Die weisse Massai
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Trotzdem bringe ich ihn dazu, den Antrag zu unterschreiben.
Wir m"ussen warten. Dann werde ich aufgerufen und nach hinten gebeten. Mein Mann will ebenfalls mit, doch er wird zur"uckgehalten. Mir klopft das Herz bis zum Hals, weil ich auf den n"achsten Ausbruch gefasst bin, der auch sofort erfolgt. Ich sehe noch, wie Lketinga sich zum Schalter vordr"angt und mit dem Mann heftig zu streiten beginnt.
Ich werde vom deutschen Botschafter erwartet, der mir freundlich mitteilt, sie k"onnten einen Kinderausweis ausstellen, aber nur auf Hofmann, Napirai, da unsere Heiratsurkunde noch nicht legalisiert sei und ich nach deutschem Recht nicht verheiratet sei, sondern lediglich nach kenianischem. Als er mir er"offnet, mein Mann m"usse nochmals einen Antrag unterzeichnen, sage ich, dass er dies nicht einsehen wird und zeige ihm meine "arztlichen Zeugnisse. Doch er kann nichts machen.
Als ich zur"uckkomme, sitzt Lketinga b"ose auf seinem Stuhl und h"alt die weinende Napirai: „What is wrong with you? Why you go there without me? I'm your husband!“
Mir ist alles peinlich, w"ahrend ich die Antr"age noch einmal ausf"ulle ohne Leparmorijo. Nun steht er auf und sagt, er unterschreibe gar nichts mehr.
B"ose schaue ich meinen Mann an und zische ihm zu, wenn er jetzt nicht unterschreibe, w"urde ich eines Tages so oder so mit Napirai in die Schweiz gehen und nie mehr wiederkommen. Er solle endlich begreifen, dass es schliesslich um meine Gesundheit geht! Als ihm der Mann am Schalter wiederholt versichert, dass Napirai trotzdem seine Tochter bleibt, unterschreibt er. Wieder gehe ich zum Botschafter. Misstrauisch fragt er mich, ob alles in Ordnung ist, und ich erkl"are ihm, dass es f"ur einen Krieger schwer sei, diese B"urokratie zu verstehen.
Er h"andigt mir den Kinderausweis aus und w"unscht al es Gute. Auf meine Frage, ob ich nun ausreisen k"onne, weist er darauf hin, dass jetzt noch die kenianische Beh"orde einen Aus- und Einreisestempel geben m"usse, und daf"ur brauche ich ebenfal s die Genehmigung des Vaters. Mir schwant schon die n"achste Aufregung.
M"urrisch verlassen wir die Botschaft und gehen ins Nyayo-Geb"aude. Wieder m"ussen wir Formulare ausf"ullen und warten.
Napirai schreit und l"asst sich auch durch die Brust nicht beruhigen. Wieder sind wir Zielscheibe vieler Blicke, wieder tuscheln einige "uber die Aufmachung meines Mannes. Endlich werden wir aufgerufen. Absch"atzig fragt die Frau hinter der Glasscheibe meinen Mann, warum Napirai einen deutschen Ausweis habe, wenn sie doch in Kenia geboren wurde. Alles beginnt von neuem, und ich unterdr"ucke w"utend meine Tr"anen. Der arroganten Dame erkl"are ich, dass mein Mann keinen Pass besitzt, obwohl er ihn bereits vor zwei Jahren beantragt hat. Deshalb kann unsere Tochter dort auch nicht eingetragen werden. Wegen meiner schlechten Gesundheit aber m"usse ich zur Erholung in die Schweiz. Die n"achste Frage haut mich fast um: Warum ich denn das Baby nicht beim Vater lassen will? Emp"ort erkl"are ich, dass es doch normal sei, ein dreimonatiges Kind mitzunehmen. Ausserdem h"atte meine Mutter wohl das Recht, ihr Enkelkind zu sehen! Endlich dr"uckt sie den Stempel auf das Ausweispapier. Auch mein Pass wird abgestempelt. Ersch"opft und erleichtert raffe ich die P"asse zusammen und st"urze aus dem Office.
Nun muss ich ein Ticket buchen. Diesmal habe ich den Nachweis, woher das Geld stammt, dabei. Ich lege die P"asse vor, und wir buchen einen Flug, der in zwei Tagen startet. Es dauert nicht lange, bis die Angestellte mit den ausgestellten Tickets zur"uckkommt. Sie zeigt mir die Flugscheine und liest laut „Hofmann, Napirai“ und
„Hofmann, Corinne“. Aufgebracht fragt Lketinga erneut, warum wir "uberhaupt geheiratet haben, wenn ich gar nicht seine Frau sei! Auch sein Kind geh"ore wahrscheinlich gar nicht ihm. Nun bin ich mit meinen Nerven am Ende. Ich heule vor Scham, stecke die Tickets ein, und wir verlassen das Office, um ins Lodging zur"uckzukehren.
Mein Mann beruhigt sich al m"ahlich. Verst"ort und traurig sitzt er auf dem Bett, und irgendwie verstehe ich ihn. F"ur ihn ist der Familienname das h"ochste Geschenk, was man seiner Frau und seinen Kindern geben kann, und ich nehme es nicht an. Das bedeutet f"ur ihn, dass ich nicht zu ihm geh"oren will. Ich fasse ihn bei der Hand und rede ihm gut zu, dass er sich wirklich keine Sorgen machen muss, wir werden wiederkommen. Ich werde ein Telegramm an die Mission senden, damit er weiss, an welchem Tag. Er erkl"art mir, er f"uhle sich einsam ohne uns, aber er wil auch endlich wieder eine gesunde Frau haben. Wenn wir wiederkommen, will er uns am Flughafen abholen. Diese Abmachung erf"ullt mich mit Freude, denn mir ist klar, welch eine "Uberwindung ihn diese Reise kosten wird. Zum Schluss teilt er mir mit, dass er nun Nairobi verlassen will, um nach Hause zu fahren. Die Warterei hier mache ihn nur ungl"ucklich. Ich verstehe das, und wir begleiten ihn zur Busstation.
Wir stehen da und warten auf die Abfahrt. Noch einmal fragt er besorgt: „Corinne, my wife, you are sure, you and Napirai come back to Kenya?“
Lachend erwidere ich: „Yes, darling, I'm sure.“
Dann f"ahrt sein Bus ab.
Erst vorgestern habe ich meiner Mutter telefonisch unseren Besuch ank"undigen k"onnen. Sie war nat"urlich "uberrascht, freut sich aber sehr, endlich ihr Enkelkind zu sehen. Deshalb will ich mein Baby und mich selber h"ubsch machen. Doch es ist schwer, mit so einem kleinen ungest"umen Kind das Zimmer zu verlassen. Die Toiletten und Duschen liegen hinten im Gang. Wenn ich die Toilette benutze, muss ich sie wohl oder "ubel mitnehmen, falls sie nicht gerade schl"aft. Beim Duschen jedoch geht das schlecht. Ich gehe zur Rezeption und frage die Frau, ob sie eine Viertelstunde auf mein Baby achtet, damit ich duschen kann. Sie w"urde das gerne tun, doch im Moment habe halb Nairobi kein Wasser wegen eines Rohrbruchs, aber vielleicht funktioniere die Leitung am Abend wieder.
Bis sechs Uhr warte ich, aber es geschieht nichts. Im Gegenteil, "uberall stinkt es bereits. Ich will nicht l"anger warten, weil ich um zehn Uhr am Flughafen sein muss, gehe in einen Shop und schleppe einige Liter Mineralwasser in mein Zimmer. Erst wasche ich Napirai, dann meine Haare und notd"urftig den K"orper.
Ein Taxi bringt uns zum Flughafen. Unser Reisegep"ack ist sp"arlich, obwohl Ende November die Temperaturen in Europa eher winterlich sein werden. Die Stewardessen geben sich viel M"uhe mit uns, und immer wieder bleiben sie bei meinem kleinen M"adchen stehen und schwatzen ein paar Worte. Nach dem Essen bekomme ich ein Babybett f"ur sie, und kurz darauf schl"aft sie. Auch mich "ubermannt die M"udigkeit. Als ich wieder geweckt werde, gibt es bereits Fr"uhst"uck. Bei dem Gedanken, bald auf Schweizer Boden zu stehen, werde ich unruhig.
Weisse Gesichter
Mein Baby binde ich im Tragetuch auf den R"ucken, und wir passieren problemlos die Passkontrol e. Da entdecke ich meine Mutter und Hanspeter, ihren Mann. Die Freude ist gross. Napirai schaut interessiert in die weissen Gesichter.
Auf der Fahrt ins Berner Oberland sehe ich meiner Mutter an, dass ihr mein Anblick Sorgen macht. Zu Hause nehmen wir als erstes ein Bad, endlich ein heisses Bad!
Meine Mutter hat eine kleine Badewanne f"ur Napirai besorgt und "ubernimmt diese Arbeit. Als ich ungef"ahr zehn Minuten im heissen Wasser sitze, juckt es mich am ganzen K"orper. Meine wunden Stel en an den Beinen und den Armen sind offen und eitern. Diese Verletzungen sind durch meinen Massai-Schmuck entstanden und heilen in dem feuchten Klima schlecht. Ich steige aus der Badewanne und sehe meinen K"orper "ubers"at mit roten Flecken. Napirai schreit bei der verzweifelten Grossmutter. Sie ist ebenfalls voller roter Pusteln. Es juckt f"urchterlich. Da meine Mutter etwas Ansteckendes bef"urchtet, melden wir uns f"ur den n"achsten Tag bei einem Hautarzt an.
Er ist erstaunt, als er unsere Krankheit erkennt: Kr"atze. Das ist in der Schweiz eine seltene Krankheit. Es sind Milben unter der Haut, die sich bei grosser Hitze weiterbewegen, was den extremen Juckreiz verursacht. Nat"urlich wundert sich der Arzt, woher wir diese Krankheit haben. Ich erz"ahle von Afrika. Als er auch noch meine Wunden entdeckt, die sich schon bis zu einem Zentimeter ins Fleisch gefressen haben, schl"agt er mir vor, einen Aids-Test zu machen. Mir bleibt im ersten Moment die Luft weg, aber ich bin bereit. Er gibt mir mehrere Flaschen mit einer Fl"ussigkeit mit, die wir t"aglich dreimal gegen die Kr"atze auftragen m"ussen und sagt, ich solle mich wegen der Testergebnisse in drei Tagen melden. Diese Tage des Wartens sind schlimmer als al es Bisherige.
Den ersten Tag schlafe ich viel und gehe fr"uh mit Napirai zu Bett. Am zweiten Tag klingelt abends das Telefon, und ich werde vom Arzt pers"onlich verlangt. Mir dr"ohnt der Puls, als ich den H"orer, aus dem die Antwort "uber mein weiteres Schicksal kommen wird, entgegennehme. Der Arzt entschuldigt sich f"ur den sp"aten Anruf, m"ochte mir aber das Warten erleichtern und teilt mit, der Test sei negativ ausgefal en. Ich bin unf"ahig, mehr als danke! zu sagen, f"uhle mich aber wie neu geboren, und eine grosse Kraft durchstr"omt meinen K"orper. Jetzt weiss ich, dass ich auch die Folgen der Hepatitis besiegen werde. T"aglich steigere ich meinen Fettkonsum ein wenig und esse alles, was meine Mutter mir zuliebe kocht.
Die Zeit vergeht langsam, da ich mich hier doch nicht zu Hause f"uhle. Wir unternehmen viele Spazierg"ange, besuchen meine Schw"agerin Jelly und wandern mit Napirai in den ersten Schnee. Ihr gef"allt das Leben hier sehr gut, nur das st"andige An- und Ausziehen der vielen Kleider mag sie nicht.
Nach zweieinhalb Wochen ist mir klar, dass ich nicht l"anger als bis Weihnachten bleiben will. Doch der erste Flug, den ich bekommen kann, geht erst am f"unften Januar 1990. So bin ich doch fast sechs Wochen weg von daheim. Der Abschied f"allt mir schwer, weil ich nun wieder auf mich allein gestel t sein werde. Mit fast vierzig Kilo Gep"ack reise ich zur"uck. F"ur alle habe ich etwas gekauft oder gen"aht. Meine Familie hat vieles mitgegeben, und Napirais Weihnachtsgeschenke musste ich auch noch einpacken. Mein Bruder hat ein Huckepack-Gestell f"ur sie gekauft.