation aus der Stadt entgegen kommen, die Schl"ussel der Stadt "uberreichen, und um Schonung bitten etc [“] – wie es in andern Residenzen, und St"adten zu seyn pflegte. Als aber von alle dem nichts geschah, und er vergeblich eine kleine Weile gewartet hatte; sandte er einen seiner Adjutanten in die Stadt, um sich nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens zu erkundigen, wobey er sich "ausserte; ob denn die Einwohner nicht w"ussten, dass von ihm, dem Sieger, das Schicksal der Stadt abhienge? Der Adjutant, ritt eine ziemliche Strecke in die Stadt hinein, fand die Strassen Menschenleer, und nur sehr wenige ganz gemeine u. arme Leute, die seine Fragen nicht beantworten konnten, weil er sie in franz"osischer Sprache that. Endlich erblickte der Adjutant, in der N"ahe des Universit"atsgeb"audes, den Professor Willers, den er anrief, und befragte. Von welchem er auch verstanden ward, und seine Fragen beantwortet erhielt. Willers sagte ihm, dass sowohl die Beh"orden, wie alle nur einigermassen wohlhabende Leute Moskau verlassen hatten, und nur die Hefe des Volkes, und sehr wenige Ausl"ander in der Stadt zur"uckgeblieben sind. Der Adjutant nahm Willers mit sich, damit er dasselbe Napoleon selbst sagen sollte. Auf dieser Weise ward er mit Napoleon bekannt, und die Wahl zum Polizeymeister war also schon in diesem Umstande begr"undet, auch wenn Willers nachher nie in den Kreml gegangen w"are.

Napoleon zog nach Anh"orung dieser Aussage, mit get"auschter Erwartung ohne Sang und Klang gegen halb drey Uhr, am Montag, den zweiten September, des Nachmittags in Moskau ein, und begab sich gleich nach dem Kreml, wo er bis zum 13ten October, eben so still und ger"auschlos lebte, wie er gekommen war. Erst sp"ater fing er an sich zu amusieren. Aber womit? Es wurden franz"osische Com"odien zu seiner Unterhaltung von Diletanten im Kreml aufgef"uhrt, welche von einigen nachgebliebenen Modeh"andlerinnen, Aufsehern bey Kindern – die s"amtlich nie Schauspieler waren – gespielet; und sollte man es glauben, Napoleon – der doch das sch"onste und gl"anzendste gesehen hatte, was die B"uhne leisten konnte, fand, oder schien doch an diesen j"ammerlichen Vorstellungen Geschmack zu finden, und soll mit der gr"ossten Aufmerksamkeit Stundenlang zugeh"oret haben, als ob er sich wirklich daran erg"otzte. Dieses haben mehrere Augenzeugen versichert. Eben so schlecht war sein Tisch so lange bestellt, bis russische Bauern aus der Umgegend anfingen Indianische H"uhner, G"anse, Butter etc. nach der Stadt zu bringen – wiewohl nur in sehr geringer Quantit"at. Schon an der Sastawa ward ihnen ihr Vorrath sehr theuer von Aufk"aufern f"ur die kaiserliche K"uche, abgenommen und mit enormen Preisen bezahlt. Dieses brachte den Obrist Flahau auf den Gedanken; einen Contorschick Demidows, der in unserem Hause war, mit einigen 100 Franques, auf die n"achsten Demidowschen G"uter zu schicken, um daf"ur Victualien zu kaufen. Der Contorschick war auch willig dazu, hatte das Geld schon erhalten, und der Obrist liess mich nur rufen um den Menschen genau zu bedeuten, was er vorz"uglich bringen sollte. Ich erschrack "uber die Gefahr, welche f"ur mich bey ertheilung dieser Instruction entstehen k"onnte, wenn es heissen w"urde: dass ich die Leute auf die Demidowschen G"uter geschicket habe, um den Feinden des Vaterlandes, Nahrungsmittel zu bringen. Ich zwang mich zu einem L"acheln, und sagte dem Obristen in deutscher Sprache: Das w"are sch"on! Wie w"urde dieser russische Schreiber lachen, wenn er mit ihre 200 Fr. in seinem Dorfe angelanget ist, und mit Recht "uber Sie spotten, dass Sie ihm das Geld anvertrauet haben, da er ja in seinem Dorfe sicher ist, von Ihnen weder gesuchet, noch f"ur sein Ausbleiben bestrafet zu werden. Der Obrist lachte laut, sagte „Da h"atte ich bald einen recht albernen Streich begangen, welchen ich mir nie vergeben k"onnte, dass ich auf diese Weise mein Geld verloren h"atte.[“] Er dankte mir dass ich ihn gewarnet, nahm den Contorschik das Geld wieder ab, und die Sache unterblieb zu meiner grossen Zufriedenheit.

Als nun die "offentliche Pl"underung aufgeh"oret hatte, und die obengenannte Polizey eingerichtet war, kamen sehr viele Bauern aus der Umgegend nach der Stadt, aber nicht um Lebensmittel zu bringen, sondern Kupfergeld, in S"acken zu 25 Rubel, u. Salz in Tschetwerten zu kaufen, und sowohl in den abgebrannten Buden, als H"ausern nach allem zu suchen, was sie auf ihren Telegen fortbringen konnten. Ein Sack Kupfergeld von 25 Rubel (dessen sehr vieles in den Kellern des Kremls lag) kostete, eben so wie ein Tschetwert Salz – (von dem gleichfalls grosse Vorr"athe vorhanden waren) 4 Rubel oder einen Silberrubel. Eben so konnte man ganze Paquete alte Banknoten f"ur einige Silberrubel kaufen. T"aglich mehrten sich die K"aufer, in dem Maasse, als Bauern mit ihren Ladungen von Kupfergeld und Salz in ihre D"orfer unversehrt, aus Moskau zur"uckkamen.

Die Lage der Franzosen war warlich nichts weniger als beneidenswerth. Die Lebensmittel mangelten, weder Tuch, Leder, Leinen etc war zu haben. Kleider und Schuhe waren abgerissen, die Kiwer und das Riemenzeug der Cavalleristen unbrauchbar geworden. Nur unter der st"arksten Bedeckung konnte man fouragiren, weil kleine Escorten, in den D"orfern, oder auf den Feldern von den Bauern "uberfallen, und v"ollig aufgerieben wurden. Der Obrist Couteill kam einmal von einer solchen Expedition in der Nacht, und ohne Hut zur"uck. Er versicherte; nur seinem braven englischen Pferde habe er die Rettung seines Lebens zu danken. Es "uberstieg seine Begriffe, und als wahrer Krieger konnte er nicht Worte finden, die Tapferkeit der russischen Bauern zu loben, welche die ganze franz"osische Mannschaft aufgerieben, die zum Fouragiren ausgezogen, und welche der Obrist aus freyem Antrieb begleitet hatte. Auf allen Feldz"ugen mit Napoleon, und sogar in Aegypten habe er nie so etwas gesehen. Das zum Fouragiren ausgesandte Commando war nehmlich in ein grosses Dorf in der N"ahe von Moskau gekommen, welches anscheinend von den Einwohnern verlassen war. Als aber die Franzosen bis zur Mitte des Dorfes vorr"uckten, str"omten von beyden entgegengesetzten Eing"angen des Dorfes, pl"otzlich, als ob sie der Erde entstiegen, eine unz"ahlbare Menge bewaffneter Bauern herbey. Der kommandirende franz"osische Offizier, liess sogleich seine Leute nach beyden Seiten zugleich Feuer geben, und ununterbrochen mit Lebhaftigkeit unterhalten. Die Bauern liessen sich aber nicht entmuthigen, drangen "uber ihre gefallene Br"uder hin – deren nicht wenige waren, da die Sch"usse in ihre gedr"angte Haufen fielen, und jeder seinen Mann traf – fielen dann mit Spiessen, Stangen, Sensen, und auch kriegerische Waffen, "uber die von beyden Seiten in die Mitte gerathenen Franzosen her, von denen niemand, ausser den Obristen Couteill entkam, welcher, als er den Muth der Bauern sah, seitw"arts in einen offenen Hof sprengte, und dort "uber einen Zaun setzte, (wobey er seinen Hut verlor) und so das freye Feld erreichte, um gl"ucklich nach Moskau zu entkommen. In der Stadt selbst, und besonders in entlegenen Fabriken und H"ausern, wurden eine unglaubliche Menge franz"osischer Soldaten von den nachgebliebenen Fabrikarbeitern und Einwohnern erschlagen. Sogar im Demidowschen Hause, welches doch immerw"ahrend von den Feinden zahlreich besetzt war, fand man nachher im Abtritte des hintern Hofes, einen schon in Verwesung "ubergegangenen franz"osischen Soldaten in voller Uniform. Geschah dieses in der Mitte der Stadt; so kann man sich leicht denken, wie leicht es in abgelegenen Gegenden m"oglich war, wo die schlafenden Soldaten in der Nacht "uberfallen, und meistens mit dem Tapor – Handbeile – erschlagen wurden, wie man an den gespaltenen K"opfen der Leichen sehen konnte, die sp"ater aus der Stadt gebracht, u. auf Verordnung der russischen Polizey Haufenweise verbrannt wurden, um die Stadt von dem verpesteten Gestank zu reinigen. Die in Moskau zur"uck gebliebenen Einwohner hatten sich allm"ahlig, an diesen "ublen Geruch, von crepirten Pferden, Hunden, verwesenden Menschen, und von den verbrannten empirevmathischen Dingen gew"ohnet; aber als ich im November desselben Jahres aus Petersburg nach Moskau zur"uckkehrte, sp"urete ich dieses ekelhaften Geruch schon viele Werste von Moskau, welcher immer st"arker ward, je n"aher ich der Stadt, und in die Stadt kam.

Allm"ahlig kamen einzelne Haufen bewafneter Kosaken in die Stadt, pl"ankelten mit den Chasseurs in entlegenen Strassen, die mit ihren ausgehungerten Pferden, sie nicht verfolgen, und einholen konnten. Die Kosaken wurden immer dreister, wagten sich tiefer in die Stadt hinein, griffen sogar einzelne Wachtposten an, und wenn die Schildwache die Mannschaft heraus rief, sprengten die Kosaken auseinander, bevor die Soldaten noch zum Schusse kommen konnten. So kamen sie einst bis zum Marienhospitale, u. verwundeten den franz"osischen Offizier und einige Soldaten, die sorglos vor der Wachtstube standen; hielten auch noch Stand, als die nicht zahlreiche Mannschaft auf sie zu schiessen anfing, und zogen erst dann ab, als von mehreren angr"anzenden Wachtposten, Succurs herbey eilte. Bey dieser Gelegenheit ward ein Bekannter von mir, der Hospital-Arzt Wette schwer im Schenkel, und zwar von den Franzosen verwundet. Wette eilte, als er schiessen h"orte, aus seiner Wohnung, die am andern [sic] des Hospitals, der Wachtstube gegen"uber lag, auf den Hof hinaus, um den Grund dieses Schiessens zu erfahren. Ungl"ucklicherweise f"ur ihn, hatte der Kosak, welcher den franz"osischen Offizier verwundete, eine gelbe Genille an; und da Wette in einer eben solchen an der Th"ure erschien, glaubten die franz"osischen Soldaten in ihm den Kosaken zu erkennen, der ihren Offizier verwundet hatte, und Mehrere feuerten ihre Gewehre auf Wette zugleich ab, welcher aber nur im Schenkel getroffen ward, und zur Erde sank. Er liess mich zu sich bitten, und ich hatte dadurch wieder einen neuen Pflichtgang; auf welchen mich Gottes Gnade gleichfalls sch"utzte, obgleich das Hospital sehr weit von der Schmiedebr"ucke lag, und ich durch "ode Gegenden ging, wo ich oft Werste weit keine lebendige Seele fand, und h"ochstens nur Soldatenhaufen, die mich mit durchbohrenden Blicken ansahen, aber doch keine Hand an mich legten, so dass ich Gottlob jedesmal unversehret, hin und nach Hause kam. Pl"otzlich erscholl der Ruf: Wir haben Friede: Der Jubel war allgemein. Alles umarmte sich, als w"are es Ostermorgen. Statt des gew"ohnlichen bon jours, begr"ussten und k"ussten sich Bekannte und Unbekannte mit den Worten: Wir haben Friede. Alte Guardisten dr"uckten fremden Vor"ubergehenden, ihre grossen B"arte ins Gesicht, und k"ussten auch russische Bauern, mit dem Friedensgruss – die aber durch solche Umarmungen mehr Angst als Freude empfanden, weshalb ihr Benehmen oft sehr l"acherlich anzusehen war. Die Franzosen hatten den Aufenthalt in dem abgebrannten Moskau herzlich satt, und sehnten sich herzlich aus dieser W"uste, nach den Fleischt"opfen Aegyptens zur"uck; und daher die allgemeine Freude.

So wie mir die Adjutanten Berthiers erz"ahlten, sollte Napoleon bey seinem Zuge nach Russland folgende Pl"ane gehabt haben. – Relate reffero – denn verb"urgen mag ich freylich die mir mitgetheilten Nachrichten nicht, die aber gleichwohl wahres enthalten k"onnen, da Berthier das ganze Vertrauen Napoleons genoss, so wie seine Adjutanten das seinige besassen. – Also, Erstens, soll Napoleon an den Hochseligen Kaiser Alexander eigenh"andig geschrieben haben: Der Kaiser soll zu ihm – Napoleon her"uber kommen, er wolle ihn dann nach Russland mit seiner Armee begleiten, um ihn nicht nur dem Namen nach, sondern zum wirklichen Selbstherrscher aller Reussen zu machen, und ihn von der Tyranney des Senates und der Synode befreyen, die dem Kaiser nur den Namen, aber nicht die Macht eines Selbstherrschers liessen. Als dieser Plan Napoleons fehlschlug, wie er es denn musste, weil Napoleon, weder den Kaiser, noch Russland kannte, und von seinen Gesch"aftsf"uhrern ganz irre gef"uhret war; entwarf er, zweytens, den Plan, den Adel aufzuwiegeln, um Russland eine Constitution, mit Parlament und Kammern zu geben; und als auch dieser Plan an der Treue des russischen Adels f"ur ihr angestammtes Kaiserhaus scheiterte, wollte er, drittens, die Volksmasse zur Emp"orung reitzen, und – wie er es nannte – frey machen. Als er aber, den Geist Russlands, in Moskau besser kennen lernte, und seine grobe T"auschungen erkannte, sandte er einen seiner vertrautesten Gener"ale – ich glaube Lauriston, wenn ich mich nicht irre – zu dem Feldmarechall Kutusow, mit folgenden Friedensvorschl"agen: Erstens, foderte er eine Contribution, deren Gr"osse aber die Obristen nicht anzugeben wussten. 2tens Sollte ihm eine freye Militairstrasse durch Russland nach Persien gestattet werden, um von da aus nach Indien zu ziehen, um den Engl"andern von der Landseite beyzukommen, und 3tens „Unbedingte Anerkennung von russischer Seite, f"ur den K"onig von Pohlen den Napoleon erst noch ernennen werde[“].

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