ЖАНРЫ

Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen

Перфилова Е. Д.

Шрифт:

Mein Kind ist gestorben, unser Kind – jetzt habe ich niemanden mehr in der Welt, ihn zu lieben, als Dich. Aber wer bist Du mir, Du, der Du mich niemals, niemals erkennst, der an mir vor"ubergeht wie an einem Wasser, der auf mich tritt wie auf einen Stein, der immer geht und weiter geht und mich l"asst in ewigem Warten? Einmal vermeinte ich Dich zu halten, Dich, den Fl"uchtigen [100] , in dem Kinde. Aber es war Dein Kind: "uber Nacht ist es grausam von mir gegangen, eine Reise zu tun, es hat mich vergessen und kehrt nie zur"uck. Ich bin wieder allein, mehr allein als jemals, nichts habe ich, nichts von Dir – kein Kind mehr, kein Wort, keine Zeile, kein Erinnern, und wenn jemand meinen Namen nennen w"urde vor Dir, Du h"ortest an ihm fremd vorbei. Warum soll ich nicht gerne sterben, da ich Dir tot bin, warum nicht weitergehen, da Du von mir gegangen bist? Nein, Geliebter, ich klage nicht wider Dich, ich will Dir nicht meinen Jammer hinwerfen in Dein heiteres Haus. F"urchte nicht, dass ich Dich weiter bedr"ange – verzeih mir, ich musste mir einmal die Seele ausschreien in dieser Stunde, da das Kind dort tot und verlassen liegt. Nur dies eine Mal musste ich sprechen zu Dir – dann gehe ich wieder stumm in mein Dunkel zur"uck, wie ich immer stumm neben Dir gewesen. Aber du wirst diesen Schrei nicht h"oren, solange ich lebe – nur wenn ich tot bin, empf"angst Du dies Verm"achtnis von mir, von einer, die Dich mehr geliebt als alle und die Du nie erkannt, von einer, die immer auf Dich gewartet und die Du nie gerufen. Vielleicht, vielleicht wirst Du mich dann rufen, und ich werde Dir ungetreu sein zum ersten Mal, ich werde Dich nicht mehr h"oren aus meinem Tod: kein Bild lasse ich Dir und kein Zeichen, wie Du mir nichts gelassen; nie wirst Du mich erkennen, niemals. Es war mein Schicksal im Leben, es sei es auch in meinem Tod. Ich will Dich nicht rufen in meiner letzten Stunde, ich gehe fort, ohne dass Du meinen Namen weisst und mein Antlitz. Ich sterbe leicht, denn Du f"uhlst es nicht von ferne. T"ate es Dir weh, dass ich sterbe, so k"onnte ich nicht sterben.

100

fl"uchtigнеуловимый, мимолётный

Ich kann nicht mehr weiter schreiben… mir ist so dumpf im Kopfe… die Glieder tun mir weh, ich habe Fieber… ich glaube, ich werde mich gleich hinlegen m"ussen. Vielleicht ist es bald vorbei, vielleicht ist mir einmal das Schicksal g"utig, und ich muss es nicht mehr sehen, wenn sie das Kind wegtragen… Ich kann nicht mehr schreiben. Leb wohl, Geliebter, leb wohl, ich danke Dir… Es war gut, wie es war, trotz alledem…ich will Dirs danken bis zum letzten Atemzug. Mir ist wohl: ich habe Dir alles gesagt, Du weisst nun, nein, Du ahnst nur, wie sehr ich Dich geliebt, und hast doch von dieser Liebe keine Last [101] . Ich werde Dir nicht fehlen – das tr"ostet mich. Nichts wird anders sein in Deinem sch"onen, hellen Leben… ich tue Dir nichts mit meinem Tod… das tr"ostet mich, Du Geliebter.

101

Last, f – груз, бремя

Aber wer… wer wird Dir jetzt immer die weissen Rosen senden zu Deinem Geburtstag? Geliebter, h"ore, ich bitte Dich… es ist meine erste und letzte Bitte an Dich… tu mir es zuliebe [102] , nimm an jedem Geburtstag – es ist ja Tag, wo man an sich denkt – nimm da Rosen und tu sie in die Vase. Tu’s, Geliebter, tu es so, wie andere einmal im Jahre eine Messe lesen lassen f"ur eine liebe Verstorbene. Ich aber glaube nicht an Gott mehr und will keine Messe, ich glaube nur an Dich, ich liebe nur Dich und will nur in Dir noch weiterleben… ach, nur einen Tag im Jahr, ganz, ganz still nur, wie ich neben Dir gelebt… Ich bitte Dich, tu es, Geliebter… es ist meine erste Bitte an Dich und die letzte… ich danke Dir… ich liebe Dich, ich liebe Dich… lebe wohl…

102

etw. zuliebe tunделать что-л. из любви

Er legte den Brief aus den zitternden H"anden. Dann sann er lange nach. Verworren [103] tauchte irgendein Erinnern auf an ein nachbarliches Kind, an ein M"adchen, an eine Frau im Nachtlokal, aber ein Erinnern, undeutlich und verworren. Schatten str"omten zu und fort, aber es wurde kein Bild. Er f"uhlte Erinnerungen des Gef"uhls und erinnerte sich doch nicht. Ihm war, als ob er von all diesen Gestalten getr"aumt h"atte, oft und tief getr"aumt, aber doch nur getr"aumt.

103

verworren – беспорядочный, запутанный

Da fiel sein Blick auf die blaue Vase vor ihm auf dem Schreibtisch. Sie war leer, zum ersten Mal leer seit Jahren an seinem Geburtstag. Er schrak zusammen [104] : ihm war, als sei pl"otzlich eine T"ur unsichtbar aufgesprungen, und kalte Zugluft str"ome aus anderer Welt in seinen ruhenden Raum. Er sp"urte einen Tod und sp"urte unsterbliche Liebe: innen brach etwas auf in seiner Seele, und er dachte an die Unsichtbare k"orperlos und leidenschaftlich wie an eine ferne Musik.

104

zusammen schrecken – вздрагивать

Der Amokl"aufer

Im M"arz des Jahres 1912 ereignete [105] sich im Hafen von Neapel bei dem Ausladen eines grossen "Uberseedampfers ein merkw"urdiger Unfall, "uber den die Zeitungen umfangreiche, aber sehr phantastisch ausgeschm"uckte [106] Berichte brachten. Obzwar Passagier der „Oceania“, war es mir ebenso wenig wie den anderen m"oglich, Zeuge [107] seltsamen Vorfalles zu sein. Es ereignete sich zur Nachtzeit w"ahrend des Kohlenladens und der L"oschung der Fracht [108] , wir aber, um den L"arm zu entgehen, alle an Land gegangen waren und dort in Kaffeeh"ausern oder Theatern die Zeit verbrachten. Immerhin meine ich pers"onlich, dass manche Vermutungen, die wirkliche Aufkl"arung jener Szene in sich tragen, und die Ferne der Jahre erlaubt mir wohl, das Vertrauen eines Gespr"aches zu nutzen, das jener seltsamen Episode unmittelbar [109] vorausging.

105

ereignenслучаться

106

ausschm"ucken – приукрашивать

107

Zeuge, m – свидетель

108

Fracht, f – груз

109

unmittelbar – непосредственно

Als ich in der Schiffsagentur von Kalkutta einen Platz f"ur die R"uckreise nach Europa auf der „Oceania“ bestellen wollte, zuckte der Clerk bedauernd die Schultern. Am n"achsten Tage teilte er mir erfreulicherweise mit, er k"onne mir noch einen Platz vormerken, freilich sei es nur eine wenig komfortable Kabine unter Deck und in der Mitte des Schiffes. Ich war schon ungeduldig, heimzukehren. Ich z"ogerte nicht lange und liess mir den Platz zuschreiben.

Der Clerk hatte mich richtig informiert. Das Schiff war "uberf"ullt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepresster, rechteckiger Winkel in der N"ahe der Dampfmaschine. Die stockende, verdickte Luft roch nach "Ol und Mod: nicht f"ur einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen. Von unten her ratterte und st"ohnte die Maschine, von oben h"orte man unaufh"orlich das schlurfende [110] Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck. So fl"uchtete [111] ich wieder zur"uck auf Deck, und wie Ambra einatmete ich den s"usslichen weichen Wind, der vom Lande her "uber die Wellen wehte.

110

schlurfenшаркать ногами

111

fl"uchten – бежать

Aber auch das Promenadendeck war voll Enge und Unruhe: es flirrte von Menschen, die mit der flackernden Nervosit"at plaudernd auf und nieder gingen. Das zwitschernde Gesch"aker [112] der Frauen, das rastlos kreisende Wandern tat mir irgendwie weh. Ich hatte eine neue Welt gesehen. Nun wollte ich mir "ubersinnen, zerteilen, ordnen, nachbildend das heiss in den Blick Gedr"angte gestalten. Aber es war unm"oglich, mit sich selbst auf dieser schattenlosen wandernden Schiffsgasse allein zu sein.

112

Gesch"aker, n – любезничание

Drei Tage lang versuchte ich, sah resigniert [113] auf die Menschen, auf das Meer. Aber das Meer blieb immer dasselbe, blau und leer, nur im Sonnenuntergang pl"otzlich mit allen Farben war es "ubergossen. Und die Menschen kannte ich auswendig nach dreimal vierundzwanzig Stunden. Jedes Gesicht war mir vertraut bis zum "Uberdruss, das scharfe Lachen der Frauen reizte, das Streiten zweier nachbarlicher holl"andischer Offiziere "argerte nicht mehr. So blieb nur Flucht: aber die Kabine war heiss und dunstig, im Salon produzierten englische M"adchen ihr schlechtes Klavierspiel. Schliesslich drehte ich entschlossen die Zeitordnung um, tauchte in die Kabine schon nachmittags hinab, nachdem ich mich zuvor mit ein paar Gl"asern Bier bet"aubt, um den Tanzabend zu "uberschlafen.

113

resegniertпримирившийся

Als ich aufwachte, war es ganz dunkel und dumpf in dem kleinen Sarg der Kabine. Meine Sinne waren irgendwie bet"aubt: ich brauchte Minuten, um mich an Zeit und Ort zur"uck zu finden. Mitternacht musste jedenfalls schon vorbei sein, denn ich h"orte weder Musik noch den rastlosen Schlurf der Schritte.

Ich tastete empor [114] auf Deck. Es war leer. Der Himmel strahlte. Er war dunkel gegen die Sterne, aber doch: er strahlte; es war, als verh"ullte [115] dort ein samtener Vorhang ungeheures Licht. Nie hatte ich den Himmel gesehen wie in dieser Nacht, so strahlend, so stahlblau hart und doch funkelnd, quellend von Licht, das vom Mond verhangen niederschwoll. Gerade aber zu H"aupten [116] stand mir das magische Sternbild, das S"udkreuz, mit flimmernden diamantenen N"ageln ins Unsichtbare geh"ammert [117] .

114

empor – вверх

115

verh"ullen – застилать

116

zu H"aupten – над головой

117

h"ammern – прибивать

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