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Nachmittags schaut Giuliano vorbei und bringt mir einige Bananen und einen Brief von meiner Mutter. Der Brief richtet mich auf, obwohl sich meine Mutter grosse Sorgen macht, weil sie lange nichts mehr von mir geh"ort hat. Der Pater und ich wechseln ein paar Worte, dann ist er schon wieder weg. Ich nutze die Zeit, einen Antwortbrief zu schreiben. Meine Krankheit erw"ahne ich nur beil"aufig und verharmlose sie, um meine Mutter nicht zu beunruhigen. Allerdings deute ich an, dass ich eventuell bald in die Schweiz kommen werde. Den Brief wil ich bei unserer R"uckkehr in der Mission abgeben. Meine Mutter wird drei Wochen auf ihn warten m"ussen.

Endlich brechen wir auf. Alles ist schnell verpackt. M"oglichst viel wird im Landrover verstaut, den Rest bindet Mama auf die zwei Esel. Wir sind nat"urlich lange vor Mama in Barsaloi, und so fahre ich direkt zum Fluss. Da Lketinga den Wagen nicht unbewacht abstellen will, fahren wir im ausgetrockneten Bachbett weiter, bis wir ungest"ort sind. Ich entledige mich der rauchigen Kleider, und wir waschen uns ausgiebig. Der Seifenschaum l"auft mir schwarz am K"orper herunter. Auf meiner Haut hatte sich eine richtige Russschicht gebildet. Geduldig w"ascht mir Lketinga die Haare in mehreren G"angen.

Lange habe ich mich nicht mehr nackt betrachtet, deshalb fallen mir jetzt meine d"unnen Beine auf. Nach dem Waschen f"uhle ich mich wie neu geboren. Ich wickle mich in einen Kanga und beginne mit dem Waschen der Kleider. Wie immer ist es m"uhsam, den Schmutz mit kaltem Wasser auszuwaschen, doch mit gen"ugend Omo gelingt es einigermassen. Lketinga hilft mir dabei und beweist, wie sehr er mich liebt, indem er meine R"ocke, T-Shirts und sogar Unterw"asche mitw"ascht. Kein anderer Mann w"urde die Kleider einer Frau waschen.

Unsere Zweisamkeit geniesse ich sehr. Die nassen Kleider h"angen wir "uber B"usche oder auf die heissen Felsen. Wir setzen uns in die Sonne, ich im Kanga, Lketinga v"ollig nackt. Er holt seinen kleinen Taschenspiegel hervor und beginnt sein gewaschenes Gesicht kunstvoll in orangefarbenem Ocker mit einem kleinen H"olzchen zu bemalen. Er macht dies mit seinen langen, eleganten Fingern so exakt, dass es f"ur mich eine Freude ist, ihn zu beobachten. Er sieht phantastisch aus.

Endlich f"uhle ich wieder ein aufsteigendes Begehren. Er schaut zu mir und lacht:

„Why you look always to me, Corinne?“ „Beautiful, it's very nice“, erkl"are ich. Doch Lketinga sch"uttelt den Kopf und meint, so etwas darf man nicht sagen, das bringt einem Menschen Ungl"uck.

Die Kleider trocknen schnell, wir packen alles zusammen und brechen auf. Im Dorf halten wir an und besuchen das Chaihaus, in dem es neben Tee auch Mandazi, kleine Maisfladen, gibt. Das Geb"aude ist eine Mischung zwischen Baracke und einer grossen Manyatta. Am Boden befinden sich zwei Feuerstel en mit kochendem Chai.

Entlang den W"anden dienen Bretter als B"anke. Drei alte M"anner und zwei Morans sitzen dort. Man begr"usst sich: „Supa Moran!“ „Supa“, ist die Antwort. Wir bestellen Tee, und w"ahrend mich die zwei Krieger mustern, beginnt Lketinga das Gespr"ach mit den immer gleichen Anfangss"atzen, die ich inzwischen verstehen kann. Man fragt hier jeden Unbekannten nach dem Geschlechtsnamen, dem Wohngebiet, wie es seiner Familie und seinen Tieren geht, woher man gerade kommt und wohin man wil. Dann bespricht man Begebenheiten, die stattgefunden haben. So funktioniert im Busch, was in der Stadt die Zeitung oder das Telefon leisten. Wenn wir zu Fuss unterwegs sind, wird mit jeder entgegenkommenden Person auf diese Weise gesprochen. Die beiden Morans wol en al erdings noch wissen, wer diese Mzungu sei. Dann ist das Gespr"ach beendet, und wir verlassen das Teehaus.

Mama ist angekommen und mit dem Flicken und Ausbessern unserer alten Manyatta besch"aftigt. Das Dach wird wieder mit Pappkarton oder Sisalmatten zugestopft. Kuhmist ist momentan nicht vorhanden. Lketinga geht mit James in den Busch, um weitere Dornenb"usche zu schlagen. Sie wollen die Umz"aunung ausbessern und erh"ohen. Die Menschen, die in Barsaloi geblieben waren, wurden vor ein paar Tagen von zwei L"owen heimgesucht, die Ziegen gerissen haben. Sie kamen nachts und sprangen "uber den Dornenzaun. Dann schnappten sie die Ziegen und verschwanden spurlos in der Finsternis. Da keine Krieger hier waren, wurde die Verfolgung nicht aufgenommen. Doch die Z"aune wurden daraufhin erh"oht. Die ganze Gegend spricht von diesem Vorfal. Man muss auf der Hut sein, denn sie werden wiederkommen. In unserem Kral werden sie es schwieriger haben, denn wir beschliessen, den Landrover neben der H"utte stehenzulassen, so ist der halbe Platz schon versperrt.

Gegen Abend kehren unsere Tiere zur"uck. Wegen der Schweizer Kuhglocke h"oren wir sie von weitem, und Lketinga und ich gehen ihnen entgegen. Es ist ein sch"ones Schauspiel, wenn die Tiere nach Hause dr"angen. Vorab die Ziegen, hinter ihnen die K"uhe.

Unser Nachtessen besteht aus Ugali, das Lketinga erst sp"at in der Nacht isst, wenn alles schl"aft. Endlich k"onnen wir uns lieben. Es muss ger"auschlos vor sich gehen, da Mama und Saguna anderthalb Meter von uns entfernt schlafen. Trotzdem ist es sch"on, seine seidige Haut und sein Begehren zu sp"uren. Nach diesem Liebesspiel fl"ustert Lketinga: „Now you get a baby.“

Ich muss lachen "uber seine "uberzeugten Worte. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass meine Regel seit l"angerem ausgeblieben ist. Doch schreibe ich das eher meinem angeschlagenen Zustand als einer Schwangerschaft zu. Mit dem Gedanken an ein Baby schlafe ich gl"ucklich ein.

In der Nacht erwache ich und f"uhle ein Ziehen im Magen. Im n"achsten Augenblick sp"ure ich, dass ich Durchfall bekomme. Panik erfasst mich. Vorsichtig stupse ich Lketinga an, doch er schl"aft tief. Mein Gott, die Zaun"offnung finde ich nie! Ausserdem sind vielleicht die L"owen in der N"ahe. Lautlos krieche ich aus der Manyatta und sp"ahe kurz um mich, ob jemand in der N"ahe ist. Dann kauere ich mich hinter den Landrover, und schon geht es los. Es wil kein Ende nehmen. Ich sch"ame mich sehr, da ich weiss, dass es ein grobes Vergehen ist, wenn man diese Art von Notdurft innerhalb des Krals erledigt. Papier darf ich auf keinen Fall benutzen, und so reinige ich mich mit meiner Unterw"asche, die ich unter dem Landrover im Fahrgestell verstecke. Meine angerichtete Misere sch"utte ich mit Sand zu und hoffe, dass am Morgen von diesem Alptraum nichts mehr zu sehen ist. "Angstlich krieche ich zur"uck in die Manyatta. Niemand wacht auf, lediglich Lketinga grunzt kurz.

Wenn nur kein weiterer Schub kommt! Bis zum Morgen geht es gut, dann muss ich schnel im Busch verschwinden. Mein Durchfall h"alt an, und meine Beine zittern von neuem. Zur"uck im Kral schaue ich unauff"allig neben den Landrover und stel e erleichtert fest, dass von meinem n"achtlichen Missgeschick nichts mehr sichtbar ist.

Ein streunender Hund hat wahrscheinlich den Rest erledigt. Ich erz"ahle Lketinga, dass ich Probleme habe und gedenke, bei der Mission nach Medizin zu fragen. Doch trotz der Kohletabletten h"alt der Durchfal den ganzen Tag an. Mama bringt mir selbstgemachtes Bier, von dem ich einen Liter trinken soll. Es sieht scheusslich aus und schmeckt auch so. Nach zwei Tassen zeigt sich zumindest die alkoholische Wirkung, den halben Tag d"ose ich vor mich hin.

Irgendwann kommen die Burschen vorbei. Lketinga ist im Dorf, und ich kann die Unterhaltung unbeschwert geniessen. Wir sprechen "uber Gott und die Welt, "uber die Schweiz, meine Familie und "uber die hoffentlich baldige Heirat. James bewundert mich und ist stolz, dass der in seinen Augen nicht einfache Bruder eine weisse, gute Frau bekommt. Sie berichten viel aus der strengen Schule und wie anders das Leben wird, wenn man eine Schule besuchen kann. Viele Dinge zu Hause verstehen sie nun nicht mehr. Sie erz"ahlen Beispiele, "uber die wir gemeinsam lachen.

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