Die weisse Massai
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All diese "Uberlegungen schiessen mir durch den Kopf, w"ahrend der Wagen langsam vorw"artskommt. Die Frau verliert immer wieder f"ur kurze Momente das Bewusstsein, und das St"ohnen h"ort auf. Wir sind nun bei den Felsen angelangt, und mir wird "ubel, wenn ich daran denke, wie es nun den Wagen hin- und hersch"utteln wird. Hier n"utzt alles langsame Fahren nichts mehr. Zum Hausm"adchen sage ich, es soll die Frau halten, so gut es geht. Der Mann neben mir hat noch kein Wort von sich gegeben. Der Wagen klettert im Vierrad "uber die grossen Felsbrocken. Die Frau schreit entsetzlich. Als wir es geschafft haben, wird sie augenblicklich wieder ruhig.
Ich fahre so schnell wie m"oglich durch den Dschungel. Kurz vor dem Todeshang muss ich bergauf den Vierrad einschalten. Der Wagen schleicht den Berg hinauf. In der Mitte des Hangs stottert pl"otzlich der Motor. Ich schaue sofort auf die Benzinuhr und bin beruhigt. Er kriecht normal weiter, doch dann stottert er wieder. Der Wagen ruckt und rumpelt gerade noch auf die Anh"ohe, um dann v"ollig still zu stehen, direkt neben dem Plateau, auf dem ich schon einmal festsass.
Verzweifelt versuche ich, den Motor erneut zu starten. Doch es r"uhrt sich nichts.
Nun wird der Mann neben mir munter. Wir steigen aus und begutachten den Motor.
Alle Z"undkerzen nehme ich heraus, doch sie sind in Ordnung.
Die Batterie ist aufgef"ullt. Wo ist das Problem von diesem verdammten Wagen?
Ich sch"uttle al e Kabel, schaue unter den Wagen, doch ich kann die Ursache nicht finden. Wieder und wieder probiere ich es, doch nichts geht mehr. Nicht einmal das Licht funktioniert.
Mittlerweile wird es dunkel, und die Riesenbremsen fressen uns fast auf. Ich bekomme nun wirklich Angst. Hinten im Wagen st"ohnt die Frau. Die Wolldecken sind voller Blut. Ich erkl"are dem Fremden, dass wir hier verloren sind, weil diese Strasse fast nicht ben"utzt wird. Es bleibt nur die M"oglichkeit, dass er in Maralal Hilfe holt. Zu Fuss schafft er es in anderthalb Stunden. Er weigert sich, ohne Waffe al ein loszugehen. Nun drehe ich v"ollig durch und beschimpfe ihn w"utend, weil er nicht begreift, dass es so oder so sehr gef"ahrlich ist, und je l"anger er wartet, desto dunkler und k"alter wird es. Wir haben nur eine Chance, wenn er jetzt aufbricht. Endlich macht er sich auf den Weg. Fr"uhestens in zwei Stunden werden wir Hilfe haben. Ich "offne den Wagen hinten und versuche, mit der Frau zu sprechen. Aber sie ist wieder f"ur kurze Zeit bewusstlos. Es wird kalt, und ich ziehe meine Jacke an. Nun erwacht sie und verlangt nach Wasser. Sie hat grossen Durst, ihre Lippen sind v"ollig aufgesprungen. Mein Gott! In der Hetze habe ich wieder einmal einen Riesenfehler gemacht. Wir sind ohne Trinkwasser! Ich durchsuche den ganzen Wagen, finde eine leere Colaflasche und mache mich auf den Weg, Wasser zu suchen. Es muss doch hier Wasser geben, so gr"un wie alles ist! Nach hundert Metern h"ore ich das Pl"atschern von Wasser, doch sehen kann ich im Dickicht nichts. Vorsichtig wage ich mich Schritt f"ur Schritt ins Geb"usch. Nach zwei Metern f"allt der Hang steil ab. Unten ist ein kleines B"achlein, das ich jedoch nicht erreichen kann, denn die glitschige Felswand k"ame ich nicht mehr hoch. Ich renne zum Wagen zur"uck und nehme das Seil von den Benzinf"assern mit. Die Frau heult wie verr"uckt vor Schmerzen. Ich schneide ein Ende des Seils ein und binde die Flasche daran, um sie zum Wasser herunterzulassen. Unendlich langsam f"ullt sie sich. Als ich kurz darauf der Frau die Flasche an den Mund halte, merke ich, dass sie vor Hitze gl"uht. Gleichzeitig friert sie so, dass ihre Z"ahne klappern. Sie trinkt die ganze Flasche leer. Noch mal hole ich Wasser.
Zur"uck beim Wagen h"ore ich ein Schreien, wie ich es noch nie vernommen habe.
Das M"adchen h"alt die Frau fest und weint. Sie ist ja noch so jung, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt. Ich schaue in das Gesicht der Frau, und ihr Blick verr"at Todesangst.
„Ich sterbe, ich sterbe, Enkai!“ stammelt sie. „Please Corinne, help me!“
fleht sie wieder. Was soll ich nur machen? Ich war noch nie bei einer Geburt dabei, sondern bin selbst das erste Mal schwanger. „Please, take out this child, please, Corinne!“
Ich halte das Kleid hoch und sehe wieder das gleiche Bild. Das blau-violette "Armchen h"angt nun bis zur Schulter heraus.
Dieses Kind ist tot, geht es mir durch den Kopf. Es hat Seitenlage und kann ohne Kaiserschnitt gar nicht auf die Welt kommen. Unter Tr"anen erkl"are ich ihr, dass ich nicht helfen kann, aber mit etwas Gl"uck kommt in etwa einer Stunde Hilfe. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie "uber die zitternde Gestalt. Mein Gott, warum l"asst du uns so allein? Was habe ich falsch gemacht, dass dieser Wagen uns ausgerechnet heute wieder im Stich l"asst, ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich kann die gellenden Schreie kaum aushalten und laufe kopflos und verzweifelt in den dunklen Busch, kehre aber sofort wieder zum Auto zur"uck.
Die Frau verlangt in ihrer Todesangst mein Messer. Fieberhaft "uberlege ich, was ich machen soll, dann entscheide ich mich, es ihr nicht auszuh"andigen. Pl"otzlich erhebt sie sich von der Decke und geht in die Hocke. Das M"adchen und ich starren entsetzt auf die mit dem Tod k"ampfende Frau. Sie fasst mit beiden H"anden in ihre Scheide und w"urgt und dreht an dem Arm, bis nach einiger Zeit ein blauviolettes, unterentwickeltes Kind auf der Wol decke liegt. Gleichzeitig f"allt sie ersch"opft zur"uck und bleibt v"ollig starr liegen. Ich fasse mich als erste und wickle das blutige, tote, etwa siebenmonatige Kind in einen Kanga. Dann fl"osse ich der Frau wieder Wasser ein. Sie zittert am ganzen Leib, doch strahlt sie nun v"ollige Ruhe aus. Ich versuche, ihr die H"ande zu reinigen und spreche beruhigend auf sie ein. Dabei lausche ich angestrengt in den Busch. Nach einer Weile h"ore ich ein leises Motorenger"ausch.
Ein Stein der Erleichterung f"allt mir vom Herzen, als ich kurz darauf Scheinwerferlicht durch das Geb"usch erblicke. Ich halte meine Taschenlampe in die H"ohe, damit sie uns rechtzeitig sehen. Es ist der Sanit"ats-Rover vom Spital. Drei M"anner steigen aus. Ich erkl"are ihnen, was geschehen ist, und sie laden die Frau auf einer Bahre in ihr Auto, ebenso das B"undel mit dem toten Baby. Auch das M"adchen f"ahrt mit. Der Fahrer des Rover schaut sich meinen Wagen an. Er dreht den Z"undschl"ussel und weiss sofort, was fehlt. Er zeigt mir ein Kabel, das hinter dem Steuerrad herunterh"angt. Das Z"undkabel ist herausgerissen. In nur einer Minute hat er es wieder befestigt, und der Wagen springt an. W"ahrend die anderen nach Maralal zur"uckfahren, begebe ich mich in die andere Richtung nach Hause. V"ol ig ersch"opft und verst"ort erreiche ich unsere Manyatta. Mein Mann will wissen, warum ich erst so sp"at zur"uckgekommen bin. Ich versuche zu erz"ahlen und merke, dass er mir nicht glaubt. Verzweifelt "uber seine Reaktion begreife ich nicht, warum er mir so wenig Vertrauen entgegenbringt. Schliesslich kann ich nichts daf"ur, dass der Wagen immer schlapp macht, wenn er nicht dabei ist. Ich lege mich schlafen und lasse mich auf keine weitere Diskussion ein.
Am n"achsten Tag gehe ich lustlos arbeiten. Kaum habe ich ge"offnet, erscheint der Lehrer und bedankt sich "uberschwenglich f"ur meine Hilfe, fragt dabei aber nicht einmal, wie es seiner Frau ergangen ist. So ein Heuchler!
Etwas sp"ater kommt Pater Giuliano und l"asst sich von mir berichten. Ihm tut es leid, was wir durchmachen mussten, und es ist f"ur mich kein Trost, dass er mir die Fahrt grossz"ugig entsch"adigt. Der Frau gehe es der Situation entsprechend gut, was er "uber Radiocall erfahren habe.
Der Stress im Laden nimmt mich mehr mit, als ich wahrhaben will. Seit diesem Erlebnis schlafe ich schlecht und tr"aume in Hinblick auf meine Schwangerschaft nur schreckliche Dinge. Am dritten Morgen nach dem Ereignis bin ich so zerschlagen, dass ich Lketinga allein in den Shop schicke. Er soll mit Anna arbeiten. Ich sitze zu Hause mit Mama unter dem grossen Baum. Nachmittags kommt der Arzt vorbei und erz"ahlt mir, die Lehrersfrau sei "uber dem Berg, m"usse aber noch ein paar Wochen in Maralal bleiben.
Wir unterhalten uns "uber das Geschehen, und er versucht, mein Gewissen zu beruhigen, indem er sagt, es sei nur so gekommen, weil sie dieses Kind gar nicht haben wollte. Sie h"atte mit ihrer mentalen Kraft den Wagen zum Stillstand gebracht.
Zum Abschied fragt er mich, was mit mir los sei. Ich erw"ahne meinen schlappen Zustand, den ich den letzten Aufregungen zuschreibe. Besorgt warnt er mich vor einer eventuel en Malaria, weil meine Augen einen gelben Stich haben.
Angst um mein Kind
Abends wird bei uns ein Schaf geschlachtet. Noch nie hatte ich hier Schaffleisch, deshalb bin ich richtig neugierig. Mama bereitet unseren Anteil zu. Sie kocht mehrere St"ucke einfach in Wasser. Tassenweise trinken wir den fetten, aber faden Sud.
Mama meint, das sei gut, wenn man schwanger ist und kr"aftiger werden muss.
Offensichtlich vertrage ich es nicht, denn in der Nacht bekomme ich Durchfall.
Gerade noch kann ich meinen Mann wecken, der mir hilft, das Tor vom Dornengestr"upp zu "offnen, dann schaffe ich keine zwanzig Meter mehr.