Die weisse Massai
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Wir schleppen alles in die Manyatta, die dadurch fast voll ist. Mama kocht Chai, und ich gebe ihr und Saguna die selbstgen"ahten R"ocke. Alle sind gl"ucklich. Lketinga l"asst das Radio mit der Kassette laufen, was ein grosses Geschnatter in Gang setzt. Als ich Saguna die braune Puppe, die meine Mutter f"ur sie gekauft hat, "ubergebe, stehen alle M"under offen, und Saguna springt schreiend aus der H"utte. Ich verstehe die Aufregung "uberhaupt nicht. Auch die Mama schaut die Puppe nur mit Abstand an, und Lketinga fragt mich tats"achlich, ob es ein totes Kind sei. Nach der ersten Verbl"uffung muss ich loslachen: „No, this is only plastic.“
Aber der Puppe mit den Haaren und vor allem den Augen, die auf- und zuklappen, trauen sie erst nach einiger Zeit. Immer mehr staunende Kinder kommen, und erst als ein anderes M"adchen die Puppe aufheben will, springt Saguna dazwischen und dr"uckt sie an sich. Von diesem Moment an darf niemand mehr die Puppe anfassen, nicht einmal die Marna. Saguna schl"aft nur noch mit ihrem „Baby“.
Bei Sonnenuntergang fallen die M"ucken "uber uns her. Da al es feucht ist, scheinen sie sich richtig wohl zu f"uhlen. Obwohl das Feuer in der H"utte brennt, schwirren sie um unsere K"opfe. St"andig wedle ich mit der Hand vor meinem Gesicht. So kann ich nicht schlafen! Sogar durch die Socken werde ich gestochen. Meine Freude, zu Hause zu sein, ist getr"ubt. Ich schlafe in Kleidern und ziehe die neue Decke "uber mich. Doch den Kopf kann ich nicht zudecken, im Gegensatz zu den anderen. Fast hysterisch geworden schlafe ich gegen Morgen ein. In der Fr"uh bringe ich ein Auge nicht auf, so zerstochen bin ich. Ich wil mir keine Malaria einfangen. Deshalb m"ochte ich ein Moskitonetz kaufen, obwohl das in der Manyatta mit dem offenen Feuer nicht ungef"ahrlich ist.
In der Mission frage ich den Pater, ob er eventuell den Reifen flicken kann. Er hat keine Zeit, gibt mir jedoch einen Ersatzreifen und r"at mir, ein zweites Reserverad zu kaufen, denn es k"onne vorkommen, dass man zwei Pannen auf einmal hat. Bei der Gelegenheit frage ich ihn, was er gegen die Moskitos unternimmt. Er hat in seinem guten Haus keine grossen Probleme und hilft sich mit Spray. Am besten w"are es, m"oglichst schnell ein Haus zu bauen, das koste nicht viel. Der Chief k"onne uns einen Platz zuweisen, den wir in Maralal registrieren lassen m"ussten.
Der Hausbau l"asst mich nicht mehr los. Es w"are grossartig, eine richtige Blockh"utte zu haben! Beschwingt von der Idee kehre ich in die Manyatta zur"uck und erz"ahle alles Lketinga. Er ist nicht so begeistert und weiss nicht, ob er sich in einem Haus "uberhaupt wohl f"uhlt. Wir k"onnen es uns ja noch "uberlegen. Trotzdem wil ich nach Maralal, denn ohne Moskitonetz m"ochte ich keine Nacht mehr verbringen.
Innerhalb kurzer Zeit stehen wieder mehrere Menschen um den Landrover. Alle wollen nach Maralal. Einige kenne ich vom Sehen, andere sind mir v"ollig fremd.
Lketinga bestimmt die Mitfahrer. Wieder dauert es fast f"unf Stunden, bis wir am sp"aten Nachmittag ohne Pannen unser Ziel erreichen. Zuerst lassen wir den Reifen flicken, was sich als langwierige Unternehmung herausstellt. W"ahrenddessen schaue ich mir die Reifen an meinem Fahrzeug genauer an und muss feststellen, dass sie fast kein Profil mehr haben. Bei der Garage erkundige ich mich nach neuen Reifen. Es haut mich fast um, als ich die horrenden Preise vernehme.
Umgerechnet wollen sie fast 1 000 Franken f"ur vier Pneus. Das sind Preise wie in der Schweiz! Hier entspricht das drei Monatsl"ohnen. Aber ich brauche sie, wenn ich nicht st"andig steckenbleiben will.
In der Zwischenzeit bin ich wegen des Moskitonetzes in einem der Shops f"undig geworden und besorge ausserdem schachtelweise Moskitokeulen. Abends lerne ich in der Lodging-Bar den grossen Chief vom Samburu-District kennen. Er ist ein angenehmer Mensch und spricht gut Englisch. Er hat bereits von meiner Existenz geh"ort und wollte uns ohnehin bald besuchen. Meinem Massai gratuliert er zu einer so mutigen Frau. Ich erz"ahle ihm vom Plan des Hausbaus, unserer Hochzeit und dem Problem mit der Identit"atskarte. Er verspricht uns zu helfen, wo er kann, doch der Hausbau sei schwierig, da es fast kein Holz mehr gebe.
Wenigstens wird er sich um die Identit"atskarte k"ummern. Am n"achsten Tag kommt er gleich mit ins Office. Es wird viel geredet, Formulare werden ausgef"ullt und diverse Namen genannt. Da er alles "uber Lketingas Familie weiss, kann der Ausweis in zwei bis drei Wochen auch in Maralal ausgestel t werden. Den Heiratsantrag f"ul en wir gleich aus. Wenn innerhalb von drei Wochen niemand Einspruch erhebe, k"onnten wir heiraten. Nur zwei schreibkundige Trauzeugen m"ussten wir mitbringen. Ich weiss gar nicht, wie ich diesem Chief danken soll, so froh bin ich. Hie und da muss ich etwas bezahlen, aber nach einigen Stunden ist alles in die Wege geleitet. Wir sollen in vierzehn Tagen wieder vorbeikommen und die Bescheinigungen mitbringen. Gut gelaunt laden wir den Chief zum Essen ein. Er ist der erste, der uns wirklich von Herzen geholfen hat. Lketinga schiebt ihm auch grossz"ugig etwas Geld zu.
Nach einer Nacht in Maralal wol en wir wieder los. Kurz bevor wir den Ort verlassen, treffe ich Jutta. Nat"urlich m"ussen wir noch einen Chai trinken und uns alles erz"ahlen. Sie wil bei unserer Hochzeit dabei sein. Momentan wohnt sie bei Sophia, einer anderen Weissen, die vor kurzem mit ihrem Rasta-Freund nach Maralal gezogen ist. Ich soll sie doch gelegentlich besuchen. Wir Weissen m"ussten zusammenhalten, meint sie lachend. Lketinga schaut finster, er versteht nichts, weil wir dauernd Deutsch sprechen und viel lachen. Er wil nach Hause, deshalb brechen wir auf. Diesmal wagen wir den Dschungelweg. Die Strasse ist miserabel, und am schl"upfrigen Schr"aghang traue ich mich kaum noch zu atmen. Meine Stossgebete werden diesmal erh"ort, und wir erreichen Barsaloi ohne Schwierigkeiten.
Die n"achsten Tage verlaufen ruhig, das Leben geht den gewohnten Gang. Die Leute haben genug Milch, und in den halb zerfallenen Shops gibt es Maismehl und Reis zu kaufen. Die Mama ist mit der Vorbereitung f"ur das gr"osste Samburu-Fest besch"aftigt. Bald sol die Endzeit der Krieger, der Altersklasse meines Darlings, gefeiert werden. Nach dem Fest, das in einem guten Monat stattfindet, d"urfen diese Krieger offiziell auf Brautsuche gehen und heiraten. Ein Jahr sp"ater folgt die Aufnahme der n"achsten Generation, der jetzigen Boys, in den Kriegerstatus, die mit einem grossen Beschneidungsfest begangen wird.
Das kommende Fest, das an einem besonderen Ort stattfindet, an dem sich alle M"utter mit ihren Kriegers"ohnen treffen, ist sehr wichtig f"ur Lketinga. Schon in zwei oder drei Wochen werden Mama und wir unsere Manyatta verlassen und an jenen Ort ziehen, an dem die Frauen nur f"ur dieses Fest neue H"utten aufbauen werden.
Den genauen Zeitpunkt dieses Dreitagefestes erfahren alle erst kurz vorher, denn der Mond spielt eine grosse Rolle. Ich rechne mir aus, dass wir ungef"ahr vierzehn Tage vorher das Standesamt aufsuchen m"ussen. Fal s etwas schiefgeht, bleiben mir nur wenige Tage bis zum Ablauf meines Visums.
Lketinga ist nun viel unterwegs, da er einen schwarzen Bullen von einer bestimmten Gr"osse auftreiben muss. Das erfordert viele Besuche bei den Verwandten, um notwendige Tauschgesch"afte vorzuschlagen. Ab und zu gehe ich mit, doch schlafe ich nur zu Hause unter dem Moskitonetz, das mich gut sch"utzt. Tags"uber erledige ich die gewohnte Arbeit. Morgens gehe ich mit oder ohne Lketinga zum Fluss. Manchmal nehme ich Saguna mit, die einen Riesenspass hat, wenn sie baden darf. Es ist das erste Mal f"ur das kleine M"adchen. In der Zwischenzeit wasche ich unsere rauchigen Kleider, was meinen Kn"ocheln nach wie vor nicht gut bekommt.