Die weisse Massai
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Um sechs Uhr f"ahrt der normal verkehrende Bus "uberbesetzt und hupend an uns vorbei. Unser Fahrer ist noch nicht aufgetaucht. Er scheint es nicht eilig zu haben, da wir auf ihn angewiesen sind. Es wird hel, und wir warten nach wie vor. Nun packt mich die Wut. Ich will weg hier, und zwar heute noch bis Nairobi. Der Junge sucht verzweifelt nach einer Mitfahrgelegenheit, doch die wenigen Wagen sind restlos "uberf"ul t, es gibt nur die M"oglichkeit, von einem mit Kohlk"opfen beladenen Lastwagen mitgenommen zu werden. Ich sage sofort zu, denn wir haben keine Wahl.
Schon nach den ersten paar Metern bezweifle ich, ob ich richtig gehandelt habe.
Es ist die reinste Tortur, auf den harten Dingern zu sitzen, die sich dauernd bewegen. Festhalten kann ich mich nur am Gel"ander, und das schl"agt mir st"andig in die Rippen. Bei jedem Schlagloch hebt es uns in die Luft, um anschliessend auf den harten Kohlk"opfen zu landen. Unterhalten kann man sich nicht. Es ist viel zu laut und zu gef"ahrlich, denn bei diesen Schl"agen k"onnte man sich auf die Lippen beissen.
Irgendwie "uberlebe ich die viereinhalb Stunden bis Nyahururu.
V"ol ig zerschlagen klettere ich vom Laster und verabschiede mich von meinem jungen Begleiter, da ich in ein Restaurant gehen will, um eine Toilette aufzusuchen.
Als ich meine Jeans herunterstreife, entdecke ich grosse violette Flecken an den Oberschenkeln. Mein Gott, bis ich in der Schweiz bin, sind meine mageren Beine auch noch dunkelblau unterlaufen! Meine Mutter wird der Schlag treffen, denn seit meinem letzten Besuch vor zwei Monaten habe ich mich k"orperlich sehr ver"andert.
Sie weiss bis jetzt nicht einmal, dass ich schon wieder nach Hause komme, unverheiratet und schwer angeschlagen.
Im Restaurant bestel e ich mir eine Cola und ein richtiges Essen. Es gibt H"uhnchen, und so verzehre ich ein halbes Poulet mit pappigen Pommes frites. Um hier zu "ubernachten, ist es noch zu fr"uh. Deshalb schleppe ich meine Tasche zum Busbahnhof, wo wie immer viel Betrieb ist. Ich habe Gl"uck, ein Bus nach Nairobi ist abfahrbereit. Die Strecke ist geteert, was eine Wohltat ist, und ich schlafe auf meinem Sitz ein. Als ich wieder einmal aus dem Fenster schaue, sind wir nur noch etwa eine Stunde von meinem Ziel entfernt. Wenn ich Gl"uck habe, erreichen wir die Megastadt, bevor es dunkel ist. Das Igbol liegt nicht gerade in einer ungef"ahrlichen Gegend. Es d"ammert bereits, als wir die Aussenbezirke der Stadt erreichen.
"Uberall steigen jetzt Menschen mit ihren Habseligkeiten aus, w"ahrend ich mein Gesicht krampfhaft an die Scheibe dr"ucke, um mich im Lichtermeer zu orientieren.
Bis jetzt kommt mir nichts bekannt vor. Im Bus sind noch f"unf Personen, und ich bin unschl"ussig, ob ich nicht einfach aussteigen sol, denn bis zum Busbahnhof will ich auf keinen Fal, dort ist es um diese Zeit f"ur mich zu gef"ahrlich. St"andig schaut der Chauffeur im R"uckspiegel zu mir und wundert sich, warum die Mzungu nicht aussteigt. Nach einer Weile fragt er, wohin ich wil. Ich antworte: „To Igbol-Hotel.“
Er zuckt die Schultern. Da f"al t mir der Name eines riesigen Kinos ein, das in unmittelbarer N"ahe des Igbol liegt. „Mister, you know Odeon Cinema?“
frage ich hoffnungsvol. „Odeon Cinema? This place is no good for Mzungu-lady!“
belehrt er mich. „It's no problem for me. I only go into the Igbol-Hotel. There are some more white people“,
gebe ich zur Antwort. Er wechselt ein paarmal die Fahrspur, biegt mal links, mal rechts ab und h"alt direkt vor dem Hotel. Dankbar f"ur diesen Service gebe ich ihm ein paar Schillinge. In meinem ersch"opften Zustand bin ich um jeden Meter froh, den ich nicht laufen muss.
Es geht hektisch zu im Igbol. Alle Tische sind belegt, und "uberal stehen Tramper-Rucks"acke herum. Mittlerweile kennt mich der Mann an der Rezeption und begr"usst mich mit „Jambo, Massai-lady!“ Er hat nur noch ein Bett in einem Dreierzimmer frei.
Im Zimmer treffe ich auf zwei Engl"anderinnen, die den Reisef"uhrer studieren. Sofort gehe ich in den Gang zum Duschen, meine Beuteltasche mit Geld und Pass nehme ich mit. Ich ziehe mich aus und sehe mit Entsetzen, wie zerschlagen mein K"orper ist.
Meine Beine, eine Hinterbacke und die Unterarme sind "ubers"at mit blauen Flecken.
Aber das Duschen macht aus mir wieder einen etwas komfortableren Menschen.
Danach setze ich mich ins Restaurant, um endlich etwas zu essen und die verschiedenen Touristen zu beobachten. Je l"anger ich den Europ"aern zuschaue, vor allem den m"annlichen, desto st"arker "uberkommt mich die Sehnsucht nach meinem sch"onen Krieger. Kurz darauf verziehe ich mich in mein Bett, um meine m"uden Knochen auszustrecken.
Nach dem Fr"uhst"uck marschiere ich zum Swissair-Office. Zu meiner grossen Entt"auschung haben sie erst in f"unf Tagen einen Platz frei. Das dauert mir zu lange.
Bei Kenya-Airways ist die Wartezeit noch l"anger. F"unf Tage Nairobi, da werde ich mit Sicherheit depressiv. Deshalb klappere ich weitere Fluggesellschaften ab, bis ich bei Allitalia einen Flug in zwei Tagen bekomme, allerdings mit vier Stunden Aufenthalt in Rom. Ich frage nach dem Preis und buche. Anschliessend hetze ich zur nahe gelegenen Kenya Commercial Bank, um Geld abzuheben.
In der Bank stehen die Menschen Schlange. Der Eingang wird durch zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten bewacht. Ich stelle mich in eine der wartenden Schlangen und kann nach einer guten halben Stunde mein Anliegen vorbringen. Ich habe einen Scheck auf den ben"otigten Betrag ausgestel t. Es wird ein riesiges B"undel Geld sein, das ich durch Nairobi zur Allitalia bringen muss. Der Mann hinter dem Schalter dreht und wendet den Scheck und fragt mich, wo denn Maralal liegt. Er geht und kommt nach einigen Minuten zur"uck. Ob ich sicher sei, soviel Bargeld mitnehmen zu wollen? „Yes“, antworte ich genervt. Mir ist selber nicht wohl bei dem Gedanken. Nachdem ich diverse Belege unterschrieben habe, bekomme ich stapelweise Geldnoten, die ich sofort in meinem Rucksack verschwinden lasse. Zum Gl"uck sind fast keine Personen mehr anwesend. Der Bankbeamte fragt nebenbei, was ich mit dem vielen Geld machen wil und ob ich einen boyfriend brauche. Ich lehne dankend ab und gehe.
Unbehelligt erreiche ich das Allitalia Office. Erneut muss ich Formulare ausf"ullen, und der Pass wird kontrolliert. Eine Angestellte erkundigt sich, warum ich kein Retourticket in die Schweiz habe. Ich erkl"are ihr, dass ich in Kenia lebe und vor zweieinhalb Monaten nur ferienhalber in der Schweiz war. Die Dame meint h"oflich, ich sei aber Touristin, da nirgends vermerkt sei, dass ich in Kenia lebe. All diese Fragen verwirren mich. Ich will lediglich ein Flugticket zur"uck und bezahle es bar.