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W"ahrend die beiden essen, kocht das Wasser f"ur den Chai. Lketinga und ich trinken Tee. Mein Ziegenhinterbein h"angt "uber meinem Kopf im Deckenge"ast der H"utte. Kaum ist der einzige Topf vom Tee geleert, wirft Mama klein geschnittene Fleischst"ucke hinein und br"at sie knusprig braun. Anschliessend f"ullt sie diese in leere Kalebassen. Ich versuche zu erfahren, was sie macht. Lketinga erkl"art, dass sie so das Fleisch mehrere Tage konserviert. Mama werde al e Reste kochen, sonst k"amen morgen viele Frauen hierher, mit denen sie teilen m"usse, und wir h"atten wieder nichts. Der Ziegenkopf, der durch die Asche v"ollig schwarz ist, soll besonders gut sein, den bewahre sie f"ur morgen auf.

Das Feuer ist heruntergebrannt, und Lketinga und ich versuchen zu schlafen. Er legt seinen Kopf immer auf ein dreibeiniges, geschnitztes Holzb"ockchen von etwa zehn Zentimeter H"ohe, damit seine langen roten Haare sich nicht verzausen und nicht alles verf"arben. In Mombasa hatte er dieses Gestel nicht und band deshalb seine Haare in eine Art Kopftuch. Mir ist es ein R"atsel, wie man mit gestrecktem Kopf auf so etwas Hartem gut schlafen kann. Doch f"ur ihn scheint es kein Problem zu sein, denn er schl"aft bereits. Mir dagegen bereitet das Schlafen auch in der zweiten Nacht noch Schwierigkeiten. Es ist sehr hart am Boden, und Mama isst immer noch gen"usslich, was nicht zu "uberh"oren ist. Ab und zu schwirren l"astige Moskitos um meinen Kopf.

Das Meckern der Ziegen und ein seltsames Rauschen wecken mich am Morgen.

Ich sp"ahe durch den Eingang und sehe Mamas Rock. Zwischen ihren Beinen ergiesst sich ein rauschender Bach. Offensichtlich pinkeln die Frauen im Stehen, w"ahrend die M"anner sich f"ur diesen Zweck zwanglos niederkauern, wie ich bei Lketinga bemerkt habe. Als das Rauschen verklingt, krieche ich aus der H"utte und verrichte ebenfalls mein Pippi, indem ich mich hinter unsere Manyatta kauere. Dann schlendere ich zu den Ziegen und schaue Mama beim Melken zu. Nach dem "ublichen Chai ziehen wir wieder an den River und bringen f"unf Liter Wasser mit.

Als wir zur"uckkommen, sitzen in der Manyatta drei Frauen, die sofort die H"utte verlassen, als sie Lketinga und mich erblicken. Mama ist ver"argert, weil anscheinend schon vorher andere da waren und sie nun kein Teepulver, keinen Zucker und keinen Tropfen Wasser mehr im Hause hat. Zur Gastfreundschaft geh"ort, dass jedem Besucher Tee oder zumindest eine Tasse Wasser angeboten wird. Alle fragten sie "uber die Weisse aus. Vorher sei sie nicht interessant gewesen, jetzt sollten sie sie auch in Ruhe lassen. Ich schlage Lketinga vor, in einem der L"aden wenigstens Teepulver zu beschaffen. Bei unserer R"uckkehr hocken mehrere alte Menschen vor der Manyatta im Schatten. Dabei zeigen sie unendliche Geduld. Stundenlang hocken sie da, warten und unterhalten sich, wohlwissend, dass die Mzungu auch mal essen wird und die Gastfreundschaft es nicht erlaubt, die Alten auszuschliessen.

Lketinga will mir die Gegend zeigen, da er sich als Krieger nicht wohl f"uhlt unter so vielen verheirateten Frauen und "alteren M"annern. Wir marschieren quer durch den Busch. Lketinga nennt mir die Namen von Pflanzen und Tieren, die wir sehen. Die Gegend ist ausgetrocknet, und der Boden besteht entweder aus roter, steinharter Erde oder aus Sand. Die Erde ist zerkl"uftet, und manchmal durchqueren wir richtige Krater. Bei der Hitze versp"ure ich nach kurzer Zeit Durst. Doch Lketinga meint, je mehr Wasser ich trinke, desto durstiger w"urde ich. Er schneidet von einem Busch zwei Holzst"ucke ab, steckt sich eines in den Mund und reicht mir das andere. Das sei gut zum Z"ahneputzen und nehme gleichzeitig das Durstgef"uhl.

Ab und zu bleibt mein weiter Baumwollrock am dornigen Geb"usch h"angen. Nach einer weiteren Stunde bin ich v"ollig verschwitzt und will nun doch etwas trinken. Also gehen wir zum River, den man schon von weitem erkennt, weil dort die B"aume gr"osser und gr"uner sind. Im ausgetrockneten Flussbett suche ich vergebens nach Wasser. Wir laufen eine Weile am Flussbett entlang, bis wir aus einiger Entfernung mehrere Affen erblicken, die erschrocken "uber die Felsen davonspringen. Genau bei diesen Felsen gr"abt Lketinga ein Loch in den Sand. Nach nur kurzer Zeit wird der Sand dunkler und feucht. Bald bildet sich die erste Wasserpf"utze, die mit der Zeit immer klarer wird. Der Durst wird gel"oscht, und wir machen uns auf den Heimweg.

Der Rest des Ziegenbeines ist meine Abendmahlzeit. Im Halbdunkel unterhalten wir uns, so gut es geht. Mama will viel von meinem Land und meiner Familie wissen.

Manchmal lachen wir "uber unsere Verst"andigungsprobleme. Saguna schl"aft wie "ublich dicht an Mama gepresst. Allm"ahlich hat sie sich an meine Anwesenheit gew"ohnt, doch anfassen l"asst sie sich noch nicht von mir. Nach neun Uhr versuchen wir bereits zu schlafen. Das T-Shirt behalte ich an, nur den Rock lege ich unter meinen Kopf als Kissen. Als Zudecke ben"utze ich einen d"unnen Kanga, der mich allerdings nicht vor der Morgenk"alte sch"utzt.

Am vierten Tag ziehe ich mit Lketinga los, um den ganzen Tag die Ziegen zu h"uten. Ich bin sehr stolz, mitgehen zu d"urfen, und freue mich. Es ist nicht einfach, alle beisammen zu halten. Wenn wir anderen Ziegengruppen begegnen, staune ich, wie sogar die Kinder jedes einzelne Tier erkennen, das zu ihnen geh"ort. Immerhin sind es meistens f"unfzig Tiere oder mehr. Man l"auft gelassen Kilometer um Kilometer, und die Ziegen knabbern die ohnehin fast kahlen B"usche ab. Um die Mittagszeit werden sie an den Fluss gebracht, um Wasser zu trinken, und dann geht es weiter. Auch wir trinken dieses Wasser. Es ist unsere einzige Nahrung an diesem Tag. Gegen Abend kehren wir nach Hause zur"uck. V"ol ig ersch"opft und verbrannt von der sengenden Sonne denke ich: Einmal und nie wieder! Ich bewundere die Menschen, die dies Tag f"ur Tag, ja ihr ganzes Leben lang betreiben. Bei der Manyatta werde ich freudig von der Mama, dem "alteren Bruder und dessen Frau empfangen. Am Gespr"ach zwischen ihnen merke ich, dass ich an Ansehen gewonnen habe. Sie sind stolz, dass ich das geschafft habe. Zum ersten Mal schlafe ich tief und fest bis sp"at in den Morgen.

Mit einem frischen Baumwollrock krieche ich aus der Manyatta. Die Mama staunt und fragt, wie viele ich denn besitze. Ich zeige vier Finger, und sie meint, ob ich ihr nicht einen abtreten k"onne. Sie besitzt nur den, den sie schon seit Jahren tr"agt. Den L"ochern und dem Schmutz nach ist das leicht zu glauben. Nur sind ihr meine viel zu lang und zu eng. Ich verspreche ihr, einen von der n"achsten Safari mitzubringen. F"ur Schweizer Verh"altnisse besitze ich wirklich nicht mehr viele Kleider, aber hier kommt man sich mit vier R"ocken und etwa zehn T-Shirts fast unversch"amt vor.

Heute will ich meine W"asche im sp"arlichen Flusswasser waschen. Deshalb gehen wir in einen Shop und kaufen Omo. Dieses einzige Waschmittel, das man in Kenia kaufen kann, wird auch zur K"orperpflege und zum Haarewaschen benutzt. Es ist nicht einfach, mit wenig Wasser und viel Sand die Kleider zu waschen. Lketinga hilft mir sogar, wobei er von den anwesenden M"adchen und Frauen kichernd beobachtet wird. Daf"ur, dass er sich meinetwegen blossstellt, liebe ich ihn noch mehr. M"anner verrichten nahezu keine Arbeit, schon gar nicht Frauenarbeit, wie Wasser holen, Brennholz suchen oder eben Kleiderwaschen. Nur ihren eigenen Kanga waschen sie meistens selbst.

Am Nachmittag beschliesse ich, bei der „pomp"osen“ Mission vorbeizuschauen, um mich vorzustel en. Ein grimmig bis erstaunt aussehender Missionspater "offnet die T"ure. „Yes?“ Ich krame mein bestes Englisch hervor, um zu erkl"aren, dass ich hier in Barsaloi bleiben m"ochte und mit einem Samburu-Mann zusammenlebe. Etwas abweisend schaut er mich an und sagt mit italienischem Akzent: „Yes, and now?“

Ich frage ihn, ob es m"oglich sei, ab und zu mit ihm nach Maralal zu fahren, um Esswaren zu besorgen. K"uhl erwidert er, dass er nie im voraus wisse, wann er Maralal aufsuche. Abgesehen davon sei er zust"andig, kranke Menschen zu transportieren, aber nicht daf"ur, Einkaufsm"oglichkeiten zu bieten. Er streckt mir seine Hand entgegen und verabschiedet mich k"uhl mit den Worten: „I’m Pater Giuliano, arrivederci.“

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