Die weisse Massai
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Benommen von dieser Abfuhr stehe ich vor der geschlossenen T"ur und versuche, meine erste Begegnung mit einem Missionar zu verdauen. Wut steigt in mir auf, und ich sch"ame mich, weiss zu sein. Langsam gehe ich zur"uck zur Manyatta und zu meinem armen Volk, das bereit ist, das wenige mit mir zu teilen, obwohl ich f"ur sie v"ollig fremd bin.
Meine Erlebnisse erz"ahle ich Lketinga. Er lacht und meint, diese zwei Missionare seien nicht gut. Der zweite, Pater Roberto, sei aber entgegenkommender. Ihre Vorg"anger h"atten sie besser unterst"utzt und in einer solchen Hungersnot immer wieder Maismehl verteilt. Diese hier w"urden zu lange warten. Die Abfuhr des Paters stimmt mich traurig. Anscheinend kann ich auf eine Mitfahrgelegenheit nicht hoffen.
Und betteln will ich nicht.
Die Tage verstreichen in gleichm"assigem Rhythmus. Die einzige Abwechslung sind die verschiedenen Besucher in der Manyatta. Mal sind es Alte, mal Krieger derselben Altersgruppe, wobei ich meist stundenlang zuh"oren muss, um wenigstens ab und zu ein Wort zu verstehen.
Ende des 1. Bandes
Es folgt Band 2
Der Landrover
Nach vierzehn Tagen wird mir klar, dass ich nicht l"anger mit dem einseitigen Essen auskommen kann, obwohl ich t"aglich eine europ"aische Vitamintablette zu mir nehme.
Einige Kilo habe ich schon verloren, was ich an den weiter werdenden R"ocken bemerke. Ich will bleiben, das steht fest, aber nicht verhungern. Auch fehlt mir Toilettenpapier, und die Papiertaschent"ucher schwinden ebenfalls. Mit der Steinputzmethode der Samburus kann ich mich beim besten Wil en nicht anfreunden, obwohl sie umweltfreundlicher ist als mein weisses Papier hinter den B"uschen.
Bald steht mein Entschluss fest. Ein Auto muss her. Nat"urlich nur ein Landrover, alles andere ist hier unbrauchbar. Ich bespreche dies mit Lketinga, und er wiederum redet mit Mama, der dieser Gedanke absurd vorkommt. Ein Auto, da ist man jemand von einem anderen Stern mit viel, viel Geld. Sie ist noch nie in einem Auto mitgefahren. Und die Leute, was werden die Leute sagen? Nein, gl"ucklich ist Mama nicht gerade, aber sie versteht mein und unser al er Problem, das Essen.
Der Gedanke, einen Landrover zu haben und unabh"angig zu sein, befl"ugelt mich m"achtig. Da aber mein Geld in Mombasa ist, bedeutet das f"ur mich, noch einmal die lange Reise anzutreten. Ich muss meine Mutter bitten, den Geldnachschub von meinem Schweizer Konto zur Mombasa-Barclays-Bank zu veranlassen.
Ich "uberlege hin und her und hoffe, dass Lketinga mich begleitet, weil ich keine Ahnung habe, woher ich ein Auto bekommen sol. Autoh"andler wie bei uns in der Schweiz sind mir nicht aufgefallen. Wie man Papiere und Nummernschilder erh"alt, ist mir ebenso unklar. Eines weiss ich jedoch: Ich werde mit einem Auto wiederkommen.
Noch einmal trete ich den unangenehmen Gang zur Mission an. Diesmal "offnet Pater Roberto. Ich berichte von meinem Vorhaben und bitte um die n"achste Mitfahrgelegenheit nach Maralal. H"oflich erwidert er, ich solle in zwei Tagen wiederkommen, dann fahre er viel eicht hinunter.
Vor der Abfahrt erkl"art mir Lketinga, dass er nicht mitkommt. Er wolle Mombasa nie mehr sehen. Ich bin entt"auscht, und doch verstehe ich ihn nach al em, was passiert ist. Wir reden die halbe Nacht, und ich sp"ure seine Angst, ich k"onnte nicht mehr wiederkommen. Auch Mama ist dieser Meinung. Immer wieder verspreche ich, in sp"atestens einer Woche wieder hier zu sein. Am Morgen ist die Stimmung gedr"uckt.
Mir f"al t es schwer, fr"ohlich zu sein.
Eine Stunde sp"ater sitze ich neben Roberto, und wir fahren einen mir unbekannten neuen Weg nach Baragoi im Turkana-Gebiet und erst dann in Richtung Maralal.
Diese Strasse ist nicht so gebirgig, und den Vierradantrieb ben"otigen wir fast nie.
Daf"ur gibt es viele kleine, spitze Steine, die Platten verursachen k"onnen, und die Strecke ist doppelt so lang, also fast vier Stunden bis Maralal. Kurz nach vierzehn Uhr treffen wir dort ein. Ich bedanke mich h"oflich und gehe ins Lodging, um meine Tasche abzustel en. Die Nacht werde ich dort verbringen, weil der Bus erst um sechs Uhr morgens f"ahrt. Zum Zeitvertreib schlendere ich durch Maralal, als ich pl"otzlich meinen Namen h"ore. Erstaunt drehe ich mich um und erblicke zu meiner Freude meinen Retter Tom. Es tut gut, ein bekanntes Gesicht unter den vielen mich dauernd musternden Gesichtern zu entdecken.
Ich erz"ahle ihm von meinem Vorhaben. Er gibt mir zu verstehen, dass es schwer werden wird, weil in Kenia nicht viele gebrauchte Autos angeboten werden. Er werde sich aber umh"oren. Vor zwei Monaten habe jemand in Maralal versucht, seinen Landrover zu verkaufen. Viel eicht sei der noch zu haben. Wir verabreden uns f"ur neunzehn Uhr in meinem Lodging.
Das w"are das beste, was mir passieren k"onnte! Tats"achlich erscheint Tom bereits eine halbe Stunde fr"uher und meint, wir m"ussten sofort diesen Landrover anschauen.
Erwartungsvoll gehe ich mit ihm. Der Landrover ist zwar schon alt, aber genau das, was ich gesucht habe. Ich verhandle mit dem fetten Besitzer, der dem Kikuyu-Stamm angeh"ort. Nach langem Hin und Her einigen wir uns auf 2500 Franken. Ich kann es kaum glauben, versuche aber cool zu bleiben, als wir per Handschlag das Gesch"aft besiegeln. Ich erkl"are ihm, dass das Geld in Mombasa sei und ich in vier Tagen wieder zur"uckk"ame, um das Auto zu bezahlen. Er d"urfe es um keinen Preis weitergeben, ich w"urde mich darauf verlassen. Anzahlen will ich nicht, da der Verk"aufer nicht sehr vertrauensw"urdig wirkt. Mit einem Grinsen versichert er mir, noch vier Tage zu warten. Mein Retter und ich verlassen den Kikuyu und gehen essen. Gl"ucklich dar"uber, einige Sorgen weniger zu haben, verspreche ich ihm, ihn und seine Frau einmal auf eine Safari einzuladen.
Die Reise nach Mombasa verl"auft ohne Schwierigkeiten. Priscilla freut sich riesig, als ich im Vil age auftauche. Wir erz"ahlen uns viel. "Uber meine Mitteilung jedoch, dass ich mein H"auschen hier aufl"osen und f"ur immer zu den Samburus ziehen will, ist sie traurig und auch etwas besorgt. Alles, was ich nicht mitnehmen kann, schenke ich ihr, sogar mein wunderbares Bett.
Bereits am n"achsten Morgen fahre ich nach Mombasa. Dort hebe ich den n"otigen Geldbetrag ab, was nicht einfach ist. So ein Bankgesch"aft erfordert viel Geduld.
Nach fast zwei Stunden bin ich im Besitz eine grossen Menge von Geldscheinen, die ich an mir zu verstecken versuche. Auch der Banker meint, ich solle bloss aufpassen, das sei ein Riesenverm"ogen hier, und f"ur so viel Geld sei schnell ein Mord passiert.
Mir ist nicht wohl, als ich die Bank verlasse, weil viele wartende Menschen mich beobachtet haben. "Uber der einen Schulter trage ich die schwere Reisetasche, gef"ullt mit den restlichen Kleidern aus Mombasa. In der rechten Hand halte ich einen Schlagstock, wie ich es von Rambo-Jutta gelernt habe. Im Notfall w"urde ich ihn sofort gebrauchen. St"andig wechsle ich die Strassenseite, um feststel en zu k"onnen, ob mir jemand aus der Bank folgt. Erst nach etwa einer Stunde traue ich mich, den Busbahnhof aufzusuchen, um das Ticket f"ur den Nachtbus nach Nairobi zu l"osen.
Danach gehe ich zur"uck ins Zentrum und setze mich ins Hotel Castel. Es ist das teuerste in Mombasa und steht unter Schweizer Leitung. Endlich kann ich wieder einmal europ"aisch essen, al erdings zu gigantischen Preisen. Aber was soll's, ich weiss nicht, wann ich das n"achste Mal wieder zu Salat oder Pommes frites komme.
P"unktlich f"ahrt der Bus ab, und ich freue mich, bald wieder zu Hause zu sein und Lketinga zu beweisen, dass er mir vertrauen kann. Nach nur gut eineinhalb Stunden macht der Bus einen Schlenker und steht kurz darauf bockstill. Es wird laut, al e sprechen durcheinander. Der Fahrer stellt fest, dass der Bus am Hinterrad einen Platten hat. Nun steigen al e aus. Einige setzen sich an den Strassenrand und holen T"ucher oder Wolldecken hervor. Es ist stockfinster, weit und breit keine Siedlung. Ich spreche einen Mann mit Brille auf Englisch an, da ich annehme, einer mit Goldbrille spricht diese Sprache. Tats"achlich versteht er mich und meint, es k"onnte l"anger dauern, da auch das Reserverad kaputt sei und wir nun warten m"ussten, bis ein Fahrzeug aus der anderen Richtung kommt, um jemanden nach Mombasa mitzunehmen. Dieser sol veranlassen, dass ein Ersatzreifen hergeschickt wird.