Der R?uber
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„Der hat sie nicht mehr alle.“
Ich bin wieder umringt. Sie sehen noch einmal in die Tasche, tasten die Jackentaschen ab.
„Die sind wirklich leer! Wo kommen nur solche Deppen her?“
„Was ist denn los?“ frage ich vorsichtig.
„Bist du wirklich so naiv?“
„Wir waren im Stress… Fast eine Woche auf Arbeit und nicht zu Hause!“
Einer der Hinzugekommenen, dem Verhalten der anderen nach zu urteilen, der Kommandeur, grinst.
„Der Weltuntergang!“
„Krieg?“
„Noch nicht. Aber es spricht nichts dagegen, dass er ausbricht. Die Zivilbev"olkerung ist fast vollst"andig auf und davon. Die Ausfahrten und Ausg"ange wurden heute geschlossen.“
„Und… wie geht es weiter? Wir m"ussen doch hier herausgebracht werden!“
„Die es verdienen, haben sie gehen lassen! Los, Jungs, vor uns liegen noch zwei Punkte.“
Die Milit"ars verlieren jegliches Interesse an mir und drehen mir den R"ucken zu.
„Moment! Aber was ist mit dem Gesch"aft? Wo kaufe ich jetzt was zu essen?
„Wasja, gib diesem Hungerleider was zu kauen.“
Vor meine F"usse fallen ein paar Konservenb"uchsen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, sind die MPi-Sch"utzen um die Ecke verschwunden.
Das ist seltsam… immerhin haben sie gerade einen Menschen erschossen. Wo bleibt die Polizei? Untersucht niemand den Tatort oder nimmt ein Protokoll auf… Und ich? Was mache ich jetzt? Bin ich ein Zeuge? Aber ich habe ja "uberhaupt nichts gesehen!
Ich sammle die Konserven auf, gehe um den Toten herum und sehe durch das eingeschlagene Schaufenster. Tja, hier ist nichts zu holen. Scheinbar wurde hier alles ausger"aumt, die Regale sind leer. Nur ein paar Flaschen Mineralwasser stehen und liegen herum. Offenbar hatte der Tote keine Lust, freiwillig mit den Milit"ars zu teilen. Da haben sie ihn ohne viel Aufhebens umgenietet. Ein scheussliches Gef"uhl, das Gesch"aft "uberhaupt zu betreten… aber unvermeidlich! Den Worten der Milit"ars zufolge, geht es "uberall so zu.
Ich klettere vorsichtig "uber die scharfen Glassplitter auf dem Fensterbrett in den Laden. Die Flaschen packe ich in die Tasche. Was haben wir hier? Zigaretten! Ich rauche nicht, aber eine innere Stimme fl"ustert mir zu: „Umsonst! Es sieht doch keiner, nimm sie einfach mit!“
Ich schaue mich nach der Kasse um und halte die Kreditkarte in der Hand. „Du Bl"odmann! Eine Kasse? Bist du verr"uckt? Am Eingang liegt ein Toter!“ Tja… offenbar… steh ich wirklich neben mir. Die Karte zur"uck ins Portemonnaie und das Portemonnaie wieder in die Tasche. Genau wie der Block Zigaretten.
Kein Brot und auch keine Konserven mehr im Gesch"aft. Hier waren schon viele „G"aste“, es ist wie leergefegt. Das Wasser haben sie stehen lassen, unter diesen Umst"anden interessiert sich niemand f"ur Di"at. Und was ist mit der Kindernahrung? Ist die zu etwas gut? Was die Kleinen d"urfen, ist auch den Grossen nicht untersagt. Babybrei als Fr"uhst"ucksmen"u?
Ein leichtes Krachen riss mich aus den Gedanken. Oh je, hier wird scharf geschossen! Nichts wie weg!
Als ich bereits den Hauseingang betrete, f"allt mir ein, was mir die ganze Zeit keine Ruhe l"asst. Der Winkel am "Armel des Kommandeurs. Bei meinem Wehrdienst habe ich im Bataillonsstab viele Besucher erlebt. Offiziere und Soldaten, einfache Infanterie und unbekannte Milit"arverb"ande, ausgestattet mit Aufn"ahern und Kennmarken. Sie hatten eines gemeinsam, es fanden sich keine ausl"andischen Buchstaben darauf. Ich hatte ausreichend Zeit, das Emblem zu studieren, das ich direkt vor der Nase hatte. Das waren englische Buchstaben! Das Schild, auf dem ein Schwert mit dem Schaft nach oben dargestellt ist, tr"agt die Aufschrift „BEAR“. Gibt es diesen Verband in unserer Armee "uberhaupt? Das bezweifle ich. Auch die Polizei hat keine Spezialeinheit mit dieser Bezeichnung, und der Geheimdienst erst recht nicht. Soweit ich weiss, sind lateinische Buchstaben bei den Geheimdiensten nicht erw"unscht.
Auf dem Heimweg fiel mir auf, dass kaum noch Fahrzeuge in den H"ofen stehen. W"ahrend ich auf dem Sofa sass und mir die Nachrichten ansah, waren alle anderen aus Tarkow verschwunden. Abwarten… Fl"uchtlinge sind nirgendwo willkommen, egal woher sie stammen. Sie werden nicht gerade freudig empfangen. Wir sind hier nicht in Europa! Selbst da ist das Fl"uchtlingsdasein in letzter Zeit kein Zuckerschlecken.
Kein Licht im Hauseingang. Ist der Strom ausgefallen? Der Fahrstuhl f"ahrt. Was ist los? Mit der Taschenlampe des Handys stelle ich fest, dass die Gl"uhbirne entfernt wurde. Soweit sind wir also gekommen. Jetzt werden schon die Gl"uhbirnen gestohlen…
Endlich stehe ich vor meiner Wohnungst"ur. Ich verschliesse die T"ur hinter mir und lege meine Beute auf dem Sofa aus. Mein Gott, viel ist es nicht, aber immerhin. Essen f"ur zwei bis drei Tage!
Ich stelle den Wasserkocher auf den Herd. Da klingelt es an der Wohnungst"ur „Miau“. Auf dem Bildschirm erscheint das Gesicht von Pascha Galperin. Was will er hier?
„T"ur "offnen!“ Die Elektronik "offnet auf meinen Befehl das Schloss.
„Hallo!“
„Gleichfalls! Komm rein, ich habe gerade Wasser f"ur den Tee aufgesetzt.“
„Danach ist mir jetzt nicht zumute! Weisst du, dass sie Mischa erschossen haben?“
Moment…
„Mischa Frolow etwa?“
„Ja!“
Unser Systemadministrator und mein Kollege. Ein gutm"utiger Tollpatsch mit runder Nickelbrille, der wie John Lennon aussieht. Ein toller Kerl, der jeden Streit vermied. Wen sollte der gest"ort haben?
„Unsinn…“, antworte ich verunsichert. „Stopp, woher weisst du das "uberhaupt?“
„Und weisst du "uberhaupt, was hier los ist?!“ Pascha schreit mich pl"otzlich im O-Ton an.
Ich bin v"ollig perplex von diesem Gef"uhlsausbruch und suche nach einer Antwort.
„Chaos… Vor meinen Augen erschossen MPi-Sch"utzen einen Menschen! Von der Polizei keine Spur!“
Er l"auft aufgeregt im Zimmer hin und her. Ich entnehme seinen Worten, dass die Situation viel schlimmer ist, als ich es mir vorgestellt hatte.
Das Chaos oder besser das organisierte Chaos hat bereits die ganze Stadt erfasst. Schiessereien auf offener Strasse! Die Polizei ist verschwunden und in die kurzlebigen Auseinandersetzungen mischt sich niemand ein. Es ist v"ollig unklar, wer mit wem k"ampft. Auch Pascha wurde auf dem Weg zu mir beschossen und konnte sich nur durch sein schnelles Auto in Sicherheit bringen. Er fuhr zuerst zu Frolow und fand auf der Schwelle dessen Leiche. Sie hatten ihm mehrmals in die Brust geschossen und schliesslich per Kopfschuss ins Jenseits bef"ordert.
„Ich hockte neben ihm und h"orte pl"otzlich L"arm in der Wohnung. Da sprang ich auf und bin weggelaufen!“
„Warum ausgerechnet zu mir?“
„Weil du in der N"ahe wohnst und besser Auto f"ahrst als ich.“
Stimmt, Pawel hat sich zwar einen F"uhrerschein gekauft, aber nicht zugleich die F"ahigkeit erworben, seinen Kredit-Mazda zu steuern. Mal kurz um die Ecke kam er gerade noch, aber auf der Autobahn zu fahren…
„Es wird Zeit abzuhauen! Gleich jetzt!“
„Warte… ich muss noch packen!“
„Was willst du denn packen?! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Hast du es noch nicht begriffen? Wir m"ussen hier weg! Z"ugig!“
Er hat mich fast "uberzeugt. Wenigsten das kann er! Ich weiss nicht, was ich ihm entgegnen soll. Er treibt mich mit seinem Geschrei durch die Wohnung und ich stopfe hektisch in meinen Rucksack, was mir n"utzlich sein k"onnte. Daf"ur reicht selbst mein kleinster Rucksack dicke. Eigentlich ist alles um mich herum wichtig und n"utzlich, aber ausserhalb der Wohnung ist es zu gar nichts n"utze. Wer braucht beispielsweise einen Golfschl"ager? Auch wenn er mit dem Autogramm des Vize-Pr"asidenten der „Terra Group“ verziert ist.