Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen
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Ich stand und sah empor: mir war wie in einem Bade, wo Wasser warm von oben fallt. Ich atmete befreit, rein, und sp"urte auf den Lippen wie ein klares Getr"ank die Luft, die weiche, leicht trunken machende Luft, in der Atem von Fr"uchten, Duft von fernen Inseln war. Nun, nun zum ersten Mal, seit ich die Planken betreten habe, "uberkam mich die heilige Lust des Tr"aumens. So tastete ich weiter, allm"ahlich dem Vorderteil des Schiffes zu, ganz geblendet vom Licht, das immer heftiger aus den Gegenst"anden auf mich zu dringen schien. Ich hatte Verlangen, mich irgendwo im Schatten zu vergraben, hingestreckt auf eine Matte, den Glanz nicht an mir zu f"uhlen, sondern nur "uber mir.
Endlich kam ich bis an den Kiel und sah hinab, wie der Bug [118] in das Schwarze stiess und geschmolzenes Mondlicht sch"aumend zu beiden Seiten der Schneide aufspr"uhte. Und im Schauen verlor ich die Zeit. War es eine Stunde, dass ich so stand, oder waren es nur Minuten: im Auf und Nieder schaukelte mich die ungeheure Wiege [119] des Schiffes "uber die Zeit hinaus. Ich f"uhlte nur, dass in mich M"udigkeit kam, die wie eine Wollust [120] war. Ich wollte schlafen, tr"aumen und doch nicht weg aus dieser Magie, nicht hinab in meinen Sarg.
118
Bug, m – носовая часть
119
Wiege, f – колыбель
120
Wollust, f – наслаждение
Unwillk"urlich [121] ertastete ich mit meinem Fuss unter mir ein B"undel Taue. Ich setzte mich hin, die Augen geschlossen und doch nicht Dunkels voll, denn "uber sie, "uber mich str"omte der silberne Glanz. Unten f"uhlte ich die Wasser leise rauschen, "uber mir mit unh"orbarem Klang den weissen Strom dieser Welt. Ich f"uhlte mich selbst nicht mehr, wusste nicht, ob dies Atmen mein eigenes war oder des Schiffes fernpochendes Herz, ich str"omte [122] , verstr"omte in diesem ruhelosen Rauschen der mittern"achtigen Welt.
121
unwillk"urlich – бессознательно
122
str"omen – устремляться
Ein leises, trockenes Husten hart neben mir liess mich auffahren. Ich schrak aus meiner fast schon trunkenen Tr"aumerei. Meine Augen, geblendet vom weissen Geleucht "uber den bislang geschlossenen Lidern [123] , tasteten auf: im Schatten der Bordwand gl"anzte etwas wie der Reflex einer Brille, und jetzt gl"uhte ein dicker, runder Funke auf, die Glut einer Pfeife. Ich hatte, als ich mich hinsetzte, diesen Nachbarn offenbar nicht bemerkt, der regungslos hier die ganze Zeit gesessen haben musste. Unwillk"urlich, noch dumpf in den Sinnen, sagte ich auf Deutsch: „Verzeihung!“ „Oh, bitte…“ antwortete die Stimme Deutsch aus dem Dunkel.
123
Lid, n – веко
Ich kann nicht sagen, wie seltsam das war, dies stumme Nebeneinandersitzen im Dunkeln, knapp neben einem, den man nicht sah. Unwillk"urlich hatte ich das Gef"uhl, als starre dieser Mensch auf mich, genau wie ich auf ihn starrte: aber so stark war das Licht "uber uns, dass keiner von keinem mehr sehen konnte als den Umriss im Schatten. Das Schweigen war unertr"aglich. Ich w"are am liebsten weggegangen, aber das schien doch zu pl"otzlich. Aus Verlegenheit nahm ich mir eine Zigarette heraus. Das Z"undholz [124] zischte auf, eine Sekunde lang zuckte Licht "uber den engen Raum. Ich sah hinter Brillengl"asern ein fremdes Gesicht, das ich nie an Bord gesehen, bei keiner Mahlzeit, bei keinem Gang, und sei es, dass die pl"otzliche Flamme den Augen wehtat, oder war es eine Halluzination: es schien grauenhaft verzerrt und finster [125] . Aber ehe ich Einzelheiten deutlich wahrnahm, schluckte das Dunkel wieder die fl"uchtig erhellten Linien fort, nur den Umriss sah ich einer Gestalt, dunkel ins Dunkel gedr"uckt, und manchmal den kreisrunden roten Feuerring der Pfeife im Leeren. Keiner sprach, und dies Schweigen war schw"ul [126] und dr"uckend wie die tropische Luft. Endlich ertrug ich nicht mehr. Ich stand auf und sagte h"oflich „Gute Nacht“. „Gute Nacht“, antwortete es aus dem Dunkel, eine heisere [127] harte Stimme. Ich stolperte mich m"uhsam vorw"arts durch das Takelwerk an den Pfosten [128] vorbei. Da klang ein Schritt hinter mir her, hastig und unsicher. Es war der Nachbar von vordem. Unwillk"urlich blieb ich stehen. Er kam nicht ganz nah heran, durch das Dunkel f"uhlte ich ein Irgendetwas von Angst in der Art seines Schrittes.
124
Z"undholz, n – спичка
125
finster – мрачный
126
schw"ul – душный
127
heiser – хриплый
128
Pfosten, m – стойка
„Verzeihen Sie“, sagte er dann hastig, „wenn ich eine Bitte an Sie richte. Ich… ich…“ – er stotterte und konnte nicht gleich weitersprechen vor Verlegenheit – „ich… ich habe private… ganz private Gr"unde, mich hier zur"uckzuziehen… ein Trauerfall… ich meide die Gesellschaft an Bord… Ich meine nicht Sie… nein, nein… Ich m"ochte nur bitten… Sie w"urden mich sehr verpflichten, wenn Sie zu niemandem an Bord davon sprechen w"urden, dass Sie mich hier gesehen haben… Es sind… sozusagen private Gr"unde, die mich jetzt hindern, unter die Leute zu gehen… ja… nun… es w"are mir peinlich, wenn Sie davon Erw"ahnung [129] t"aten, dass jemand hier nachts… dass ich…“ Das Wort blieb ihm wieder stecken, ich beseitigte rasch seine Verwirrung, indem ich ihm eiligst zusicherte, seinen Wunsch zu erf"ullen. Wir reichten einander die H"ande. Dann ging ich in meine Kabine zur"uck und schlief einen dumpfen und von Bildern verwirrten Schlaf.
129
Erw"ahnung, f – упоминание
Ich hielt mein Versprechen und erz"ahlte niemandem an Bord von der seltsamen Begegnung, obzwar die Versuchung keine geringe war. Denn auf einer Seereise wird das Kleinste zum Geschehnis, ein Segel am Horizont, ein Delphin, der aufspringt, ein neu entdeckter Flirt, ein fl"uchtiger Scherz. Dabei qu"alte mich die Neugier, mehr von diesem ungew"ohnlichen Passagier zu wissen: ich durchforschte die Schiffsliste nach einem Namen, der ihm zugeh"oren konnte, ich musterte die Leute, ob sie zu ihm in Beziehung stehen k"onnten: den ganzen Tag bem"achtigte sich meiner eine nerv"ose Ungeduld, und ich wartete eigentlich nur auf den Abend, ob ich ihm wieder begegnen w"urde. R"atselhafte psychologische Dinge haben "uber mich eine geradezu beunruhigende Macht, es reizt mich bis ins Blut, Zusammenh"ange aufzusp"uren, und sonderbare Menschen k"onnen mich durch ihre blosse Gegenwart zu einer Leidenschaft des Erkennenwollens entz"unden, die nicht viel geringer ist als jene des Besitzenwollens bei einer Frau.
Ich legte mich fr"uh ins Bett: ich wusste, ich w"urde um Mitternacht aufwachen. Und wirklich: ich erwachte um die gleiche Stunde wie gestern. Auf dem Radiumzifferblatt der Uhr deckten sich die beiden Zeiger in einem leuchtenden Strich. Hastig stieg ich aus der schw"ulen Kabine in die noch schw"ulere Nacht. Die Sterne strahlten wie gestern und sch"utteten ein diffuses Licht "uber das zitternde Schiff, hoch oben flammte das Kreuz des S"udens. Alles war wie gestern.
Er sass also dort. Unwillk"urlich schreckte ich zur"uck und blieb stehen. Im n"achsten Augenblick w"are ich gegangen. Da regte es sich dr"uben im Dunkel, etwas stand auf, tat zwei Schritte, und pl"otzlich h"orte ich knapp vor mir seine Stimme, h"oflich und gedr"uckt.
„Verzeihen Sie“, sagte er, „Sie wollen offenbar wieder an Ihren Platz, und ich habe das Gef"uhl, Sie fl"uchteten zur"uck, als Sie mich sahen. Bitte, setzen Sie sich nur hin, ich gehe schon wieder“. Ich eilte, ihm meinerseits zu sagen, dass er nur bleiben solle, ich sei bloss zur"uckgetreten, um ihn nicht zu st"oren. „Mich st"oren Sie nicht“, sagte er mit einer gewissen Bitterkeit, „im Gegenteil, ich bin froh, einmal nicht allein zu sein. Seit zehn Tagen habe ich kein Wort gesprochen… eigentlich seit Jahren nicht… Ich kann nicht mehr in der Kabine sitzen, in diesem… diesem Sarg… ich kann nicht mehr… und die Menschen ertrage ich wieder nicht, weil sie den ganzen Tag lachen… Das kann ich nicht ertragen jetzt… ich h"ore es hinein bis in die Kabine und stopfe mir die Ohren zu… freilich, sie wissen eben nicht, was geht das die Fremden an…“
Er stockte wieder. Und sagte dann ganz pl"otzlich und hastig: „Aber ich will Sie nicht bel"astigen… verzeihen Sie meine Geschw"atzigkeit [130] .“
Er verbeugte sich und wollte fort. Aber ich widersprach ihm dringlich. „Sie bel"astigen mich durchaus nicht. Auch ich bin froh, hier ein paar stille Worte zu haben… Nehmen Sie eine Zigarette?“ Er nahm eine. Ich z"undete an. Wieder riss sich das Gesicht flackernd vom schwarzen Bordrand los, aber jetzt voll mir zugewandt: die Augen hinter der Brille forschten [131] in mein Gesicht. Ein Grauen "uberlief mich. Ich sp"urte, dass dieser Mensch sprechen wollte, sprechen musste. Und ich wusste, dass ich schweigen m"usse, um ihm zu helfen.
130
Geschw"atzigkeit, f – болтливость
131
forschten – исследовать
Wir setzten uns wieder. Er hatte einen zweiten Deckchair dort, den er mir anbot. Unsere Zigaretten funkelten, und an der Art, wie der Lichtring, der seinen unruhig im Dunkel zitterte, sah ich, dass seine Hand bebte [132] . Aber ich schwieg, und er schwieg. Dann fragte pl"otzlich seine Stimme leise: „Sind Sie sehr m"ude?“
„Nein, durchaus nicht.“ Die Stimme aus dem Dunkel z"ogerte wieder. „Ich m"ochte Sie gerne um etwas fragen… das heisst, ich m"ochte Ihnen etwas erz"ahlen. Ich weiss, ich weiss genau, wie absurd das ist, mich an den ersten zu wenden, der mir begegnet, aber… ich bin… ich bin in einer furchtbaren psychischen Verfassung… ich bin an einem Punkt, wo ich unbedingt mit jemandem sprechen muss… ich gehe sonst zugrunde… Sie werden das schon verstehen, wenn ich… ja, wenn ich Ihnen eben erz"ahle… Ich weiss, dass Sie mir nicht werden helfen k"onnen… aber ich bin irgendwie krank von diesem Schweigen… und ein Kranker ist immer l"acherlich f"ur die andern…“
132
beben – дрожать