Die weisse Massai
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Ab und zu sehen wir in einiger Entfernung Manyattas, dann wieder lange nichts ausser Ein"ode, roter Erde und hin und wieder einem Baum. Manchmal tauchen Kinder mit einigen Ziegen und K"uhen auf und winken dem Bus zu. Sie sind mit ihrer Herde unterwegs auf Nahrungssuche.
Nach etwa anderthalb Stunden h"alt der Bus zum erstenmal. Links und rechts der Strasse stehen einige Bretterbuden. Auch zwei kleinere L"aden ersp"ahe ich, die Bananen, Tomaten und andere Kleinigkeiten feilbieten. Kinder und Frauen st"urzen an die Scheiben und versuchen, in der kurzen Pause etwas zu verkaufen. Einige der Fahrg"aste decken sich mit Nahrung ein, und schon schaukelt der Bus weiter.
Ausgestiegen ist niemand, daf"ur sind drei weitere geschm"uckte Krieger hinzugekommen. Jeder tr"agt zwei lange Speere. Als ich die drei mustere, bin ich mir sicher, dass ich Lketinga bald finden werde. „Beim n"achsten Halt sind wir in Maralal“, sagt Jutta m"ude. Ich bin ebenfalls ersch"opft von der ewigen Rumpelei auf der grauenhaften Strasse. Bis jetzt h"atten wir Gl"uck gehabt, denn wir hatten weder einen Platten noch einen Motorschaden, das w"are sonst nichts Aussergew"ohnliches, und ausserdem sei die Strasse trocken. Bei Regen sei die rote Erde nur noch Schlamm, erz"ahlt Jutta.
Nach weiteren eineinhalb Stunden sind wir endlich in Maralal. Der Bus f"ahrt hupend ein und dreht zuerst eine Runde durch das Dorf, das nur eine Strasse hat, bevor er am Eingang des Dorfes parkt. Sofort ist er von Dutzenden von Neugierigen umlagert. Wir steigen auf die staubige Strasse und sind selbst von Kopf bis Fuss gepudert. Um den Bus dr"angen sich Menschen jeden Alters, und ein richtiger Tumult entsteht. Wir warten auf unsere Reisetaschen, die unter diversen Kisten, Matratzen und K"orben liegen. Beim Anblick dieses D"orfchens und seiner Bewohner ergreift mich die Abenteuerlust.
Etwa f"unfzig Meter neben der Haltestelle befindet sich ein kleiner Markt. "Uberall h"angen farbige T"ucher, die in der Luft flattern. Berge von Kleidern und Schuhen liegen auf Plastikbahnen. Davor sitzen fast nur Frauen und versuchen, etwas zu verkaufen.
Endlich erhalten wir unsere Taschen. Jutta schl"agt vor, zuerst einmal Tee zu trinken und etwas zu essen, bevor wir zu ihrem H"auschen marschieren, das etwa eine Stunde Fussweg entfernt liegt. Hunderte von Augenpaaren folgen uns zum Lodging. Jutta wird von der Inhaberin, einer Kikuyu-Frau, begr"usst. Man kennt Jutta, da sie seit drei Monaten an einem Hausbau in der N"ahe beteiligt ist und ausserdem als Weisse in dieser Umgebung nicht zu "ubersehen ist.
Das Teehaus "ahnelt dem in Ukunda. Wir sitzen am Tisch und bekommen Essen, nat"urlich Fleisch mit Sauce und Chapattis, die Fladenbrote, und unseren Tee. Etwas weiter hinten sitzt eine Gruppe Massai-Krieger. „Jutta“, frage ich, „kennst du viel eicht einen von denen, die schauen st"andig zu uns her"uber!“ „Hier wirst du immer angeschaut“, meint Jutta gelassen. „Wir fangen erst morgen mit der Suche nach deinem Massai an, denn heute m"ussen wir noch eine ziemliche Strecke bergauf gehen!“
Nach dem Essen, das f"ur meine Verh"altnisse fast nichts kostet, brechen wir auf.
Bei br"utender Hitze laufen wir eine staubige, stetig ansteigende Strasse entlang.
Schon nach einem Kilometer kommt mir meine Reisetasche unendlich schwer vor.
Jutta beruhigt mich: „Warte, wir nehmen eine Abk"urzung zu einer Touristen-Lodge!
Vielleicht haben, wir Gl"uck, und es ist jemand mit einem Auto da.“
Auf einem schmalen Pfad raschelt es pl"otzlich neben uns im Dickicht, und Jutta ruft: „Corinne, bleib stehen! Fal s es B"uffel sind, mach keine Bewegung!“
Erschrocken versuche ich, das Wort „B"uffel“ in meinen Gedanken zu einem Bild zu formen. Wir stehen bewegungslos da, als ich etwa f"unfzehn Meter neben mir etwas Helles mit dunklen Streifen erkenne. Jutta bemerkt es ebenfalls und lacht befreit auf:
„Ach, nur Zebras!“ Von uns aufgeschreckt galoppieren sie davon. Ich schaue Jutta fragend an: „B"uffel hast du gesagt, sind die denn so nahe beim Dorf?“ „Wart's ab!“
meint sie. „Wenn wir bei der Lodge sind, sehen wir am Wasserloch mit etwas Gl"uck B"uffel, Zebras, Affen oder Gnus.“ „Ist es f"ur Leute, die diesen Weg gehen, nicht gef"ahrlich?“ frage ich verwundert. „Doch, aber normalerweise gehen diesen Weg nur bewaffnete Samburu-Krieger. Die Frauen werden meistens bewacht. Die anderen Leute nehmen die offene Strasse, da ist es weniger riskant. Aber dieser Weg ist nur halb so lang!“
Mir wird erst wohler, als wir die Lodge erreichen. Es ist wirklich eine sch"one Lodge, nicht so pomp"os wie die, die ich mit Marco in Massai-Mara besucht hatte. Diese hier ist bescheiden, passt aber gut in die Gegend. Vergleicht man sie mit dem Einheimischen-Lodging in Maralal, so erscheint sie wie eine Fata Morgana. Wir treten ein. Alles wirkt wie ausgestorben. Wir setzen uns auf die Veranda, und tats"achlich sehen wir in hundert Meter Entfernung am Wasserloch zahlreiche Zebras.
Etwas weiter rechts tummelt sich eine grosse Gruppe von Pavianweibchen mit ihren Jungen. Vereinzelt erkenne ich unter ihnen auch riesige M"annchen. Alle wollen an das Wasser.
Endlich schlendert ein Kellner herbei und fragt nach unseren W"unschen. Jutta plaudert mit ihm auf Suaheli und bestel t zwei Cola. W"ahrend wir darauf warten, erz"ahlt sie vergn"ugt: „Der Chef der Lodge kommt in ungef"ahr einer Stunde. Er besitzt einen Landrover und wird uns bestimmt nach oben fahren, jetzt k"onnen wir gem"utlich warten.“ Jede von uns h"angt ihren Gedanken nach. Ich studiere die umliegenden H"ugel und g"abe viel darum zu wissen, auf oder hinter welchem sich wohl Lketinga befindet. Ob er f"uhlt, dass ich in seiner N"ahe bin?
Wir warten fast zwei Stunden, bis der Manager endlich auftaucht. Er ist ein angenehmer, eher einfacher Mensch ohne All"uren und tiefschwarz. Er bittet uns einzusteigen, und wir erreichen nach f"unfzehn Minuten Sch"uttelfahrt unser Ziel.
Nachdem wir uns bedankt haben, zeigt mir Jutta stolz, wo sie arbeitet. Das Haus ist ein langer Kasten aus Beton, unterteilt in einzelne R"aume, von denen zwei ann"ahernd fertig sind. In einem davon wohnen wir. Im Zimmer befinden sich nur ein Bett und ein Stuhl. Fenster gibt es nicht, deshalb muss die T"ure tags"uber offen bleiben, wenn man etwas sehen wil. Ich wundere mich, wie Jutta sich in diesem d"usteren Raum wohl f"uhlen kann. Wir z"unden eine Kerze an, damit wir in der einbrechenden Dunkelheit noch etwas sehen k"onnen. Zu zweit liegen wir im Bett und machen es uns gem"utlich, so gut es geht. Vor Ersch"opfung schlafe ich bald ein.
Schon am fr"uhen Morgen sind wir wach, da einige Leute l"armend mit der Arbeit beginnen. Wir wol en uns erst einmal an einem Waschbecken mit kaltem Wasser gr"undlich reinigen, was in der Morgenk"uhle einiges an "Uberwindung kostet. Aber schliesslich will ich h"ubsch sein, wenn ich meinem Massai endlich gegen"uberstehe.
Aufgedreht und voller Tatendrang m"ochte ich nach Maralal und mir das St"adtchen n"aher anschauen. Bei so vielen Massai-Kriegern, die ich bei unserer Ankunft gesehen habe, muss es doch einen geben, den Jutta von fr"uher kennt. Mit meiner Euphorie habe ich Jutta angesteckt, und nach dem "ublichen Tee ziehen wir los. Ab und zu "uberholen wir Frauen oder junge M"adchen, die ebenfalls in diese Richtung gehen, um ihre Milch, die sie in Kalebassen tragen, im Ort zu verkaufen.