На меже меж Голосом и Эхом. Сборник статей в честь Татьяны Владимировны Цивьян
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Москве я обязана прежде всего тем, что начала ухватывать в своей родной культуре нечто такое, что ранее было скрыто от моих глаз. Этот новый взгляд пришел ко мне благодаря во многом Татьяне Владимировне Цивьян. Знакомство с Татьяной Владимировной, длящееся уже более двадцати лет, обернулось для меня тем, что русская культура стала мне более близкой во всей, однако, ее чужеродности, и, наоборот, родная мне немецкая культура, которая представлялась прежде совершенно естественной, потеряла отчасти свою естественную естественность. Это непроизвольное отстранение от собственной культуры, задававшее теперь новую познавательную позицию, явилось для меня, так же как и для самого Беньямина, «самым несомненным, – говоря его словами, – прибытком пребывания в России». Именно эта позиция определила всю стратегию повествования его Берлинского детства . И если кто-то захочет пережить вслед за мной приключения рефлектирующей мысли Беньямина без риска упустить ее исключительно самобытный характер, то лучше всего это проделать, конечно же, на языке оригинала, которым так блестяще владеет Татьяна Владимировна.
Der Titel meines Beitrags verweist auf einen Zusammenhang zwischen Walter Benjamins Moskau-Erfahrung (soweit sich diese aus dem Moskauer Tagebuch (1926/1927) und dem Essay “Moskau” (1927) rekonstruieren lässt) und dem Erinnerungsbuch an die Berliner Kindheit um neunzehnhundert (1932—1938). Die Konstellation Moskau – Berlin mag überraschen, da Benjamins Berliner Kindheit traditionell als Fortsetzung der um das Berlin seiner Kindheit zentrierten Texte gelesen wird – beginnend mit den sechs kleinen Texten, die sich unter dem Titel “Vergrößerungen” in der Einbahnstraße (1928) finden, über die Rundfunkgeschichten für Kinder (1929—1932) bis hin zur Berliner Chronik (1932). Eine solche textkritische Lektüre der Berlin-Texte ist durchaus legitim, ja produktiv, da sie die fortschreitende Verdichtung der Benjaminschen Erinnerungen bis hin zur “Auszehrung des Faktischen” verfolgt. [178] Mindestens ebenso sehr lohnt sich indes ein (auf die spätere Berliner Kindheit bezogener) Rückblick auf Benjamins Moskau-Texte, klingt doch hier das Thema “Kindheit” bereits an. Dabei hat man es nicht nur mit einem thematischen Gleichklang zwischen den Moskau– und den Berlin-Texten zu tun, [179] sondern auch mit einem textgenetischen Zusammenhang. Gerade in den Moskau-Texten geben sich die Vorzeichen jener Erzählstrategie zu erkennen, die dann für die Berliner Kindheit konstitutiv werden wird. Eben davon handelt das Folgende.
Die Berliner Kindheit ist ein Erinnerungsbuch, es ist der Versuch, “der Bilder habhaft zu werden, in denen die Erfahrung der Großstadt in einem Kinde der Bürgerklasse sich niederschlägt” [Vorwort, Berliner Kindheit , GS , VII.1, 385]. Mit diesen Worten kündigt Benjamin im Vorwort zur Pariser Fassung der Berliner Kindheit seine persönliche Geschichte eines Hineinwachsens in eine Kultur an, deren historische Unwiederbringlichkeit ihm schmerzlich bewusst war. [180]
Bei Benjamins literarischer Rückkehr in seine kindliche Vergangenheit verlieren die Berliner Interieurs, Häuser, Straßen und Orte das vertraute Gesicht. Daher werden in diesem Erinnerungsbuch auch so wenig architektonische Sehenswürdigkeiten, so wenig faktische kulturelle und soziale Gegebenheiten des Berlins um die Jahrhundertwende sichtbar, wie sie wohl für den Erwachsenen bedeutsam wären. Schon die Titel der einzelnen Kapitel – “Der Strumpf” findet sich in gleichberechtigtem Beieinander mit der “Siegessäule”, “Der Nähkasten” mit dem “Kaiserpanorama”, “Das Telefon” mit dem “Tiergarten” – verweisen auf das, was für das Kind die wirklichen Sehenswürdigkeiten sind.
Der erinnernde Benjamin besieht die Welt, wie es bei Szondi in der schönen Formulierung heißt, “mit dem zweifach fremden Blick: mit dem Blick des Kindes, das wir nicht mehr sind, mit dem Blick des Kindes, dem die Stadt noch nicht vertraut war” [Szondi 1978b, 296]. Um diese Formulierung positiv zu wenden: Benjamin erinnert nicht einfach die Stadt seiner Kindheit, sondern die Stadt als eine ganze Welt, so wie sie sich in ihren Wörtern, einzelnen Dingen, Wohnungen und Straßen, mit ihren gelegentlichen Sommerreisen und alljährlichen Sommerwohnungen dem Kind entdeckt.
Gegenstand der Schilderung ist weniger das Was der Entdeckung als vielmehr der Vorgang des Entdeckens selbst. Zu dem zentralen Ereignis der Berliner Kindheit wird dementsprechend, dass das Kind alle erdenklichen Türen öffnet, jederlei Art von Schwellen überschreitet, die verschiedensten Räume betritt – oder doch zumindest in deren Inneres hineinspäht, hineinlauscht oder hineintastet. Stets steht hinter diesen einzelnen realen Gesten eine allgemeine psychologische Geste, nämlich die Erkenntnis als Entdeckung, Enthüllung, Entschleierung, Enträtselung, Entzauberung etc. Dabei ist es ganz gleich,
– ob das Kind den Riegel der Ofentüre beiseite schiebt [Wintermorgen, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 397—398]; [181]
– ob es den Fingerhut “gegens Licht [hielt]”, so dass dieser “am Ende seiner finstern Höhlung [glühte], in der unser Zeigefinger so gut Bescheid wußte” [Der Nähkasten, Berliner Kindheit , GS , VII.1, 425];
– ob es in die aus Kissen und Bettdecken gebildete Höhle des Bettes hineinkriecht [Das Fieber, Berliner Kindheit , GS , VII.1, 402—406];
– ob sich die durch zwei Schwellen “doppelt verwahrte Erkerwohnung” an der Steglitzer Straße, Ecke Genthiner Straße, die “Kostbares in sich zu bergen hatte”, vor dem Kind “auftut” [Steglitzer Ecke Genthiner, Berliner Kindheit , GS , VII.1, 400];
– ob in der großmütterlichen Wohnung im Blumeshof 12 eine Reihe von Räumen “sich eröffneten”, nämlich ein Spindenzimmer, ein anderes Hinterzimmer, ein drittes Hinterzimmer und als “wichtigster von diesen abgelegenen Räumen” die Loggia, die ihrerseits “den Blick auf fremde Höfe mit Portiers, Kindern und Leierkastenmännern freigab” [Blumeshof 12, Berliner Kindheit , GS , VII.1, 412];
– ob das Kind auf der Suche nach Ostereiern mit einem Anspruch von Wissenschaftlichkeit “die düstere Elternwohnung als ihr Ingenieur [entzauberte]” [Verstecke, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 418];
– ob es sich – bereits jenseits der Geschlossenheit der bürgerlichen Interieurs – im “Innern” des Gartenpavillons in die Farben vertieft, ähnlich wie beim Tuschen, “wo die Dinge mir ihren Schoß auftaten, sobald ich sie in einer feuchten Wolke überkam” [Die Farben, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 424];
– ob aus der weihnachtlich geschmückten Stadt, “aus ihrem Innern”, mit dem Weihnachtsmarkt zugleich “noch etwas anderes hervor[quoll]: die Armut” [Ein Weihnachtsengel, Berliner Kindheit, GS , VII.1, 420];
– ob sich am Winterabend “ein dunkles, unbekanntes Berlin” vor dem Kind “ausbreitete” [Winterabend, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 414];
– ob das Kind sich im Sommer “die Gegend, die im Schatten der königlichen Bauten lag, zu eigen machte” und mit der Pfauenfeder etwas sucht, “was mir die Insel ganz zu eigen gegeben, sie ausschließlich mir eröffnet hätte” [Pfaueninsel und Glienecke, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 408, 409];
– oder ob es sich in Glienecke “neue Territorien erobert”, indem es die “Scheidung” zwischen unkundigen und kundigen Radfahrern überwindet und in den Rang derer “rückt”, “die die Halle verlassen und im Garten radeln durften” [Pfaueninsel und Glienecke, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 409];
– ob es “ins Innere” des Kaiserpanoramas tritt und hier durch “je ein Fensterpaar in [die] schwach getönte Ferne” der Reisebilder sieht [Kaiserpanorama, Berliner Kindheit , GS, VII.1, 389, 388];