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ЖАНРЫ

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„Jetzt brauchen wir viel Geduld und Gl"uck“, sagt Jutta. „Vor al em m"ussen wir etliche Runden drehen, damit wir gesehen werden oder ich jemanden wiedererkenne.“ Das St"adtchen ist schnel umrundet. Die einzige Strasse verl"auft in einer Art Rechteck. Links und rechts von ihr gibt es einen Laden nach dem anderen.

Alle sind, mit wenigen Ausnahmen, halb leer und bieten fast dasselbe an. Zwischen den Gesch"aften befinden sich ab und zu Lodgings, in denen man im vorderen Raum isst oder etwas trinkt. Hinten liegen die "Ubernachtungsr"aume, einer nach dem anderen, wie in einem Kaninchenstall. Danach folgt die Toilette, die sich immer als Plumpsklo entpuppt. Mit etwas Gl"uck findet sich eine Dusche mit sp"arlichem Wasserstrahl. Das auffallendste Geb"aude ist die Commercial Bank. Sie ist komplett aus Beton und frisch angestrichen. In der N"ahe der Bushaltestelle gibt es eine Zapfs"aule f"ur Benzin. Autos habe ich allerdings bis jetzt nur drei gesehen, zwei Landrover und einen Pick-up.

Die erste Runde durch das Dorf machen wir recht gem"utlich, und ich schaue mir jedes Gesch"aft an. Der eine oder andere Ladenbesitzer versucht, uns in Englisch anzusprechen. Hinter uns befindet sich immer eine Traube von Kindern, die aufgeregt sprechen oder lachen. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist: „Mzungu, Mzungu“, „Weisse, Weisse“.

Wir machen uns gegen sechzehn Uhr auf den Heimweg. Mein Hochgef"uhl ist geschwunden, obwohl mein Verstand sagt, dass ich Lketinga nicht gleich am ersten Tag finden kann. Auch Jutta beruhigt mich: „Morgen sind wieder ganz andere Menschen im Dorf. Jeden Tag kommen neue, nur die wenigsten wohnen hier, und die sind nicht interessant f"ur uns. Morgen wissen einige Leute mehr, dass zwei weisse Frauen hier sind, denn diese Nachricht bringen diejenigen von heute in den Busch zur"uck.“ Eine echte Chance sieht Jutta erst nach etwa drei oder vier Tagen.

Die Tage verstreichen, und ich empfinde all das Neue in Maralal nicht mehr besonders aufregend, denn ich kenne bald jeden Winkel in diesem Nest. Jutta hat mit meinen Fotos von Lketinga einige Krieger angesprochen, aber mehr als argw"ohnisches Grinsen haben wir nicht geerntet. Nun ist eine Woche vorbei, und es ist immer noch nichts geschehen, ausser dass wir uns langsam bl"od vorkommen, immer dasselbe zu tun. Jutta erkl"art mir, sie komme noch einmal mit und dann solle ich es selber mit den Fotos probieren. In dieser Nacht bete ich, dass es morgen klappen m"oge, denn ich wil nicht glauben, dass der weite Weg umsonst war.

Als wir die dritte Runde drehen, kommt ein Mann auf uns zu und spricht Jutta an.

An den grossen L"ochern im Ohrl"appchen erkenne ich, dass es sich um einen ehemaligen Samburu-Krieger handelt. Zwischen den beiden entsteht ein lebhafter Wortwechsel, und ich stelle erfreut fest, dass Jutta ihn kennt. Der Mann heisst Tom, und Jutta zeigt ihm die Fotos von Lketinga. Er schaut sie an und sagt langsam: „Yes, I know him.“

Jetzt bin ich wie elektrisiert. Da die beiden nur Suaheli sprechen, verstehe ich fast gar nichts. Immer wieder frage ich: „Was ist, Jutta, was weiss er "uber Lketinga?“ Wir gehen in ein Restaurant, und Jutta "ubersetzt. Ja, er kenne ihn, nicht sehr gut, aber er wisse, dass dieser Mann zu Hause bei seiner Mutter lebe und t"aglich mit den K"uhen unterwegs sei. „Wo ist sein Zuhause?“ frage ich gespannt. Es ist recht weit, erz"ahlt er, etwa sieben Stunden Fussmarsch f"ur einen ge"ubten Mann. Man m"usse einen dichten Wald durchqueren, der sehr gef"ahrlich sei, da es dort Elefanten und B"uffel gebe. Es sei nicht sicher, ob die Mutter immer noch am selben Ort, in Barsaloi, wohne, denn manchmal, je nach Wasservorkommen, z"ogen die Menschen mit ihren Tieren weiter.

Bei diesen Nachrichten, die mir Lketinga unerreichbar erscheinen lassen, bin ich v"ollig verst"ort: „Jutta, frag ihn, ob es irgendeine M"oglichkeit gibt, ihn zu informieren, ich bin auch bereit Geld zu bezahlen.“ Tom denkt nach und meint, er k"onne "ubermorgen nacht losgehen mit einem Brief von mir. Vorher m"usse er aber seine erst k"urzlich geheiratete Frau informieren, sie sei noch v"ollig fremd hier. Wir vereinbaren einen Geldbetrag, von dem er jetzt die H"alfte bekommt und sp"ater, sofern er mit einer Nachricht zur"uckkehrt, den Rest. Ich diktiere Jutta einen Brief, den sie in Suaheli schreibt. In vier Tagen sollen wir wieder in Maralal sein, sagt der Samburu, denn fal s er Lketinga finde und er mitgehen wolle, seien sie irgendwann im Laufe des Tages hier.

Es sind vier lange Tage, und jeden Abend schicke ich meine Stossgebete zum Himmel. Am letzten Tag bin ich v"ollig am Ende mit meinen Nerven. Auf der einen Seite bin ich sehr gespannt, auf der anderen ist mir bewusst, dass ich, wenn es nicht klappt, wieder nach Mombasa reisen und meine grosse Liebe vergessen muss. Meine Tasche nehme ich bereits mit, weil ich nicht mehr in Juttas Haus, sondern in Maralal "ubernachten will. Ob mit oder ohne Lketinga, auf jeden Fal verlasse ich morgen dieses Dorf.

Jutta und ich drehen wieder unsere Runden. Nach etwa drei Stunden trennen wir uns, und jede l"auft in die entgegengesetzte Richtung, damit wir gesehen werden.

Ununterbrochen bete ich, dass er kommen m"oge. Auf einer der Runden treffe ich Jutta nicht wie "ublich auf halber Strecke. Ich schaue mich um und sehe kein weisses Gesicht. Trotzdem schlendere ich weiter, als pl"otzlich ein kleiner Junge gerannt kommt und keucht: „Mzungu, Mzungu, come, come!“

Er fuchtelt mit den Armen und zupft mich am Rock. Im ersten Moment denke ich, Jutta sei etwas passiert. Der Junge zieht mich in Richtung des ersten Lodgings, wo ich meine Reisetasche deponiert habe. Er spricht in Suaheli auf mich ein. Vor dem Lodging deutet er hinter das Geb"aude.

Gl"ucklich in Maralal

Mit klopfendem Herzen gehe ich in die gew"unschte Richtung und schaue um die Ecke. Dort steht er! Mein Massai steht einfach da und lacht mich an, neben ihm Tom.

Ich bin sprachlos. Immer noch lachend streckt er seine Arme nach mir aus und sagt:

„He, Corinne, no kiss for me?“

Erst jetzt erwache ich aus meiner Starre und st"urze auf ihn zu. Wir umarmen uns, und f"ur mich bleibt die Welt stehen. Er h"alt mich etwas von sich ab, blickt mich strahlend an und meint: „No problem, Corinne.“

Bei diesen vertrauten Worten k"onnte ich heulen vor Freude.

Nun h"ustelt Jutta hinter mir und freut sich mit uns: „So, jetzt habt ihr euch wiedergefunden! Ich habe ihn vorhin erkannt und hierher gebracht, damit ihr euch wenigstens begr"ussen k"onnt, ohne dass ganz Maralal dabei ist.“ Herzlich bedanke ich mich bei Tom und schlage vor, dass wir erst einmal Tee trinken und die zwei danach in aller Ruhe Fleisch, soviel sie wol en, auf meine Rechnung essen sol en. Wir gehen in mein gemietetes Zimmer, setzen uns aufs Bett und warten auf das Fleischmen"u.

Jutta hat mit Lketinga gesprochen und erkl"art, dass er ruhig mit uns essen k"onne, weil wir keine Samburu-Frauen seien. Darauf unterh"alt er sich mit dem anderen und wil igt dann ein. Nun ist er also da. Unentwegt muss ich ihn ansehen, und auch er mustert mich mit seinen sch"onen Augen. Warum er nicht nach Mombasa gekommen sei, m"ochte ich wissen. Tats"achlich hat er keinen Brief von mir erhalten. Er habe zweimal wegen des Passes nachgefragt, doch der Beamte habe ihn nur ausgelacht und schikaniert. Dann seien die anderen Krieger ihm gegen"uber komisch geworden und wollten ihn nicht mehr mittanzen lassen. Da er ohne Tanzen kein Geld mehr verdienen konnte, sah er keinen Grund, l"anger an der K"uste zu bleiben. So sei er nach etwa einem Monat nach Hause gefahren. Er habe nicht mehr geglaubt, dass ich zur"uckkomme. Einmal habe er mit mir aus dem Africa-Sea-Lodge-Hotel telefonieren wollen, aber niemand habe ihm geholfen, und der Manager habe gesagt, das Telefon sei nur f"ur Touristen.

Einerseits bin ich ger"uhrt, als ich erfahre, was er al es versucht hat, andererseits bekomme ich eine richtige Wut auf seine sogenannten „Freunde“, die ihm nur geschadet statt geholfen haben. Als ich ihm erz"ahle, dass ich in Kenia bleiben und nicht mehr in die Schweiz zur"uck wil, sagt er: „It's okay. You stay now with me!“

Gl"ucklich versuchen wir, uns zu unterhalten, als Jutta und der Bote uns verlassen.

Lketinga bedauert, wir k"onnten nicht zu ihm nach Hause, da Trockenzeit sei und Hungersnot herrsche. Ausser etwas Milch gebe es nichts zu essen, und ein Haus sei auch nicht vorhanden. Ich erkl"are ihm, mir sei alles recht, wenn wir nur endlich Zusammensein k"onnen. So schl"agt er vor, zuerst nach Mombasa zu fahren. Sein Zuhause und seine Mutter k"onne ich sp"ater kennenlernen, aber seinen kleinen Bruder James, der in Maralal die Schule besucht, wil er mir unbedingt vorstellen. Er ist der einzige aus der Familie, der zur Schule geht. Ihm k"onne er sagen, dass er mit mir in Mombasa sei, und wenn James in den Schulferien nach Hause zur Mutter gehe, k"onne er sie informieren. Die Schule liegt etwa einen Kilometer ausserhalb des Dorfes. In der Schule geht es streng zu. Auf dem Schulhof sind M"adchen und Knaben getrennt. Alle sind gleich angezogen, die M"adchen in einfachen, blauen Kleidern, die Knaben in blauen Hosen und hellem Hemd. Etwas abseits warte ich, w"ahrend Lketinga langsam auf die Jungen zugeht. Bald starren alle auf ihn, dann auf mich. Er spricht mit ihnen, und einer l"auft los und kommt mit einem anderen zur"uck.

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