Die weisse Massai
Шрифт:
W"ahrend der Unterhaltung fragt James, warum ich kein Gesch"aft mit meinem Auto betreibe. Ich k"onnte doch f"ur die Somalis Mais oder Zuckers"acke bringen, Leute transportieren etc. Wegen der Strassen bin ich von dieser Idee nicht begeistert, erw"ahne aber, nach der Hochzeit irgend etwas zu machen, was Geld bringt. Am liebsten h"atte ich einen Laden, in dem man alles Essbare kaufen k"onnte. Dies ist jedoch zun"achst ein Wunsch. Im Moment bin ich zu schwach, und erst muss die Heirat genehmigt werden, bevor ich arbeiten darf. Die Burschen sind von der Idee eines Shops fasziniert. James beteuert, dass er mir in knapp einem Jahr, wenn er seine Schule beendet hat, helfen will. Der Gedanke ist verlockend, doch ein Jahr ist eine lange Zeit.
Lketinga kommt zur"uck, und kurz darauf verziehen sich die Burschen respektvol.
Er will wissen, wor"uber wir uns unterhalten haben. Ich erz"ahle ihm von der vagen Idee mit einem Laden. Zu meiner "Uberraschung l"asst auch er sich mitreissen von dieser Vorstel ung. Es w"are der einzige Massai-Laden weit und breit, und die Somalis h"atten keine Kunden mehr, denn alle Leute k"amen nur zu gerne zu einem Stammesbruder. Dann schaut er mich an und sagt, dies werde viel Geld kosten, ob ich denn soviel habe. Ich beruhige ihn, in der Schweiz sei noch etwas. Aber alles muss gut "uberlegt werden.
Pole, pole
In letzter Zeit habe ich mich h"aufig mit verletzten Personen besch"aftigt. Seit ich das Kleinkind einer Nachbarin mit einem eiternden Geschw"ur am Bein mittels Zugsalbe geheilt habe, bringen t"aglich M"utter ihre Kinder mit zum Teil grauenhaften Abszessen zu mir. Ich reinige, salbe und verbinde, so gut es geht, und bestelle die Leute alle zwei Tage von neuem. Doch der Zulauf wird so gross, dass ich bald keine Salbe mehr besitze und nicht mehr helfen kann. Ich schicke sie zum Hospital oder in die Mission, aber die Frauen gehen wortlos, ohne meinen Rat zu befolgen.
In zwei Tagen werden die Sch"uler in die Schule zur"uckkehren. Mir tut es leid, denn sie waren sehr unterhaltsam. Die Idee vom Shop hat sich inzwischen festgesetzt, und eines Tages fasse ich den Entschluss, doch in die Schweiz zu fahren, um Energie zu tanken und mir einige Kilo zuzulegen. Die Gelegenheit, von Roberto oder Giuliano nach Maralal mitgenommen zu werden, ist verlockend. Unseren Landrover k"onnte ich hier lassen und m"usste in meinem geschw"achten Zustand die Strecke nicht selber bew"altigen. Kurzerhand teile ich Lketinga meine Entscheidung mit. Er ist v"ollig irritiert von meinem Vorhaben, ihn in zwei Tagen zu verlassen. Ich verspreche ihm, "uber den Shop nachzudenken und Geld mitzubringen. Er sol sich erkundigen, wo und wie wir ein Geb"aude erstellen k"onnen. W"ahrend ich mit ihm alles bespreche, wird f"ur mich die Vorstellung von einem gemeinsamen Shop konkreter. Jetzt brauche ich nur Zeit, um al es vorzubereiten und Kraft zu sammeln.
Nat"urlich hat Lketinga wieder Angst, dass ich ihn verlassen will, doch diesmal stehen mir die Burschen zur Seite und k"onnen ihm mein Versprechen, in drei bis vier Wochen gesund zur"uck zu sein, Wort f"ur Wort "ubersetzen. Den genauen Tag w"urde ich ihm bekannt geben, sobald ich ein Ticket gel"ost habe. Ich f"uhre auf gut Gl"uck nach Nairobi und hoffte auf einen m"oglichst schnellen Abflug in die Schweiz.
Schweren Herzens willigt er ein. Ich lasse ihm etwas Geld zur"uck, etwa 300 Franken.
Mit wenig Gep"ack warte ich mit mehreren Sch"ulern vor der Mission. Wann es losgeht, wissen wir nicht, doch wer dann nicht da ist, muss zu Fuss gehen. Mama und mein Darling sind ebenfalls anwesend. W"ahrend Mama James die letzten Anweisungen gibt, tr"oste ich Lketinga. Einen Monat ohne mich findet er sehr, sehr lang. Dann kommt Giuliano. Ich kann neben ihm sitzen, w"ahrend sich die Burschen in den hinteren Teil quetschen. Lketinga winkt und gibt mir „Take care of our baby!“
mit auf den Weg. Wie "uberzeugt er von meiner angeblichen Schwangerschaft ist, l"asst mich l"acheln.
Pater Giuliano rast f"ormlich "uber die Strasse. Mit M"uhe halte ich mich fest. Wir sprechen nicht viel. Lediglich als ich ihm erkl"are, dass ich in einem Monat zur"uck sein wil, meint er, dass ich mindestens drei Monate ben"otigen w"urde, um mich zu erholen.
Aber das ist f"ur mich nicht vorstellbar.
In Maralal herrscht Chaos. Das St"adtchen ist mit abreisenden Sch"ulern "uberf"ullt.
Sie werden "uber ganz Kenia verteilt, damit sich die verschiedenen St"amme vermischen. James hat Gl"uck, weil er in Maralal bleiben kann. Ein Bursche aus unserem Dorf muss nach Nakuru, so dass wir einen Teil der Strecke gemeinsam fahren k"onnen. Aber erst m"ussen wir an ein Busticket kommen. Das scheint f"ur die n"achsten zwei Tage aussichtslos. Alle Pl"atze sind vergeben. Einige Ausw"artige sind mit offenen Pick-ups nach Maralal gekommen, um mit "uberteuerten Fahrten gutes Geld zu machen. Sogar bei diesen finden wir keinen Platz. Vielleicht am n"achsten Morgen um f"unf Uhr, stel t jemand in Aussicht. Wir reservieren, aber Geld geben wir noch keines.
Der Bursche steht ratlos herum, weil er nicht weiss, wo er ohne Geld "ubernachten soll. Er ist sehr scheu und hilfsbereit. Dauernd schleppt er meine Reisetasche. Ich schlage vor, in das mir bekannte Lodging zu gehen, um etwas zu trinken und nach Zimmern Ausschau zu halten. Die Wirtin begr"usst mich freudig, doch auf meine Anfrage nach zwei Zimmern sch"uttelt sie bedauernd den Kopf. Eines kann sie mir bis zum Abend frei machen, weil ich ihr Stammgast bin. Wir trinken Chai und klappern die anderen Lodgings ab. Ich bin bereit, diesen f"ur mich kleinen Betrag zu "ubernehmen. Doch alle sind belegt. Inzwischen wird es dunkel und k"alter. Ich "uberlege hin und her, ob ich den Jungen im zweiten Bett in meinem Zimmer einquartieren soll. F"ur mich w"are es kein Problem, aber wie das die Leute auffassen, weiss ich nicht. Ich frage ihn, was er zu tun gedenkt. Er erkl"art mir, er m"usse ausserhalb von Maralal verschiedene Manyattas aufsuchen. Wenn er eine Mama findet, die einen Sohn seines Alters hat, muss sie ihn aufnehmen.
Das erscheint mir nun wirklich zu umst"andlich, denn wir wollen um f"unf Uhr losfahren. Kurz entschlossen biete ich ihm mein zweites Bett an, das an der gegen"uberliegenden Wand steht. Im ersten Moment schaut er mich verlegen an und lehnt dankend ab. Er meint, er k"onne unm"oglich im Raum einer Krieger-Braut schlafen, das w"urde Probleme geben. Ich lache, nehme das Ganze nicht so ernst und sage, er sol e es eben niemandem erz"ahlen. Ich gehe zuerst ins Lodging. Dem W"achter gebe ich ein paar Schilling mit der Bitte, mich um 4.30 Uhr zu wecken. Der Junge erscheint eine halbe Stunde sp"ater. Voll angezogen liege ich bereits im Bett, obwohl es erst acht Uhr ist. Bei der Dunkelheit draussen ist nichts mehr los, ausser in vereinzelten Bars, die ich meide.
Die kahle Gl"uhbirne erhel t den h"asslichen Raum in aller Deutlichkeit. An den W"anden br"ockelt der blau gestrichene Putz ab, und "uberall sind braune Flecken, von denen sich d"unne Tropfspuren nach unten ziehen. Es sind scheussliche Reste von ausgespucktem Tabak. Daheim in der Manyatta haben das am Anfang Mama und andere "altere Besucher auch gemacht, bis ich mich dar"uber beschwerte. Jetzt spuckt Mama unter einen der Feuersteine. Das Lodging-Zimmer empfinde ich als "ausserst eklig. Der Bursche legt sich angezogen ins Bett und dreht sich sofort zur Wand. Wir l"oschen die grelle Gl"uhbirne und reden nicht mehr.
Es poltert an der T"ur. Ich schrecke aus dem Tiefschlaf auf und frage, was los ist.
Noch bevor eine Antwort kommt, sagt der Bursche, es sei schon fast f"unf Uhr. Wir m"ussen los! Wenn der Pick-up voll ist, f"ahrt er einfach ab. Wir raffen unsere Sachen zusammen und st"urzen zum verabredeten Ort. "Uberall stehen Sch"uler in kleinen Gruppen zusammen. Einige steigen in ein Fahrzeug. Der Rest wartet wie wir in der kalten Dunkelheit. Ich friere f"urchterlich. Um diese Zeit ist Maralal kalt und feucht vom Tau. Wir k"onnen nicht einmal Tee trinken, da in den Lodgings noch kein Betrieb ist.