Die weisse Massai
Шрифт:
Es stehen schon einige Leute am Ort der Misere, und zum Teil wurden bereits Steine und "Aste untergelegt. Der Laster neigt sich durch das hohe Gewicht immer schr"ager, und der Fahrer erkl"art, es n"utze alles nichts mehr, es m"usse hier abgeladen werden. Ich bin nicht sehr erfreut "uber diesen Vorschlag und m"ochte Pater Giuliano um Rat fragen. Giuliano ist nicht gerade begeistert bei meinem Auftauchen, da er bereits weiss, was geschehen ist. Dennoch steigt er in seinen Wagen und kommt mit.
Er probiert es mit einer Seilwinde, aber unsere Vierrad-Wagen schaffen es nicht, den Laster herauszuman"ovrieren. Nun m"ussen die hundert Doppelzentner-S"acke in unsere Wagen umgeladen werden. Wir k"onnen jeweils acht S"acke laden. F"unfmal f"ahrt Giuliano, dann kehrt er genervt in die Mission zur"uck. Ich fahre noch siebenmal, bis wir al es im Shop haben. Indessen ist es Nacht geworden, und ich bin am Ende meiner Kr"afte. Im Shop herrscht ein unvorstel bares Durcheinander, doch wir machen Feierabend und r"aumen erst am n"achsten Morgen die Waren ein.
H"aufig werden uns Ziegen- oder Kuhfel e zum Ankauf angeboten. Bis jetzt habe ich stets abgelehnt, aber die Frauen sind nicht zufrieden damit und verlassen zum Teil schimpfend den Laden, um die Felle bei den Somalis loszuwerden. Allerdings kaufen die Somalis seit kurzem die Felle nur von denen, die Mais oder Zucker bei ihnen beziehen. So entstehen t"aglich neue Diskussionen. Deshalb beschliesse ich, ebenfal s H"aute anzukaufen und lagere sie im hinteren Teil unseres Shops.
Keine zwei Tage vergehen, bis uns der schlaue Mini-Chief besucht und nach der Lizenz f"ur den Handel mit Tierh"auten fragt. Nat"urlich haben wir keine, weil ich von deren Notwendigkeit nichts wusste. Und ausserdem, meint er, k"onne er mir den Shop schliessen, weil es nicht erlaubt sei, die H"aute im selben Geb"aude zu lagern wie die Lebensmittel. Es m"ussten mindestens f"unfzig Meter Abstand dazwischen sein. Mir verschl"agt es bei dieser Neuigkeit die Sprache, da die Somalis bisher ihre H"aute ebenfal s im selben Raum hatten, was der Chief einfach bestreitet. Jetzt weiss ich auch, wer ihn auf uns gehetzt hat. Da ich mittlerweile fast achtzig H"aute habe, die ich beim n"achsten Mal in Maralal weiterverkaufen wil, muss ich Zeit gewinnen, um einen neuen abschliessbaren Ort zu finden. Ich biete dem Chief zwei Sodas an und bitte ihn, mir bis morgen Zeit zu geben.
Nach l"angerem Hin und Her mit meinem Mann einigen sie sich, dass wir die H"aute bis zum n"achsten Tag aus dem Shop gebracht haben. Doch wohin damit? Immerhin sind die Fel e Bargeld. Ich gehe zur Mission, um Rat zu holen. Nur Roberto ist da und meint, er habe auch keinen Platz. Wir m"ussen auf Giuliano warten. Am Abend kommt er mit dem Motorrad vorbei. Zu meiner Freude bietet er mir sein altes Wasserpumpenh"auschen in der N"ahe an, wo alte Maschinen gelagert sind. Es sei nicht viel Platz, aber besser als nichts, denn man k"onne es mit einem Schloss abschliessen. Wieder habe ich ein Problem gel"ost, und langsam wird mir klar, welch grosse Hilfe Pater Giuliano f"ur uns ist.
Der Laden l"auft gut, und Anna erscheint p"unktlich. Es geht ihr wieder besser. An einem normalen Nachmittag herrscht pl"otzlich eine Riesenaufregung. Der Nachbarsjunge st"urmt in den Shop und diskutiert aufgeregt mit Lketinga. „Darling, what happened?“
frage ich. Er antwortet, dass zwei Ziegen unserer Herde verlorengegangen sind und er sofort aufbrechen muss, um sie zu suchen, bevor es dunkel wird und die wilden Tiere sie erwischen. Gerade will er mit seinen beiden langen Speeren bewaffnet los, als das Hausm"adchen des Buschlehrers mit bleichem Gesicht im Laden erscheint.
Auch sie spricht mit Lketinga, und ich verstehe nur, dass es um unseren Wagen und Maralal geht. Beunruhigt frage ich Anna: „Anna, what's the problem?“
Z"ogernd erz"ahlt sie, dass die Frau des Lehrers zu Hause ein Kind erwartet, sie m"usse sofort ins Spital, aber bei der Mission sei niemand da.
Die Frau des Lehrers
Darling, we have to go with her to Maralal“,
sage ich aufgeregt zu meinem Mann. Er meint jedoch, das sei nicht seine Aufgabe, er m"usse seine Ziegen suchen. In diesem Moment verstehe ich ihn "uberhaupt nicht und frage w"utend, ob ihm ein Menschenleben nicht mehr wert sei als das eines Tieres. Er sieht das nicht ein, es sei schliesslich nicht seine Frau, aber seine Ziegen w"aren sp"atestens in zwei Stunden aufgefressen, und damit verl"asst er den Shop. Ich bin sprachlos und verzweifelt, dass ausgerechnet mein gutm"utiger Mann so kaltherzig sein kann.
Anna teile ich mit, dass ich mir die Frau ansehen und dann entscheiden werde. Ihre Blockh"utte liegt zwei Minuten vom Shop entfernt. Beim Betreten der H"utte trifft mich fast der Schlag. "Uberal liegen blutdurchtr"ankte T"ucher. Die junge Frau liegt zusammengekauert auf dem nackten Fussboden und st"ohnt laut. Ich spreche sie an, da ich vom Laden her weiss, dass sie Englisch spricht. Stockend erz"ahlt sie mir, die Blutungen h"atten schon vor zwei Tagen begonnen, aber wegen ihres Mannes durfte sie nicht zum Arzt gehen. Er sei sehr eifers"uchtig und deswegen gegen eine Untersuchung. Jetzt, nachdem er weggegangen sei, wil sie fort.
Sie schaut mich zum erstenmal an, und ich sehe blanke Angst in ihren Augen.
„Please, Corinne, help me, I am dying!“
Dabei hebt sie ihr Kleid hoch, und ich sehe ein kleines, blaues Armchen aus der Scheide hervorh"angen. Mit aller Kraft reisse ich mich zusammen und verspreche, sofort den Landrover von zu Hause zu holen. Ich st"urze aus dem Haus zum Shop und sage Anna, dass ich sofort nach Maralal fahre, sie soll den Shop schliessen, falls mein Mann bis 19 Uhr nicht zur"uck ist.
Den Weg zur Manyatta renne ich und sp"ure kaum, wie mir die Dornenb"usche die Beine zerkratzen. Tr"anen des Entsetzens und auch der Wut auf meinen Mann laufen mir "uber das Gesicht. Wenn wir nur Maralal noch rechtzeitig erreichen! Zu Hause steht Mama da und versteht nicht, warum ich al e Wolldecken und sogar unser Fel aus der Manyatta reisse und im Landrover hinten ausbreite. Ich habe keine Zeit, ihr die Geschichte zu erkl"aren. Hier geht es um Minuten. Ich kann kaum klar denken, als ich mit dem Wagen losbrause. Ein Blick auf die Mission best"atigt mir, dass niemand da ist, weil beide Fahrzeuge fehlen. Bei der Blockh"utte halte ich an, um zusammen mit dem M"adchen der Frau in den Wagen zu helfen.
Es ist schwer, da sie nicht mehr stehen kann. Wir legen sie vorsichtig auf die beiden Decken, die nur gegen das kalte Blech Schutz geben und keinesfalls gen"ugen werden, um die grossen Schl"age zu d"ampfen. Das M"adchen steigt ebenfal s ein, und wir fahren los. Beim „Arzth"auschen“ halte ich an, um zu schauen, ob der Doktor viel eicht mitkommt. Aber auch er ist nicht da! Wo sind nur alle, wenn man sie einmal braucht? Statt dessen ist ein Fremder aus Maralal dort und wil mitfahren. Er ist kein Samburu.
Es geht um Leben und Tod, und trotzdem kann ich nicht so schnel fahren, da die Frau sonst hinten im Wagen herumrol t. Bei jedem Schlag schreit sie laut auf. Das M"adchen spricht leise auf sie ein, w"ahrend sie den Kopf auf ihrem Schoss festh"alt.
Schweissgebadet muss ich mir die Tr"anen aus den Augen wischen. Aus Eifersucht l"asst dieser Lehrer seine Frau verrecken! Er, der jeden Sonntag in der Kirche die Messe "ubersetzt, er, der schreiben und lesen kann. Ich k"onnte es kaum glauben, h"atte ich nicht selbst die Reaktion meines Mannes erlebt. Bei ihm z"ahlt offensichtlich ein Frauenleben weniger als das einer Ziege. W"are ein Krieger in Not, wie der, den wir einen Monat in unserer H"utte hatten, Lketinga w"urde wahrscheinlich anders reagieren. Jetzt geht es jedoch nur um eine Frau, die nicht mal seine ist. Was geschieht, wenn bei mir Komplikationen auftreten?.