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Draussen vor dem H"uttchen ist es stockfinster. Nur Millionen Sterne erscheinen so nah, als k"onnte man sie vom Himmel pfl"ucken. Ich geniesse dieses Gef"uhl der Ruhe.

"Uberall sieht man das Flackern der Feuer in den Manyattas. Auch in unserer brennt es gem"utlich. Die Mama kocht Chai, unser Abendessen. Nach dem Tee plagt mich meine Blase. Lketinga lacht: „Here no toilet, only bush. Come with me, Corinne!“

Geschmeidig geht er voraus, kippt einen Dornenbusch zur Seite, und ein Durchgang bildet sich. Der Dornenzaun ist die einzige Sicherheit gegen wilde Tiere.

Wir entfernen uns etwa dreihundert Meter vom Kral, und er zeigt mit seinem Rungu auf einen Busch, der in Zukunft mein WC sein wird. Pippi kann ich nachts auch neben der Manyatta machen, denn der Sand saugt al es auf. Aber den Rest d"urfe ich niemals in deren N"ahe erledigen, sonst m"ussten sie dem Nachbarn eine Ziege opfern, und wir m"ussten umziehen, was eine grosse Schande bedeute. Zur"uck bei der Manyatta wird al es mit dem Geb"usch verriegelt, und wir ziehen uns auf das Kuhfell zur"uck. Waschen kann man sich hier nicht, denn das Wasser reicht gerade f"ur den Chai. Als ich Lketinga nach der K"orperpflege frage, meint er: „Tomorrow at the river, no problem!“

W"ahrend es in der H"utte durch das Feuer recht warm wird, ist es draussen k"uhl.

Das kleine M"adchen schl"aft bereits nackt neben der Grossmutter, und wir drei versuchen, einander zu unterhalten. Zwischen acht und neun Uhr gehen die Menschen hier schlafen. Auch wir nisten uns ein, da das Feuer nachl"asst und wir uns kaum noch sehen. Lketinga und ich kuscheln uns eng aneinander. Obwohl wir beide mehr wol en, geschieht nat"urlich nichts in Gegenwart der Mutter und in dieser endlosen Stille.

Die erste Nacht schlafe ich schlecht, da ich den harten Boden nicht gew"ohnt bin.

Ich drehe mich von einer Seite auf die andere und lausche den verschiedenen Ger"auschen nach. Ab und zu bimmelt das Gl"ockchen einer Ziege, und f"ur mich klingt es fast wie eine Kirchenglocke in dieser lautlosen Nacht. In der Ferne heult irgendein Tier. Sp"ater raschelt es im Dornengestr"upp. Ja, ich h"ore es deutlich, da sucht jemand den Eingang zum Kral. Mein Herz schl"agt bis zum Hals, w"ahrend ich angestrengt horche. Es kommt jemand. Liegend sp"ahe ich durch den kleinen Eingang und sehe zwei schwarze Balken, nein Beine, und zwei Speerenden. Gleich darauf t"ont eine M"annerstimme: „Supa Moran!“

Ich stosse Lketinga in die Seite und fl"ustere: „Darling, somebody is here.“

Er st"osst mir unbekannte Laute aus, die sich fast wie ein Grunzen anh"oren, und starrt mich f"ur den Bruchteil einer Sekunde fast b"ose an. „Outside is somebody“, erkl"are ich aufgeregt. Wieder ert"ont die Stimme: „Moran supa!“

Dann werden einige S"atze gewechselt, worauf sich die Beine bewegen und verschwinden. „What's the problem?“

frage ich. Der Mann, ein anderer Krieger, wollte hier "ubernachten, was normalerweise auch kein Problem sei, aber weil ich hier bin, gehe es nicht. Er versuche, in einer anderen Manyatta unterzukommen. Ich solle wieder schlafen.

Morgens um sechs Uhr geht die Sonne auf, und mit ihr erwachen Tiere und Menschen. Die Ziegen bl"oken laut, denn sie wollen raus. "Uberal h"ore ich Stimmen, und der Platz von Mama ist bereits leer. Eine Stunde sp"ater erheben auch wir uns und trinken Chai. Dies wird fast zur Qual, da mit der Morgensonne auch die Fliegen erwachen. Stel e ich die Tasse neben mich auf die Erde, umschwirren Dutzende den Rand der Tasse. Unentwegt surren sie um meinen Kopf. Saguna scheint es kaum zu bemerken, obwohl sie ihr in den Augen- und sogar in den Mundwinkeln sitzen. Ich frage Lketinga, woher al diese Fliegen kommen. Er deutet auf den Ziegenkot, der sich w"ahrend der Nacht angesammelt hat. Durch die Hitze am Tag trocknet der Kot aus, und die Fliegen werden weniger. Deshalb habe ich es am gestrigen Abend nicht so penetrant empfunden. Er lacht, dies sei nur der Anfang, wenn erst die K"uhe wiederk"amen, werde es noch viel schlimmer, denn deren Milch ziehe Tausende von Fliegen an. Noch unangenehmer seien die Moskitos, die nach Regenf"al en auftauchten. Nach dem Chai m"ochte ich zum River, um mich endlich zu waschen. Mit Seife, Handtuch und frischer W"asche ausger"ustet, ziehen wir los. Lketinga tr"agt lediglich einen gelben Kanister f"ur das n"achste Chai-Wasser von Mama. Wir gehen etwa einen Kilometer einen schmalen Weg hinunter bis zu dem breiten Flussbett, das wir am Tag zuvor mit dem Landrover "uberquert haben. Links und rechts des Flussbettes stehen grosse, saftige B"aume, aber Wasser sehe ich keines. Wir spazieren am trockenen Fluss entlang, bis nach einer Biegung Felsen auftauchen.

Tats"achlich fliesst hier noch ein kleines B"achlein aus dem Sand.

Wir sind nicht die einzigen hier. Neben dem Rinnsal haben einige M"adchen ein Loch in den Sand gegraben und sch"opfen mit einem Becher geduldig ihre Kanister mit Trinkwasser vol. Beim Anblick meines Kriegers senken sie versch"amt den Kopf und sch"opfen kichernd weiter. Zwanzig Meter weiter unten steht eine Gruppe von Kriegern nackt am Bach. Sie waschen sich gegenseitig. Ihre H"uftt"ucher liegen auf den warmen Felsen zum Trocknen. Mein Anblick l"asst sie verstummen, doch ihre Nacktheit st"ort sie offensichtlich nicht. Lketinga bleibt stehen und spricht mit ihnen.

Einige sehen mich unverhohlen an, w"ahrend ich bald nicht mehr weiss, wohin ich schauen soll. So viele nackte M"anner, denen dies nicht einmal bewusst ist, habe ich noch nie gesehen. Die schlanken, grazi"osen K"orper gl"anzen wundersch"on in der Morgensonne.

Da ich nicht recht weiss, wie ich mich in dieser ungewohnten Situation verhalten soll, schlendere ich weiter und setze mich nach ein paar Metern an das sp"arlich fliessende Wasser, um die F"usse zu waschen. Lketinga tritt zu mir und meint:

„Corinne, come, here is not good for lady!“

Wir gehen um eine weitere Biegung des Flussbettes, bis wir nicht mehr gesehen werden k"onnen. Hier entbl"attert er sich und w"ascht sich. Als auch ich al es ausziehen m"ochte, schaut er mich erschrocken an. „No, Corinne, this is not good!“

„Warum?“ frage ich. „Wie sol ich mich waschen, wenn ich mein T-Shirt und den Rock nicht ausziehen kann?“ Er erkl"art mir, dass ich die Beine nicht entbl"ossen d"urfe, das sei unsittlich. Wir debattieren, und schliesslich knie ich doch nackt am Fluss und wasche mich gr"undlich. Lketinga seift mir den R"ucken und die Haare ein, dabei blickt er st"andig um sich, ob uns wirklich niemand beobachtet.

Das Waschritual dauert etwa zwei Stunden, dann gehen wir zur"uck. Am River herrscht jetzt heftiges Treiben. Mehrere Frauen waschen sich Kopf und F"usse, andere graben L"ocher, damit sie die Ziegen tr"anken k"onnen, und wieder andere sch"opfen geduldig ihre Beh"alter voll Wasser. Auch Lketinga stellt seinen kleinen Wasserkanister hin, den ihm sofort ein M"adchen f"ullt.

Dann schlendern wir durch das Dorf, weil ich die Gesch"afte besichtigen wil. Es gibt drei viereckige Lehmh"uttchen, die Gesch"afte sein sollen. Lketinga spricht mit den jeweiligen Besitzern, die al e Somalis sind. "Uberall sch"utteln sie den Kopf. Es gibt nichts zu kaufen ausser etwas Teepulver oder Kimbo-Fettb"uchsen. Beim gr"ossten finden wir noch ein Kilogramm Reis. Als er es uns einpacken will, entdecke ich, dass der Reis voller kleiner schwarzer K"aferchen ist. „O no“, sage ich, „I don't want this!“

Er bedauert und nimmt ihn zur"uck. Wir haben also nichts zu essen.

Unter einem Baum sitzen mehrere Frauen und bieten Kuhmilch aus ihren Kalebassen zum Verkauf an. Also kaufen wir wenigstens Milch. F"ur wenige M"unzen nehmen wir zwei gef"ullte Kalebassen, etwa einen Liter, mit nach Hause. Die Mama freut sich "uber so viel Milch. Wir kochen Chai, und Saguna erh"alt eine ganze Tasse voll Milch. Sie ist gl"ucklich.

Lketinga und die Mama besprechen die missliche Lage. Ich wundere mich wirklich, wovon sich die Leute ern"ahren. Ab und zu gibt es ein Kilo Maismehl von der Mission f"ur alte Frauen, aber auch von dort ist vorl"aufig nichts zu erwarten. Lketinga beschliesst, am Abend eine Ziege zu schlachten, sobald die Herde nach Hause kommt. "Uberw"altigt von al dem Neuen, versp"ure ich noch keinen Hunger.

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