Die weisse Massai
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Den Nachmittag verbringen wir gemeinsam am River. Ich wasche Kleider, und er putzt unser Auto. Endlich haben wir gen"ugend Zeit f"ur das Ritual des gegenseitigen Waschens. Es ist wie fr"uher, und mit Wehmut denke ich an die Zeit zur"uck. Nat"urlich gef"allt mir der Shop, unser Essen ist abwechslungsreicher geworden. Doch wir haben nicht mehr soviel Zeit f"ur uns. Alles ist hektischer geworden. Trotzdem freue ich mich nach jedem Sonntag auf den Shop. Ich habe mich mit den Town-Frauen und einem Teil ihrer M"anner angefreundet, die etwas Englisch sprechen. Langsam weiss ich, wer zu wem geh"ort.
Anna ist mir inzwischen ans Herz gewachsen. Seit ein paar Tagen hockt ihr Mann im Shop, da er Urlaub hat. Mich st"ort es nicht, im Gegensatz zu Lketinga. Bei jedem Soda, das Annas Mann trinkt, fragt er auf peinliche Weise nach, ob Anna dies verrechnet.
Es ist Zeit, erneut Zucker zu organisieren. Die S"acke sind seit ein paar Tagen leer, und deshalb kommen weniger Leute. Auch stehen die Schulferien an. So kann ich in Maralal Zucker besorgen und James nach Hause holen. Lketinga bleibt im Shop und wil Anna helfen, denn vom Maismehl haben wir noch etwa zwanzig S"acke, die wir verkaufen m"ussen, damit das Geld f"ur eine Lastwagenfahrt reicht.
Ich nehme den bew"ahrten Helfer mit. Er arbeitet gut und kann mir die schweren S"acke in den Landrover wuchten. Wie "ublich wollen zwanzig andere Leute mit. Weil es jedesmal "Arger gibt, beschliesse ich, etwas zu verlangen, damit ich die Benzinkosten nicht allein tragen muss. Sicher kommen dann nur diejenigen mit, die wirklich einen Grund haben. Die Menschentraube l"ost sich bei meiner Mitteilung rasch auf, "ubrig bleiben, f"unf Personen, die den geforderten Betrag bezahlen.
Deshalb ist der Landrover nicht "uberf"ullt. Wir fahren fr"uh los, weil ich abends zur"uck sein will. Mit von der Partie ist der Wildh"uter, der diesmal ebenfal s zahlen muss.
In Maralal steigen alle aus, und ich fahre zur Schule hinunter. Der Headmaster erkl"art mir, die Sch"uler h"atten erst ab 16 Uhr frei. Ich vereinbare mit ihm, drei bis vier Sch"uler nach Barsaloi mitzunehmen. Mein Helfer und ich besorgen in der Zwischenzeit drei S"acke Zucker, etwas Fr"uchte und Gem"use. Mehr kann ich nicht laden, wenn ich die Burschen abholen will. Es bleiben mir zwei Stunden, und ich nutze die Zeit, um Sophia zu besuchen.
Sophia ist "ubergl"ucklich, mich zu sehen. Im Gegensatz zu mir hat sie einige Kilo zugenommen, und ihr geht es gut. Sie kocht mir Spaghetti, ein Festessen nach so langer Zeit ohne Teigwaren. Kein Wunder, dass sie so rapide zunimmt! Ihr Rasta-Freund taucht kurz auf und verschwindet mit ein paar Freunden. Sophia beschwert sich, dass er sie seit der Schwangerschaft fast nicht mehr anschaut. Arbeiten will er auch nicht und verbraucht statt dessen ihr Geld f"ur Bier und Freunde. Trotz der Bequemlichkeiten, die sie sich zugelegt hat, beneide ich sie nicht. Im Gegenteil: An Sophias Beispiel wird mir bewusst, wieviel Lketinga leistet. Ich verabschiede mich mit dem Versprechen, jedesmal wenn ich in Maralal bin, kurz vorbeizukommen. Meinen Helfer und den Wildh"uter hole ich beim vereinbarten Treffpunkt ab. Wir fahren zur Schule, und drei Burschen stehen bereit. James freut sich sehr, dass er abgeholt wird. Wir brechen sofort auf, weil wir vor der Dunkelheit zu Hause sein wollen.
Ende des 2. Bandes
Es folgt Band 3
Dschungelpfade
Der Wagen schl"angelt sich die rote, staubige Strasse hoch. Kurz vor der S-Kurve m"ussen der Wildh"uter und ich lachen, denn wir denken beide an unser Elefantenerlebnis. Hinten im Wagen quatschen und lachen die Burschen. Kurz vor dem steilen Schr"aghang will ich den Vierrad einschalten. Ich bremse und bremse noch mal, doch der Wagen f"ahrt einfach weiter auf den Todeshang zu. Entsetzt schreie ich: „No brakes!“ Gleichzeitig sehe ich, rechts geht nichts, da unmittelbar neben dem Weg die Schlucht beginnt, die von den B"aumen verdeckt ist. Also reisse ich, ohne weiter zu "uberlegen, das Steuer nach links, w"ahrend der Wildh"uter an der T"ur manipuliert.
Wie durch ein Wunder kracht der Wagen "uber den Beginn der immer h"oher werdenden Felsmauer. Wo ich auffahre, betr"agt die H"ohe etwa 30 cm. W"aren wir nur ein kleines St"uck weiter gewesen, w"are mir nichts anderes "ubrig geblieben, als frontal auf die Felswand zu fahren. Ich bete, der Wagen m"oge in den B"uschen h"angen bleiben, die Plattform betr"agt h"ochstens f"unf bis sechs Meter, dann geht es steil in den Dschungel hinunter.
Die Burschen sind in heller Aufregung, und der Wildh"uter ist grau im Gesicht.
Endlich bleibt der Wagen h"angen, etwa einen Meter vor dem Ende des Plateaus. Ich zittere so sehr am ganzen K"orper, dass ich unf"ahig bin auszusteigen. Die Sch"uler klettern aus den Fenstern, da wir vorne bewegungslos hocken und dadurch die hintere Wagent"ure verschlossen bleibt. Mit weichen Knien steige ich nun doch aus, um den Schaden zu begutachten. In diesem Moment beginnt der Wagen, sich langsam zu bewegen. Geistesgegenw"artig schnappe ich den erstbesten Stein und lege ihn unter ein Rad. Die Burschen finden heraus, dass das Bremskabel herausgerissen ist. Ratlos und geschockt stehen wir um das Fahrzeug, keine drei Meter vom Todeshang entfernt.
Wir k"onnen unm"oglich hier im Busch bleiben, meint der Wildh"uter, obwohl er diesmal bewaffnet ist. Es wird ausserdem verdammt kalt, sobald es dunkel ist. Nach Barsaloi ohne Bremse weiterzufahren, ist genauso unm"oglich. So bleibt nur der R"uckweg nach Maralal, den ich, schlimmstenfalls im Vierrad, auch ohne Bremse schaffe. Zuerst muss der lange Wagen auf diesem schmalen Plateau gewendet werden. Wir suchen grosse Steine, und ich fahre vorsichtig an. Mehr als einen halben Meter nach vorne kann ich nicht, deshalb m"ussen mich die Burschen mit Steinen unter jedem Rad stoppen. Dann folgt dasselbe Man"over r"uckw"arts, wobei ich nahezu nichts sehen kann. Mir l"auft der Schweiss "uber das Gesicht, und ich bete zu Gott, dass er uns helfen m"oge. Nach diesem Erlebnis, bei dem wir knapp dem Tod entronnen sind, bin ich absolut "uberzeugt, dass es ihn gibt. Nach mehr als einer Stunde ist das zweite Wunder vollbracht, der Wagen ist gewendet.
Es ist bereits dunkel im Dschungel, als wir losfahren k"onnen, al es im ersten Gang und mit Vierrad. Wenn es bergab geht, wird der Wagen viel zu schnel, geradeaus heult daf"ur der Motor gr"asslich auf, doch zu schalten traue ich mich nicht.
Automatisch trete ich in kritischen Momenten auf die nicht funktionierende Bremse.
Nach mehr als einer Stunde erreichen wir erleichtert Maralal. Hier "uberqueren die Leute friedlich die Strasse in der Annahme, die wenigen Autos bremsen ab. Ich kann nur hupen, und die Leute springen schimpfend zur Seite. Kurz vor der Garage drehe ich den Z"undschl"ussel ab und lasse den Wagen ausrol en. Der Chef-Somali will gerade schliessen. Ich erkl"are ihm mein Problem und dass der Wagen voller Ware ist, die ich nicht ohne Aufsicht lassen kann. Er "offnet das Eisentor, und einige M"anner schieben das Gef"ahrt hinein.
Gemeinsam gehen wir Chai trinken und beraten, immer noch v"ollig geschockt, unsere Lage. Nun m"ussen wir ein Lodging suchen. Der Wildh"uter schaut f"ur sich, w"ahrend ich nat"urlich die Burschen und meinen Helfer einlade. Wir nehmen zwei Zimmer. Die Burschen bemerken, sie k"onnten sich gut zu zweit ein Bett teilen. Ich wil allein sein. Nach dem Essen verziehe ich mich. Bei dem Gedanken an meinen Mann wird mir ganz elend. Er weiss ja nicht, was geschehen ist, und wird sich grosse Sorgen machen.
Fr"uh suche ich die Garage auf. Die Arbeiter sind dabei, unseren Wagen zu reparieren. Auch f"ur den Chef-Somali ist es ein R"atsel, wie das passieren konnte.
Um elf Uhr k"onnen wir aufbrechen, doch diesmal wage ich nicht, die Urwaldstrasse zu ben"utzen. Mir sitzt die Angst zu tief in den Knochen, und schliesslich bin ich im vierten Monat schwanger. Wir fahren den Umweg "uber Baragoi, der etwa viereinhalb Stunden dauert. W"ahrend der Fahrt denke ich an die Sorge, die mein Mann mittlerweile haben muss. Wir kommen gut voran. Diese Strasse, deren einzige T"ucke die vielen Schottersteine sind, ist viel anspruchsloser. Wir haben gut die H"alfte hinter uns, als nach dem "Uberqueren eines ausgetrockneten Flussbetts sich ein mir bereits vertrautes Zischen bemerkbar macht. Zu al em Ungl"uck haben wir auch noch einen Platten! Alle steigen aus, und die Burschen hieven das Reserverad unter den Zuckers"acken hervor. Mein Helfer plaziert den Wagenheber, und nach einer halben Stunde ist der Schaden behoben. Ausnahmsweise habe ich nichts zu tun, sitze in der prallen Sonne und rauche eine Zigarette. Wir setzen unsere Fahrt fort und erreichen Barsaloi im Laufe des Nachmittags.