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Etwas beunruhigt frage ich Priscilla, ob wir hier n"achtigen m"ussen. Sie lacht: „No, Corinne, ein anderer Bruder wohnt etwa eine halbe Stunde entfernt in einem gr"osseren H"auschen. Da werden wir "ubernachten. Hier ist kein Platz, weil hier alle Kinder schlafen, und mehr als Milch und Mais gibt es nicht zu essen.“ Erleichtert atme ich auf.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit ziehen wir weiter zum n"achsten Bruder. Auch hier erwartet uns eine freudige Begr"ussung. Die Leute waren nicht informiert, dass Priscil a kommt und weissen Besuch mitbringt. Dieser Bruder ist mir sehr sympathisch. Endlich kann ich mich gut unterhalten. Auch seine Frau spricht etwas Englisch. Beide haben die Schule besucht.

Dann muss ich mir erneut eine Ziege aussuchen. Ich f"uhle mich hilflos, denn ich m"ochte nicht schon wieder das z"ahe Ziegenfleisch essen. Andererseits habe ich wirklich Hunger und wage zu fragen, ob es noch etwas anderes zu essen gibt, wir Weissen seien es nicht gewohnt, so viel Fleisch zu konsumieren.

Alle lachen, und seine Frau meint, ob ich lieber ein Huhn mit Kartoffeln und Gem"use m"ochte. Bei diesem herrlichen Men"uvorschlag antworte ich begeistert: „O

yes!“

Sie verschwindet und kommt bald darauf mit einem gerupften Huhn, Kartoffeln und einer Art Blattspinat zur"uck. Diese Massai sind richtige Bauern, haben zum Teil eine Schule besucht und arbeiten hart auf ihren Feldern. Wir Frauen essen gemeinsam mit den Kindern das wirklich gute Mahl. Es ist wie ein Eintopf und schmeckt nach all den gut gemeinten Fleischbergen wunderbar.

Wir bleiben fast eine Woche und machen unsere Besuche von hier aus. Sogar warmes Wasser wird f"ur mich zubereitet, damit ich mich waschen kann. Trotzdem sind unsere Kleider dreckig und stinken f"urchterlich nach Rauch. Langsam habe ich genug von diesem Leben und sehne mich nach dem Strand in Mombasa und meinem neuen Bett. Auf meinen Wunsch abzureisen entgegnet Priscilla, wir seien noch auf eine Hochzeitszeremonie eingeladen, die in zwei Tagen stattfindet, und so bleiben wir.

Die Hochzeit findet einige Kilometer entfernt statt. Einer der reichsten Massai soll dort seine dritte Frau heiraten. Ich bin "uberrascht, dass die Massai offensichtlich so viele Frauen heiraten d"urfen, wie sie ern"ahren k"onnen. Mir kommen dabei die Ger"uchte "uber Lketinga in den Sinn. Viel eicht ist er ja wirklich schon verheiratet?

Dieser Gedanke macht mich fast krank. Doch ich beruhige mich und denke, er h"atte mir das sicher erz"ahlt. Irgend etwas anderes steckt hinter seinem Verschwinden. Ich muss es herausfinden, sobald ich in Mombasa bin.

Die Zeremonie ist beeindruckend. Hunderte von M"annern und Frauen erscheinen.

Auch der stolze Br"autigam wird mir vorgestellt, der mir anbietet, wenn ich heiraten wolle, w"are er sofort bereit, auch mich zur Frau zu nehmen. Ich bin sprachlos. Zu Priscil a gewandt fragt er sie tats"achlich, wie viele K"uhe er f"ur mich bieten m"usse.

Priscil a aber wehrt ab, und er geht.

Dann erscheint die Braut, begleitet von den zwei ersten Frauen. Es ist ein wundersch"ones M"adchen, geschm"uckt von Kopf bis Fuss. "Uber ihr Alter bin ich schockiert, denn sie ist bestimmt nicht "alter als zw"olf oder dreizehn Jahre.

Die beiden anderen Ehefrauen sind vielleicht achtzehn oder zwanzig. Der Br"autigam selbst ist sicher auch nicht sehr alt, aber immerhin etwa f"unfunddreissig.

„Wieso“, frage ich Priscil a, „werden hier M"adchen verheiratet, die fast noch Kinder sind?“ Das sei eben so, sie selbst sei nicht viel "alter gewesen. Irgendwie empfinde ich Mitleid mit dem M"adchen, das zwar stolz, aber nicht gl"ucklich aussieht.

Wieder wandern meine Gedanken zu Lketinga. Ob er "uberhaupt weiss, dass ich siebenundzwanzig Jahre alt bin? Pl"otzlich f"uhle ich mich alt, verunsichert und nicht mehr besonders attraktiv in meinen schmutzigen Kleidern. Die zahlreichen Angebote von verschiedenen M"annern, die "uber Priscilla auf mich zukommen, k"onnen dieses Gef"uhl nicht mindern. Mir gef"allt keiner, und in Bezug auf einen m"oglichen Ehemann existiert in meinen Gedanken nur Lketinga. Ich will nach Hause, nach Mombasa.

Vielleicht ist er in der Zwischenzeit gekommen. Immerhin bin ich schon fast einen Monat in Kenia.

Begegnung mit Jutta

Wir n"achtigen das letzte Mal in der H"utte und kehren am n"achsten Tag nach Mombasa zur"uck. Mit klopfendem Herzen marschiere ich zum Village. Von weitem h"ort man fremde Stimmen, und Priscilla ruft: „Jambo, Jutta!“ Mein Herz macht einen Freudensprung, als ich diese Worte h"ore. Nach fast zwei Wochen nahezu ohne Konversation freue ich mich auf die angekommene Weisse.

Sie begr"usst mich ziemlich k"uhl und redet auf Suaheli mit Priscil a. Schon wieder verstehe ich nichts! Doch dann schaut sie mich lachend an und fragt: „So, wie hat dir das Buschleben gefallen? Wenn du nicht vor Dreck stehen w"urdest, w"urde ich dir das gar nicht zutrauen.“ Dabei schaut sie mich kritisch von Kopf bis Fuss an. Ich antworte, dass ich froh sei, wieder hier zu sein, denn ich sei total zerstochen und meine Haare juckten ebenfal s gr"asslich. Jutta lacht: „Du wirst Fl"ohe und L"ause haben, das ist al es! Doch wenn du jetzt in deine H"utte gehst, bringst du sie nicht mehr raus!“

Sie schl"agt mir wegen der Fl"ohe ein Bad im Meer mit anschliessender Dusche in einem der Hotels vor. Diesen Luxus leiste sie sich immer, wenn sie gerade in Mombasa sei. Ich frage zweifelnd, ob das nicht auffal e, da ich kein Gast sei.

„Unter so vielen Weissen kann man das unbemerkt machen“, zerstreut sie meine Bedenken. Sie gehe manchmal sogar bei den B"uffets Essen holen, nat"urlich nicht immer im selben Hotel. "Uber all diese Tricks staune ich und bewundere Jutta. Sie verspricht mir, nachher mitzukommen und verschwindet in ihrem H"auschen.

Priscilla versucht, mir die Z"opfchen zu "offnen. Es zieht grausam. Die Haare sind verfilzt und kleben von Rauch und Dreck. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so schmutzig und f"uhle mich dementsprechend schlecht. Nach "uber einer Stunde mit b"uschelweisem Haarausfall sind wir am Ziel. Alle Z"opfchen sind ge"offnet, und ich sehe aus wie nach einem Stromschlag. Mit Haarwaschmittel, Seife und frischen Klamotten ausger"ustet, klopfe ich bei Jutta an, und wir ziehen los. Sie nimmt Bleistifte und einen Zeichenblock mit. Als ich sie frage: „Was willst du denn damit machen?“ erkl"art sie: „Geld verdienen! In Mombasa kann ich leicht zu Geld kommen, deswegen bin ich ja auch f"ur zwei bis drei Wochen hier.“

„Aber wie?“ will ich wissen. „Ich zeichne Karikaturen von Touristen in zehn bis f"unfzehn Minuten und verdiene pro Bild etwa zehn Franken. Wenn ich pro Tag vier bis f"unf Leute male, lebe ich nicht schlecht!“ erz"ahlt Jutta. Seit f"unf Jahren schl"agt sie sich auf diese Weise durch, wirkt immer noch selbstbewusst und kennt jeden Trick.

Ich bewundere sie.

Wir sind am Strand angekommen, und ich st"urze mich ins erfrischende Salzwasser. Erst nach einer Stunde komme ich wieder heraus, und Jutta zeigt mir das erste Geld, das sie in der Zwischenzeit verdient hat. „So, und jetzt gehen wir duschen“, meint sie lachend. „Du musst einfach locker und selbstverst"andlich am Strandw"achter vorbeigehen, denn wir sind Weisse, das musst du dir immer vor Augen halten!“ Es klappt tats"achlich. Ich dusche und dusche und wasche meine Haare wohl f"unfmal, bis ich mich sauber f"uhle. Schliesslich ziehe ich ein leichtes Sommerkleid an, und wir gehen wie selbstverst"andlich zum traditionellen Vier-Uhr-Tee. Alles gratis!

Hier fragt sie, warum ich eigentlich im Village sei. Ich erz"ahle ihr meine Geschichte, und sie h"ort aufmerksam zu. Danach folgen ihre Ratschl"age: „Wenn du unbedingt hierbleiben willst und deinen Massai haben m"ochtest, muss endlich etwas geschehen.

Erstens musst du dir ein eigenes H"auschen mieten, das kostet fast nichts, und du hast endlich Ruhe. Zweitens solltest du dein Geld zusammenhalten und eigenes verdienen, zum Beispiel mit mir Kunden werben, die ich malen kann, dann wird geteilt. Drittens glaube keinem Schwarzen an der K"uste. Im Grunde wollen alle nur das Geld. Um zu sehen, ob dieser Lketinga deinen Kummer wert ist, gehen wir morgen ins Reiseb"uro und sehen nach, ob er dein Geld von damals dort gelassen hat. Wenn ja, ist er noch nicht verdorben vom Tourismus, das meine ich ernst.“ Wenn ich ein Foto von ihm h"atte, w"urden wir ihn mit etwas Gl"uck schon finden!

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