Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen
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Um neun Uhr h"orte ich endlich, wie man den Amtsarzt anmeldete. Ich hatte ihn rufen lassen – er war mein Vorgesetzter im Rang und gleichzeitig mein Konkurrent, derselbe Arzt, von dem sie seinerzeit so ver"achtlich [257] gesprochen und der offenbar meinen Wunsch nach Versetzung bereits erfahren hatte. Bei seinem ersten Blick sp"urte ich es schon: er war mir Feind. Aber gerade das straffte meine Kraft.
Im Vorzimmer fragte er schon: „Wann ist Frau… – er nannte ihren Namen – gestorben?“
257
ver"achtlich – презрительный
„Um sechs Uhr morgens.“
„Wann sandte sie zu Ihnen?“
„Um elf Uhr abends.“
„Wussten Sie, dass ich ihr Arzt war?“
„Ja, aber es tat Eile not… und dann… die Verstorbene hatte ausdr"ucklich mich verlangt. Sie hatte verboten, einen andern Arzt rufen zu lassen.“
Er starrte mich an: in seinem bleichen Gesicht flog eine R"ote hoch, ich sp"urte, dass er erbittert war. Aber gerade das brauchte ich – alle meine Energien dr"angten [258] sich zu rascher Entscheidung, denn ich sp"urte, lange hielten es meine Nerven nicht mehr aus. Er wollte etwas Feindliches erwidern, dann sagte er l"assig: „Wenn Sie schon meinen, mich entbehren zu k"onnen [259] , so ist es doch meine amtliche Pflicht, den Tod zu konstatieren und… wie er eingetreten ist.“ Ich antwortete nicht und liess ihn vorangehen. Dann trat ich zur"uck, schloss die T"ur und legte den Schl"ussel auf den Tisch. "Uberrascht zog er die Augenbrauen hoch: „Was bedeutet das?“
258
dr"angen – быть срочным
259
entbehren k"onnen – обходиться без чего-либо, кого-либо
Ich stellte mich ruhig ihm gegen"uber: „Es handelt sich hier nicht darum, die Todesursache festzustellen, sondern – eine andere zu finden. Diese Frau hat mich gerufen, um sie nach… nach den Folgen eines verungl"uckten Eingriffes zu behandeln… ich konnte sie nicht mehr retten, aber ich habe ihr versprochen, ihre Ehre zu retten, und das werde ich tun. Und ich bitte Sie darum, mir zu helfen!“
Seine Augen waren ganz weit geworden vor Erstaunen. „Sie wollen doch nicht etwa sagen“, stammelte er dann, „dass ich, der Amtsarzt, hier ein Verbrechen decken soll?“
„Ja, das will ich, das muss ich wollen.“
„F"ur Ihr Verbrechen soll ich…“
„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich diese Frau nicht ber"uhrt habe, sonst… sonst st"unde ich nicht vor Ihnen, sonst h"atte ich l"angst mit mir Schluss gemacht. Sie hat ihr Vergehen [260] – wenn Sie es so nennen wollen – geb"usst [261] , die Welt braucht davon nichts zu wissen. Und ich werde es nicht dulden, dass die Ehre dieser Frau jetzt noch unn"otig beschmutzt wird.“ Mein entschlossener Ton reizte ihn nur noch mehr auf. „Sie werden nicht dulden… so… nun, Sie sind ja mein Vorgesetzter… oder glauben es wenigstens schon zu sein… Versuchen Sie nur, mir zu befehlen… ich habe mir gleich gedacht, da ist Schmutziges im Spiel, wenn man Sie aus Ihrem Winkel herruft… eine saubere Praxis, die Sie da anfangen, ein sauberes Probest"uck… Aber jetzt werde ich untersuchen, ich, und Sie k"onnen sich darauf verlassen, dass ein Protokoll, unter dem mein Name steht, richtig sein wird. Ich werde keine L"uge unterschreiben.“
260
Vergehen, n – проступок
261
b"ussen – искупать вину
Ich war ganz ruhig.
„Ja – das m"ussen Sie diesmal doch. Denn fr"uher werden Sie das Zimmer nicht verlassen.“
Ich griff dabei in die Tasche – meinen Revolver hatte ich nicht bei mir. Aber er zuckte zusammen. Ich trat einen Schritt auf ihn zu und sah ihn an. „H"oren Sie, ich werde Ihnen etwas sagen… damit es nicht zum "Aussersten kommt [262] . Mir liegt an meinem Leben nichts… nichts an dem eines andern – ich bin nun schon einmal soweit… mir liegt einzig daran, mein Versprechen einzul"osen, dass die Art dieses Todes geheim bleibt… H"oren Sie: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass, wenn Sie das Zertifikat unterfertigen, diese Frau sei an… nun an einer Zuf"alligkeit gestorben, dass ich dann noch im Laufe dieser Woche die Stadt und Indien verlasse… dass ich, wenn Sie es verlangen, meinen Revolver nehme und mich niederschiesse, sobald der Sarg in der Erde ist und ich sicher sein kann, dass niemand… Sie verstehen: niemand – mehr nachforschen [263] kann. Das wird Ihnen wohl gen"ugen – das muss Ihnen gen"ugen.“
262
zum "Aussersten kommen – впадать в крайности
263
nachforschen – расследовать
Es muss etwas Gef"ahrliches in meiner Stimme gewesen sein, denn wie ich unwillk"urlich n"ahertrat, wich [264] er zur"uck mit jenem aufgerissenen Entsetzen, wie… wie eben Menschen vor dem Amokl"aufer fl"uchten, wenn er rasend hinrennt mit geschwungenem [265] Kris… Und mit einem Mal war er anders… irgendwie geduckt [266] und gel"ahmt… seine harte Haltung brach ein. Er murmelte mit einem letzten ganz weichen Widerstand: „Es w"are das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein falsches Zertifikat unterzeichnete… immerhin, es wird sich schon eine Form finden lassen… man weiss ja auch, was vorkommt… Aber ich durfte doch nicht so ohne weiteres…“
264
weichen – отступать
265
Schwingen – размахивать
266
ducken – втягивать голову в плечи
„Gewiss durften Sie nicht“, half ich ihm, um ihn zu best"arken – aber jetzt, da Sie wissen, dass Sie nur einen Lebenden kr"anken [267] w"urden und einer Toten ein Entsetzliches t"aten, werden Sie doch gewiss nicht z"ogern.“
Er nickte. Wir traten zum Tisch. Nach einigen Minuten war das Attest fertig (das dann auch in der Zeitung ver"offentlicht wurde und glaubhaft eine Herzl"ahmung [268] schilderte). Dann stand er auf, sah mich an: „Sie reisen noch diese Woche, nicht wahr?“
267
kr"anken – обижать
268
Herzl"ahmung, f – паралич сердца
„Mein Ehrenwort.“
Er sah mich wieder an. Ich merkte, er wollte streng, wollte sachlich erscheinen. „Ich besorge sofort einen Sarg“, sagte er, um seine Verlegenheit zu decken. Pl"otzlich streckte er mir die Hand hin und sch"uttelte sie mit einer aufspringenden Herzlichkeit. „"Uberstehen Sie’s gut“, sagte er – ich wusste nicht, was er meinte. War ich krank? War ich… wahnsinnig? Ich begleitete ihn zur T"ur, schloss auf, aber das war meine letzte Kraft, die hinter ihm die T"ur schloss. Dann kam dies Ticken wieder in die Schl"afen, alles schwankte und kreiste: und gerade vor ihrem Bett fiel ich zusammen… so… so wie der Amokl"aufer am Ende seines Laufs sinnlos niederf"allt mit zersprengten Nerven.“
Wieder hielt er inne [269] . Irgendwie fr"ostelte mich: war das erster Schauer des Morgenwinds, der jetzt leise sausend "uber das Schiff lief? Aber das gequ"alte Gesicht spannte sich wieder zusammen: „Wie lang ich so auf der Matte gelegen hatte, weiss ich nicht. Da r"uhrte mich es an. Ich fuhr auf. Es war der Boy.
„Es will jemand herein… will sie sehen…“
„Niemand darf herein.“
„Ja… aber…“
Seine Augen waren erschreckt. Er wollte etwas sagen und wagte es doch nicht. Das treue Tier litt irgendwie eine Qual.
269
Wieder hielt er inne – он опять умолк
„Wer ist es?“
Er sah mich zitternd an wie in Furcht vor einem Schlag. Und dann sagte er – er nannte keinen Namen, dann sagte er… ganz, ganz "angstlich… „Er ist es.“
Ich fuhr auf, verstand sofort und war sofort ganz Gier, ganz Ungeduld nach diesem Unbekannten. Denn sehen Sie, wie sonderbar… inmitten all dieser Qual, in diesem Fieber von Verlangen, von Angst und Hast hatte ich ganz an „ihn“ vergessen… vergessen, dass da noch ein Mann im Spiele war… der Mann, den diese Frau geliebt, dem sie leidenschaftlich das gegeben, was sie mir verweigert [270] … Vor zw"olf, vor vierundzwanzig Stunden h"atte ich diesen Mann noch gehasst, ihn noch zerfleischen k"onnen… Jetzt… ich kann, ich kann Ihnen nicht schildern, wie es mich jagte, ihn zu sehen… ihn… zu lieben, weil sie ihn geliebt.
270
verweigern – отказывать
Mit einem Ruck war ich bei der T"ur. Ein junger, ganz junger blonder Offizier stand dort, sehr linkisch [271] , sehr schmal, sehr blass. Wie ein Kind sah er aus, so… so r"uhrend jung… und uns"aglich ersch"utterte mich gleich, wie er sich m"uhte, Mann zu sein, Haltung zu zeigen… Ich sah sofort, dass seine H"ande zitterten, als er zur M"utze fuhr… Am liebsten h"atte ich ihn umarmt… weil er ganz so war, wie ich mir es w"unschte, dass der Mann sein sollte, der diese Frau besessen… kein Verf"uhrer, kein Hochm"utiger… nein, ein halbes Kind, ein reines Wesen, dem sie sich geschenkt. Ganz befangen stand der junge Mensch vor mir. Mein gieriger Blick, mein leidenschaftlicher Aufsprung machten ihn noch mehr verwirrt.
271
linkisch – неуклюжий