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Шубин Василий Иванович

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Auch wenn die politisch–gesellschaftlichen Umbr"uche auf den ersten Blick der Motor dieses Wandels zu sein scheinen, stellen sie jedoch nur Erscheinungsformen einer Ver"anderung der Gesellschaft dar, die ihren Grund in der "Anderung von Verstehensprozessen in der Gesellschaft haben — wie ich im folgenden zeigen will.

Ich will die Instrumente entwickeln, diese Verstehensprozesse ihrerseits zu verstehen und zu analysieren, um den Strukturwandel und die Auswirkungen des Strukturwandels auf den Wertewandel und die unternehmerische Wertsch"opfung begreifen zu k"onnen, um eine angemessene Reaktion auf den Strukturwandel konzipieren zu k"onnen und um deren Umsetzung im Unternehmenskontext skizzieren zu k"onnen.

1. Verstehenssubtitlerozesse der Gesellschaft

In der gegenw"artigen Gesellschaft l"asst sich ein Strukturwandel beobachten, dessen Erscheinung von wirtschaftlichen Ver"anderungen "uber technologische Ver"anderungen bis hin zur Annahme eines Alterungsprozesses einer Zivilisation reichen, die aber ihren Grund in der "Anderung von Verstehensprozessen der Gesellschaft haben. Diese Ver"anderungen folgen aus Handlungen, die auf den ver"anderten Auffassungen davon beruhen, wie und welche wirtschaftliche Zusammenh"ange die Gesellschaft pr"agen, oder wie und welchen technischen Zusammenh"ange n"utzlich f"ur die Gesellschaft sind, oder welchen moralischen Regeln eine Gesellschaft folgen will oder sollte.

Was sind «Verstehensprozesse der Gesellschaft“, die sich "andern? K"onnen nicht nur individuelle Menschen verstehen, sondern ganze Gesellschaften? Sicher geht das Verstehen von Sachverhalten von Individuen aus. Verstehen heisst aber, dass Zusammenh"ange begriffen werden und dann mit anderen Menschen kommuniziert werden.

Diese begrifflichen Zusammenh"ange, die das Verstehen ausmachen, k"onnen nicht beliebig sein; sie m"ussen einen breiten gesellschaftlichen Konsens anstreben, weil sie nur dann kommunizierbar sind.

Einzelne Begriffe sind normalerweise dabei immer ohne gr"ossere R"uckwirkungen auf den Konsens wandelbar, weil ihre Ver"anderung kommuniziert werden kann. Aber das Gros der Begriffe, zumindest aber sehr grundlegende Begriffe, deren "Anderungen wertreichende Bedeutung f"ur das Verstehen von Welt h"atte, verhalten sich tr"age gegen"uber Ver"anderungen. Ihre Ver"anderungen werden von der Community nicht problemlos akzeptiert. Durch diese nur in mittleren Zeitskalen ver"anderbaren Begriffen, an denen fast alle Mitglied einer Verstehensgemeinschaft teilhaben, kann man so etwas wie Rahmenbedingungen f"ur ein m"ogliches Verstehen von Welt, das einer Gesellschaft zur Verf"ugung steht, konstatieren. Da das spezielle Begriffsgef"uge, das zur Verf"ugung steht, das Verstehen in der Gemeinschaft beschr"ankt, kann und wird nicht jederzeit von einer Gesellschaft jeder m"ogliche Gedanke gedacht werden, sondern nur die, die im Kontext der in einer Zeit genutzten Begriffsgef"uge formulierbar sind.

Jeder Strukturwandel einer Gesellschaft gr"undet im Wandel der dem Weltverst"andnis in der Gesellschaft zugrundeliegenden Begriffsgef"uge und damit der Handlungen, die aus diesem Weltverst"andnis abgeleitet werden. So kann man durch eine philosophische Untersuchung den Status des Verstehens einer Gesellschaft konstatieren, indem man die Ver"anderungen der Begriffe und ihres Kontextes untersucht, nach Gesetzm"assigkeiten forscht, die hinter den Ver"anderungen der Begriffsgef"uge stehen, und dann m"ogliche zuk"unftige Entwicklungen der Begriffsgef"uge vorhersagen.

Die Gegenst"ande jeder philosophischen Untersuchung des gesellschaftlichen Wandels sind daher die grundlegenden Begriffe einer Zivilisation, deren Wandel eine tiefgreifende "Anderung des Weltverst"andnisses, der Orientierung in der Welt und der Wertungen des Handelns nach sich zieht. Wenngleich dieser Wandel in den meisten historischen Zeiten kontinuierlich, nur f"ur den aufmerksamen Beobachter merklich ist, und mit geringen Ver"anderungen geschieht, so gibt es doch immer wieder historisch hervorragende, relativ kurze Zeitr"aume (100 bis 150 Jahre), in denen akzelerierend Begriffe und damit Weltverst"andnisse ge"andert werden und die zu einer weitgehend neuen Sicht der Welt und damit neuen Begriffsgef"uge f"uhren. Diesen Wandel bezeichne ich als den "Ubergang von einer traditionellen Gesellschaft zu einer posttraditionellen Gesellschaft. [7]

7

«Posttraditionelle Gesellschaft“ darf nicht mit «postmoderne Gesellschaft“ verwechselt werden. Die Postmoderne bezeichnet eine Entwicklungsphase der Neuzeit und keine philosophisch unterscheidbare Gesellschaft: Jean–Francois Lyotard, La condition postmoderne, Paris 1979.

Diese posttraditionelle Gesellschaft ist eine transeunte und sehr labile Kulturform, die, wenn sie zu ihrem Ende hin zu einer in sich gef"ugten stabileren Gesellschaftsform gef"uhrt hat, wieder zu einer nun neu gef"ugten traditionellen Gesellschaft f"uhrt.

Wir leben heute in einer solchen posttraditionellen Gesellschaft und ihr Studium kann uns zu einer erh"ohten Aufmerksamkeit f"ur die Entwicklungsm"oglichkeiten auf eine zuk"unftige traditionelle Gesellschaft hin f"uhren.

2. Was charakterisiert eine traditionelle Gesellschaft?

Der gesellschaftliche Wandel, von dem im folgenden die Rede sein soll, hat sich in der Geschichte des Abendlandes zweimal vollzogen und ist zur Zeit wieder im Gange: Diese historischen posttraditionellen Phasen sind die Sp"atantike und die Renaissance. Die traditionellen Phasen sind also vom Typ der antiken Gesellschaft, der mittelalterlichen Gesellschaft und der Gesellschaft der Neuzeit.

Traditionelle Gesellschaften wandeln sich demnach durchaus, aber so, dass ihr grunds"atzliches Weltverst"andnis in kleinen Zeitr"aumen nicht wesentlich ge"andert wird. Kriegerische, wirtschaftliche Ereignisse und epidemische Krankheiten k"onnen in der traditionellen Gesellschaft zu gravierenden soziologischen Verwerfungen f"uhren, sie "andern jedoch nichts an der Stabilit"at der Begriffsgef"uge und daran, dass die Gesellschaft «philosophische Stabilit"at“ beh"alt.

Stabil ist die traditionelle Gesellschaft, im philosophischen Sinne, weil die Art, wie die Welt erkl"art wird, welche Fragen man an die Welt stellt oder welches Wissen man "uber sie hat, unver"andert bleibt, und weil der Erfahrungsraum, die Summe der Erfahrungen, die der Welterkl"arung zugrunde liegen, "uber jedem kleineren Wandel unver"andert bleiben und deshalb auch das Handeln der Einzelnen und der Gesellschaft in einem "ahnlichen Rahmen verbleibt.

Unver"andert bleibt dies, weil die grundlegenden Begriffe unver"andert bleiben, und dies geschieht, weil das Gef"uge von Welterkl"arung und Erfahrung sowie Handeln konsistent bleibt und keine nennenswerten Widerspr"uche oder Unentscheidbarkeiten im Handeln auf Grund der Erkl"arung der Erfahrung auftreten. Die Menschen empfinden ihr Verhalten dann als nicht mit ihrem Wissen konfligierend.

Insofern existiert ein stiller und nicht abgesprochener Konsens. Im Rahmen einer geringf"ugigen Variabilit"at sind Handlungen konsent, oder es ist wenigstens konsent, dass und welche Handlungen auf keinen Fall akzeptiert werden sollen. Ver"anderungen im Verst"andnis sind in das bestehende Begriffsgef"uge integrierbar. Im allgemeinen herrscht in der traditionellen Gesellschaft keine Uneinigkeit "uber Bewertungen oder Werte.

Mit dem sehr weitgehenden homogenen Verst"andnis von Welt geht damit eine weitgehende "Ubereinstimmung von Werten, Normen und deren Begr"undung bzw. Rechtfertigung einher. Die traditionelle Gesellschaft tradiert ihre Kultur "uber mehrere Generationen unver"andert; Begrifflichkeiten, Werte und Normenbegr"undung wandeln sich ausserordentlich langsam und sind deshalb "uber grosse Zeitr"aume weitgehend stabil. Ja, die Stabilit"at von Begriffen und Werten ist selbst ein Wert der traditionellen Gesellschaft.

Auch in der traditionellen Gesellschaft werden Beobachtungen, Entdeckungen und Erfahrungen gemacht, die "uber den "uberlieferten Erfahrungsraum hinausgehen. Solange sie durch geringf"ugige "Anderungen von Begriffen integriert werden k"onnen und auf die "Anderung einzelner Begriffe beschr"ankt bleiben, wird dies die traditionelle Gesellschaft nicht "andern. Zu ihrem zeitlichen Ende hin treten aber in der traditionellen Gesellschaft "Anderungen auf, wenn grundlegende Begriffe ge"andert werden und in der Folge davon zunehmend weitere Begriffe ge"andert werden m"ussen, um eine innere Konsistenz der Erkl"arungen des Erfahrungsraumes zu erreichen. Dann wandeln sich auch Normen. Insbesondere gilt es dann nicht mehr als akzeptabel, Begriffe, Werte und Normen stabil zu halten. Stabilit"at — im philosophischen Sinne — gilt nun nicht als ein w"unschenswerter Wert. «"Anderung“ wird mehr und mehr zu einem angestrebten Wert. Das scheint unmittelbar plausibel, weil dann, wenn neue Erfahrungen oder neue Erweiterungen des Erfahrungsraumes zwingen, auch die erkl"arenden Begriffe und die bewertenden Normen zu "andern, und insbesondere, wenn die Begriffe, die von den bereits ge"anderten grundlegenden Begriffen nachrangig abh"angig sind, ihrerseits ge"andert werden m"ussen, um Inkonsistenzen der Erkl"arung zu vermeiden, dann liegt das einzige stabilisierende Verhalten der Verstehensgemeinschaft Nachkorrigieren und "Andern von Begriffen und Werten: Das «"Andern“ und die «Bereitschaft zum Umdenken“ werden stabilisierende Werte. Dann aber befinden wir uns bereits auf dem Weg zu einer «posttraditionellen Gesellschaft“.

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