Die weisse Massai
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Dachte ich es mir doch, dass irgendwann eine Eifersuchtsszene kommt, obwohl ich nie l"anger als f"unf Minuten mit jemandem gesprochen habe! Den aufsteigenden "Arger schlucke ich hinunter, es reicht mir schon, was die drei M"anner von diesem Auftritt weitererz"ahlen werden, da ganz Barsaloi von unserer Disco spricht.
Permanent beobachtet mich Lketinga nun argw"ohnisch. Ab und zu nimmt er den Datsun und f"ahrt seinen Halbbruder in Sitedi oder andere Verwandte besuchen.
Nat"urlich k"onnte ich mitgehen, aber mit Napirai mag ich nicht in den von Fliegen "ubers"aten Manyattas bei den K"uhen hocken.
So vergeht die Zeit, und ich warte auf den Tag, an dem James endlich mit der Schule fertig ist. Wir brauchen dringend Geld, um Lebensmittel und Benzin zu kaufen. Mit al den Fremden hier k"onnten wir jetzt viel Geld verdienen. Lketinga ist st"andig unterwegs, da im Moment etliche aus seiner Altersgruppe heiraten. T"aglich erscheinen Krieger, die von irgendeiner Hochzeit erz"ahlen. Er schliesst sich ihnen meistens an, und in aller Regel weiss ich nicht, ob er in zwei, drei oder erst in f"unf Tagen wiederkommt.
Als Pater Giuliano anfragt, ob ich wieder die Sch"uler abholen wolle, denn heute sei Ende der Schulsaison, bin ich selbstverst"andlich bereit. Obwohl mein Mann nicht da ist, fahre ich los und lasse Napirai bei der Mama. James begr"usst mich freudig und erkundigt sich nach unserer Disco.
Also hat es sich sogar bis hierher herumgesprochen. Ich muss f"unf Burschen nach Hause bringen. Wir kaufen noch ein, und ich schaue schnell bei Sophia vorbei. Sie ist zur"uck aus Italien, wil aber so bald wie m"oglich wieder an die K"uste ziehen. Mit Anika ist es ihr hier zu anstrengend, und eine sinnvolle Zukunft sieht sie auch nicht.
Mir tut diese Mitteilung weh, denn nun habe ich niemanden mehr in Maralal, auf den ich mich freuen kann. Immerhin haben wir viele harte Momente gemeinsam durchgestanden. Aber ich verstehe und beneide sie auch ein wenig. Wie gerne w"urde ich wieder einmal ans Meer! Da der Umzug in K"urze stattfindet, verabschieden wir uns bereits jetzt. Sie will mir ihre neue Adresse sp"ater mitteilen.
Wir sind kurz nach acht Uhr zu Hause. Mein Mann ist nicht da, und so koche ich f"ur die Burschen, nachdem sie erst mal bei Mama Chai getrunken haben. Es wird ein lustiger Abend, und wir erz"ahlen uns viel. Napirai liebt ihren Onkel James sehr.
Immer wieder muss ich von der Disco berichten. Mit gl"anzenden Augen sitzen sie da und h"oren zu. So etwas m"ochten sie auch erleben. Eigentlich sollte es in zwei Tagen wieder soweit sein, doch Lketinga ist nicht da, und so wird eben nichts daraus. An diesem Wochenende haben die Leute Zahltag, und st"andig werde ich gebeten, eine Disco zu organisieren. Mir bleibt nur ein Tag. Ohne Lketinga traue ich mich nicht, doch die Boys "uberreden mich und versprechen, al es zu organisieren, wenn ich nur Bier und Sodas kaufe.
Nach Maralal mag ich nicht und fahre deshalb mit James nach Baragoi. Ich bin das erste Mal in diesem Turkana-Dorf. Es ist fast so gross wie Wamba und hat tats"achlich einen Bier- und Soda-Grossh"andler, allerdings etwas teurer als in Maralal. Die ganze Aktion dauert nur dreieinhalb Stunden. Ein Boy schreibt Anschlagzettel, die sie anschliessend gemeinsam verteilen, und alle fiebern der Disco entgegen. F"ur Fleisch hat es heute nicht mehr gereicht, weil keine Ziege zum Verkauf angeboten wurde.
Von zu Hause eine zu holen habe ich nicht gewagt, auch wenn es zum Teil meine sind. Als ich Napirai wieder zur Mama bringe, merke ich, dass sie nicht so erfreut ist wie sonst, wohl, weil Lketinga nicht da ist. Aber ich muss f"ur Geld sorgen, schliesslich leben alle davon.
Die Disco ist wieder ein grosser Erfolg. Heute kommen noch mehr, weil auch die Schulboys da sind. Sogar drei M"adchen trauen sich herein. Mit den Boys und ohne meinen Mann ist die Atmosph"are viel lockerer. Selbst ein junger Somali kommt vorbei und trinkt Fanta. Es freut mich, da Lketinga manchmal sehr h"asslich "uber die Somalis spricht. Ich sp"ure, dass ich dazugeh"ore und kann mich diesmal mit vielen unterhalten. Abwechselnd verkaufen die Boys die Getr"anke. Es ist herrlich, und alle tanzen zu der fr"ohlichen Kikuyu-Musik. Viele haben eigene Kassetten mitgebracht.
Auch ich tanze seit mehr als zwei Jahren wieder einmal und f"uhle mich entspannt.
Leider m"ussen wir nach Mitternacht die Musik leiser machen, aber die Stimmung bleibt gut. Gegen zwei Uhr wird geschlossen, und ich eile mit der Taschenlampe zur Manyatta, um Napirai abzuholen. Es f"allt mir schwer, den Eingang in der Dornenhecke zu finden. Im Kral trifft mich fast der Schlag. Lketingas Speere stecken vor der Manyatta! Mein Puls rast, als ich in die H"utte krieche. An seinem Grunzen erkenne ich sofort seine Gereiztheit. Napirai schl"aft nackt neben der Mama. Ich begr"usse ihn und frage, warum er nicht in den Shop gekommen ist. Zuerst erhalte ich keine Antwort. Pl"otzlich donnert er los. Er beschimpft mich gr"asslich und sieht wild aus. Ich kann sagen, was ich will, er glaubt mir nichts. Mama versucht ihn zu beruhigen und meint, sein Geschrei h"ore ganz Barsaloi. Auch Napirai schreit. Als er mich eine Hure nennt, die es mit Kikuyus und sogar mit den Boys treibe, packe ich die nackte Napirai in eine Decke und renne verzweifelt nach Hause. Langsam bekomme ich Angst vor meinem eigenen Mann. Es dauert nicht lange, und er reisst die T"ure auf, zerrt mich aus dem Bett und verlangt die Namen derer, mit denen ich es getrieben habe. Jetzt sei er sicher: Napirai sei gar nicht seine Tochter. Ich h"atte ihm nur erz"ahlt, sie sei wegen der Krankheit fr"uher zur Welt gekommen, dabei sei ich von einem anderen schwanger geworden. Bei jedem Satz schwindet meine angeschlagene Liebe. Ich verstehe ihn nicht mehr. Schliesslich verl"asst er das Haus und schreit, er k"ame nicht wieder und suche sich statt dessen eine bessere Frau. Mir ist es im Moment v"ol ig egal, wenn nur endlich Ruhe einkehrt.
Mit meinen verweinten Augen wage ich mich am Morgen kaum aus dem Haus.
Viele haben unseren Streit geh"ort. Mama erscheint gegen zehn Uhr mit Saguna und wil wissen, wo Lketinga ist. Ich weiss es nicht. Statt dessen kommt James mit seinem Freund. Auch er begreift das Ganze nicht, sein Bruder sei eben nie zur Schule gegangen, und diese Krieger verstehen nichts vom Business. Von James erfahre ich, wie Mama dar"uber denkt. Sie will mit Lketinga sprechen, dass er nicht mehr so b"ose sein darf, denn er kommt bestimmt wieder. Ich solle nicht weinen und auch nicht hinh"oren, was er erz"ahlt, denn alle M"anner sind so, darum ist es besser, wenn sie mehrere Frauen haben. James widerspricht dem, doch letztlich hilft mir das nichts.
Sogar der Wachmann von der Mission wird von Pater Giuliano zu mir geschickt, um zu h"oren, was los war. Mir ist das furchtbar unangenehm. Lketinga erscheint erst gegen Abend, und wir sprechen kaum miteinander. Der Alltag geht seinen Gang, niemand erw"ahnt den Vorfall. Nach einer Woche verschwindet er bereits wieder zu einer Zeremonie.
Mein „Wasserm"adchen“ l"asst mich immer h"aufiger im Stich, so dass ich gezwungen bin, mit dem Wagen zwei Kanister Wasser vom River zu holen, w"ahrend die Burschen Napirai h"uten. Als ich vom Fluss losfahren will, kann ich nicht mehr schalten, die Kupplung greift nicht. Deprimiert "uber die erste Panne nach gerade mal zwei Monaten, marschiere ich zur Mission, weil ich den Wagen nicht am Fluss stehen lassen kann. Giuliano ist nicht begeistert, kommt aber trotzdem und schaut sich den Wagen an. Dabei stellt er fest, dass in der Tat die Kupplung nicht mehr funktioniert. Er bedauert, da k"onne er wirklich nicht mehr helfen. Ersatzteile bek"ame ich al enfal s in Nairobi, und er fahre den n"achsten Monat sicher nicht dorthin. Ich heule los, denn ich sehe keine M"oglichkeit mehr, wie ich zu Lebensmitteln f"ur Napirai und mich kommen kann. Langsam habe ich genug von den ewigen Problemen.
Er schleppt den Wagen zu unserem Haus und wil versuchen die Ersatzteile in Nairobi telefonisch zu bestel en.
Wenn die Inder in den n"achsten Tagen mit dem Flugzeug kommen, k"onnten sie eventuel diese Teile mitbringen. Versprechen kann er im Moment nichts. Doch vier Tage sp"ater kommt er auf dem Motorrad dahergebraust und meldet, heute um elf Uhr w"urde das Flugzeug landen. Die Inder k"amen, um den Bau der Schule zu kontrollieren. Ob es mit den Ersatzteilen geklappt habe, wisse er nicht.