Die weisse Massai
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Jutta tut mir einfach gut. Sie kann Suaheli sprechen, kennt sich aus und hat Energie wie ein Rambogirl. Am n"achsten Tag fahren wir nach Mombasa, aber nicht etwa mit dem Bus. Jutta meint, sie werfe doch ihr sauer verdientes Geld nicht zum Fenster heraus, und h"alt gekonnt den Daumen raus. Tats"achlich h"alt das erste private Auto, das vorbeikommt. Es sind Inder, die uns bis zur F"ahre mitnehmen. Hier besitzen fast nur Inder oder Weisse Privatautos. Jutta lacht mich an: „Siehst du, Corinne, schon hast du wieder etwas gelernt!“
Nach langem Suchen finden wir das Reiseb"uro. Ich hoffe sehnlichst, dass das Geld nach nunmehr fast f"unf Monaten noch hier ist, nicht unbedingt des Geldes wegen, sondern um in dem Glauben best"atigt zu werden, mich in Lketinga und unserer Liebe nicht get"auscht zu haben. Obendrein wil mir Jutta bei der Suche nach Lketinga nur helfen, wenn er dieses Geld nicht abgeholt hat. Anscheinend glaubt sie nicht daran.
Mein Herz klopft bis zum Hals, als ich die T"ur "offne und "uber die Schwelle trete.
Der Mann hinter dem Schreibtisch schaut auf, und ich erkenne ihn sogleich. Noch bevor ich etwas sagen kann, kommt er strahlend mit ausgestreckten H"anden auf mich zu und sagt: „Hel o, how are you after such a long time?
Wo ist der Massai-Mann? Ich habe ihn nicht mehr gesehen.“ Bei diesen zwei S"atzen wird mir warm ums Herz, und ich erkl"are nach dem ersten Hallo, es h"atte mit dem Pass nicht geklappt und deshalb k"ame ich das Geld wieder abholen.
Immer noch wage ich nicht, daran zu glauben, doch der Inder verschwindet hinter einem Vorhang, w"ahrend ich einen kurzen Blick auf Jutta werfe. Sie zuckt nur die Achseln. Schon kommt er zur"uck und h"alt in beiden H"anden b"undelweise Geldscheine. Vor Gl"uck k"onnte ich heulen. Ich wusste es, ich wusste, dass Lketinga nicht hinter meinem Geld her war. In dem Moment, als ich das viele Geld an mich nehme, f"uhle ich eine ungeahnte St"arke in mir wachsen. Mein Vertrauen ist zur"uckgekehrt. Das ganze Geschw"atz und die Ger"uchte kann ich absch"utteln. "Wir gehen auf die Strasse, nachdem ich den Inder f"ur seine Ehrlichkeit belohnt habe.
Dann sagt Jutta endlich: „Corinne, diesen Massai musst du wirklich finden. Nun glaube ich dir die ganze Geschichte und vermute auch, dass andere ihre Finger im Spiel haben.“
Gl"ucklich falle ich ihr um den Hals. „Komm“, sage ich, „ich lade dich ein, wir gehen essen wie die Touristen!“
W"ahrend des Essens planen wir unser weiteres Vorgehen. Jutta schl"agt vor, in etwa einer Woche zum Samburu-District zu starten. Es sei ein langer Weg bis Maralal, dem District-Dorf, wo sie Ausschau halten will nach einem Massai, den sie vielleicht von der K"uste her kennt. Dem wird sie die Fotos von Lketinga zeigen, und mit etwas Gl"uck werden wir seinen Aufenthaltsort ausfindig machen. „Dort kennt praktisch jeder jeden.“ Meine Hoffnung steigt von Minute zu Minute. Wohnen k"onnten wir bei ihren Freunden, denen sie dort helfe, ein Haus zu bauen. Mit allem, was sie mir vorschl"agt, bin ich einverstanden, wenn nur endlich etwas passiert und ich nicht l"anger unt"atig abwarten muss.
Die Woche mit Jutta gestaltet sich vergn"uglich. Ich helfe ihr, Termine f"ur diverse Portraits zu bekommen, und sie malt. Es klappt gut, und wir lernen angenehme Leute kennen. Die Abende verbringen wir meistens in der Bush-Baby-Bar, da Jutta anscheinend Nachholbedarf an Musik und Unterhaltung hat. Trotzdem muss sie aufpassen, dass sie das verdiente Geld nicht gleich wieder ausgibt, denn sonst sind wir in einem Monat noch hier.
Endlich packen wir unsere Sachen. Etwa die H"alfte der Kleider nehme ich in der Reisetasche mit, den Rest lasse ich im H"auschen bei Priscilla. Sie ist nicht gl"ucklich "uber mein Weggehen und meint, es sei fast unm"oglich, einen Massai-Krieger zu finden. „Sie ziehen st"andig von Ort zu Ort. Sie haben kein Zuhause, solange sie nicht verheiratet sind, und h"ochstens seine Mutter weiss viel eicht, wo er ist.“ Aber ich lasse mich nicht mehr abbringen von meinem Plan. Ich bin sicher, das einzig Richtige zu tun.
Zuerst fahren wir mit dem Bus nach Nairobi. Diesmal st"ort mich die achtst"undige Busfahrt "uberhaupt nicht. Ich bin gespannt auf die Gegend, aus der mein Massai stammt, und mit jeder Stunde kommen wir dem Ziel n"aher. In Nairobi hat Jutta wieder einiges zu erledigen, und so h"angen wir drei Tage im Igbol-Lodging, einem Tramper-Hotel, herum. Aus al er Welt kommen die Tramper hierher und unterscheiden sich sehr von den Mombasa-Touristen. "Uberhaupt ist Nairobi v"ollig anders. Alles ist hektischer, und man sieht viele verst"ummelte Menschen und Bettler.
Da wir mitten in der „Szene“ unser Lodging haben, sehe ich auch, wie die Prostitution bl"uht. Am Abend lockt eine Bar neben der anderen mit Suaheli-Musik. Fast jede Frau in den Lokalen verkauft sich, sei es f"ur einige Biere oder f"ur Geld. Hauptkunden in dieser Gegend sind Einheimische. Es ist laut und doch irgendwie faszinierend. Wir zwei weissen Frauen fallen sehr auf, und al e f"unf Minuten fragt jemand, ob wir einen
„boyfriend“ suchen. Zum Gl"uck kann uns Jutta in Suaheli energisch verteidigen.
Nachts geht sie in Nairobi nur mit einem Rungu, dem Schlagstock der Massai, auf die Strasse, weil es sonst zu gef"ahrlich ist.
Am dritten Tag flehe ich Jutta an, endlich weiterzureisen. Sie wil igt ein, und wir besteigen mittags den n"achsten Bus in Richtung Nyahururu. Dieser Bus ist noch viel verlotterter als der in Mombasa, der ja auch nicht gerade ein Luxusliner war. Jutta lacht nur: „Wart ab, bis wir den n"achsten nehmen, da wirst du dich wundern! Dieser hier ist okay.“ Wir sitzen eine Stunde im Bus, bis er voll bepackt und restlos ausgebucht ist, denn vorher wird nicht gestartet. Wieder liegen sechs Stunden Fahrt, immer leicht bergauf, vor uns. Ab und zu h"alt der Bus, einige Menschen steigen aus und andere zu. Nat"urlich hat jeder Berge von Hausrat dabei, der ab- oder aufgeladen wird.
Endlich sind wir am heutigen Ziel: Nyahururu. Wir schleppen uns zum n"achsten Lodging und mieten ein Zimmer. Wir essen noch und gehen schlafen, da ich nicht mehr sitzen kann. Ich bin froh, endlich meine Knochen ausstrecken zu k"onnen, und schlafe sofort ein. Am Morgen um sechs Uhr m"ussen wir aufstehen, denn um sieben Uhr f"ahrt der einzige Bus nach Maralal. Als wir hinkommen, ist er schon fast voll. Im Bus sehe ich einige Massai-Krieger und f"uhle mich nicht mehr so fremd. Aber wir werden sehr genau gemustert, denn auf allen Fahrten sind wir die einzigen Weissen.
Der Bus ist wirklich eine Katastrophe. "Uberall springen die Federn aus den Sitzen oder quillt der dreckige Schaumstoff heraus, einige Fensterscheiben fehlen. Zudem herrscht ein ziemliches Chaos. Man muss "uber diverse Schachteln steigen, in denen H"uhner deponiert sind. Andererseits ist es der erste Bus, in dem gute Stimmung herrscht. Es wird viel geredet und gelacht. Jutta springt noch einmal hinaus und holt an einem der zahlreichen Verkaufsst"ande etwas zu trinken. Sie kommt zur"uck und reicht mir eine Colaflasche. „Hier, nimm sie und geniesse sie sparsam, du wirst sehr durstig werden. Diese letzte Strecke ist staubig, denn wir fahren auf Naturstrassen.
Bis Maralal gibt es nur noch Busch und Ein"ode.“ Der Bus f"ahrt los, und nach etwa zehn Minuten verlassen wir die geteerte Strasse und holpern nun "uber einen roten, l"ochrigen Weg.
Augenblicklich ist das Gef"ahrt in eine Staubwolke geh"ullt. Wer eine Scheibe im Fenster hat, schliesst sie, die anderen ziehen sich T"ucher oder M"utzen "uber. Ich huste und kneife die Augen zusammen. Jetzt weiss ich, warum nur noch die hinteren Pl"atze frei waren. Der Bus f"ahrt langsam, und trotzdem muss ich mich st"andig festhalten, damit ich nicht vorrutsche, da er durch die riesigen Schlagl"ocher hin- und herschaukelt. „He, Jutta, wie lange geht das so?“ Sie lacht: „Wenn wir keine Panne haben, etwa vier bis f"unf Stunden, obwohl es nur 120 Kilometer sind.“ Ich bin entsetzt, und nur der Gedanke an Lketinga l"asst mich diese Strecke als halbwegs romantisch erleben.