Die weisse Massai
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Der Durchfall nimmt kein Ende. Ich schleppe mich zur"uck zu unserer Manyatta, und Lketinga ist ernsthaft besorgt um mich und unser Kind. Am fr"uhen Morgen erlebe ich das gleiche und muss anschliessend erbrechen. Mich fr"ostelt trotz der enormen Hitze. Nun bemerke ich auch meine gelben Augen und schicke Lketinga zur Mission.
Ich habe Angst wegen des Kindes, denn ich bin sicher, dass das der Anfang der n"achsten Malaria ist. Es dauert keine zehn Minuten, bis ich den Missionswagen h"ore und Pater Giuliano unsere H"utte betritt. Als er mich sieht, fragt er, was passiert ist.
Zum ersten Mal erz"ahle ich ihm, dass ich im f"unften Monat schwanger bin. Er ist "uberrascht, weil er nichts davon bemerkt hatte. Sofort schl"agt er vor, mich nach Wamba ins Missionsspital zu bringen, da ich sonst viel eicht das Kind durch eine Fr"uhgeburt verlieren k"onnte. Ich packe gerade noch ein paar Sachen, dann fahren wir. Lketinga bleibt zur"uck, weil wir ja den Shop ge"offnet haben.
Pater Giuliano besitzt einen Wagen, der komfortabler als meiner ist. Er f"ahrt halsbrecherisch, doch er kennt die Strasse sehr gut. Trotzdem habe ich M"uhe, mich festzuhalten, weil ich mit einer Hand meinen Bauch st"utze. Gesprochen wird nicht viel auf der knapp dreist"undigen Fahrt zum Missionsspital. Wir werden von zwei weissen Schwestern erwartet. Von ihnen gest"utzt werde ich in ein Untersuchungszimmer gef"uhrt, wo ich mich auf ein Bett legen kann. Ich staune "uber die Sauberkeit und Ordnung. Dennoch erfasst mich, so hilflos auf dem Bett liegend, eine tiefe Traurigkeit. Als Giuliano hereinkommt, um sich zu verabschieden, schiessen mir die Tr"anen aus den Augen. Erschrocken fragt er, was los ist. Ich weiss es ja selbst nicht! Ich habe Angst um mein Kind. Ausserdem habe ich meinen Mann mit dem Shop al ein gelassen. Er versucht, mich zu beruhigen und verspricht, jeden Tag nach dem Rechten zu sehen und "uber Radiocal der Schwester die Neuigkeiten durchzugeben. Bei all dem Verst"andnis, das er mir entgegenbringt, heule ich wieder los.
Er holt eine Schwester, und ich bekomme eine Spritze. Dann erscheint der Arzt, der mich untersucht. Als er h"ort, in welchem Monat ich schwanger bin, "aussert er besorgt, ich sei viel zu d"unn und habe zu wenig Blut. Das Kind sei deshalb viel zu klein. Dann folgt die Diagnose: Malaria im Anfangsstadium.
"Angstlich frage ich, welche Folgen das f"ur mein Kind hat. Er winkt ab und meint, erst m"usse ich mich erholen, dann passiert auch dem Kind nichts mehr. W"are ich sp"ater gekommen, h"atte der K"orper infolge Blutarmut die fr"uhzeitige Geburt selber eingeleitet. Aber es besteht gute Hoffnung, auf jeden Fall lebt das Kind. Bei diesen Worten bin ich so gl"ucklich, dass ich al es daran setzen wil, so schnell wie m"oglich gesund zu werden. Ich werde in der Geburten-Abteilung in einem Vierbett-Zimmer einquartiert.
Draussen bl"uhen rote Blumenb"usche, al es ist anders als in Maralal. Ich bin froh, so schnel gehandelt zu haben. Die Schwester kommt und erkl"art mir, ich werde t"aglich zwei Spritzen bekommen und gleichzeitig eine Infusion mit Kochsalzl"osung. Dies sei dringend n"otig, sonst trockne der K"orper aus. So ist also Malaria zu behandeln, und ich begreife, wie knapp ich in Maralal mit dem Leben davongekommen bin. Die Schwestern k"ummern sich r"uhrend um mich. Am dritten Tag bin ich endlich von der Infusion befreit. Die Spritzen muss ich allerdings zwei weitere Tage "uber mich ergehen lassen.
Im Gesch"aft sei al es bestens, h"ore ich von den Schwestern. Ich f"uhle mich wie neu geboren und kann es nicht erwarten, endlich nach Hause zu meinem Mann zu kommen. Am siebten Tag erscheint er mit zwei Kriegern. Ich freue mich sehr, wundere mich aber trotzdem, wieso er das Gesch"aft verlassen hat. „No problem, Corinne, my brother is there!“
antwortet er lachend. Dann erz"ahlt er, Anna habe er rausgeworfen, da sie uns bestohlen und zum Teil Lebensmittel verschenkt habe. Das kann ich nicht glauben und frage "angstlich, wer mir in Zukunft helfen soll. Er habe einen Burschen eingestellt, der von seinem "alteren Bruder und von ihm kontrolliert werde. Nun muss ich fast lachen, denn wie zwei Analphabeten einen ehemaligen Sch"uler kontrollieren wollen, ist mir ein R"atsel. Ausserdem sei der Shop fast leer. Deshalb sei er mit dem Landrover hier und wol e weiter nach Maralal, um mit den beiden Kriegern einen Laster zu organisieren. Entsetzt frage ich: „Mit welchem Geld?“ Er zeigt mir seine Tasche voller Geldscheine. Er habe al es bei Pater Giuliano geholt. Ich "uberlege fieberhaft, was zu tun ist. Wenn er mit diesen beiden Kriegern nach Maralal f"ahrt, wird er ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Das Geld liegt ungeb"undelt in seiner Plastiktasche, und er weiss nicht mal, wieviel es ist.
Noch w"ahrend ich nachdenke, kommt die Arztvisite, und die Krieger m"ussen hinaus. Der Arzt meint, die Malaria sei f"ur diesmal besiegt. Ich bitte um meine Entlassung, die er mir f"ur morgen verspricht. Nur arbeiten sol ich nicht viel, mahnt er.
Sp"atestens drei Wochen vor dem Geburtstermin sol e ich mich im Spital einfinden.
Ich bin erleichtert "uber meine Entlassung und teile es Lketinga mit. Auch er freut sich und verspricht, mich morgen abzuholen. Sie selber werden in Wamba ein Lodging nehmen.
F"ur die Fahrt nach Maralal "ubernehme ich das Steuer, und wie immer, wenn mein Mann dabei ist, gibt es keine Schwierigkeiten. Wir k"onnen bereits f"ur den n"achsten Tag einen Lastwagen buchen. Im Lodging z"ahle ich das Geld, das Lketinga dabei hat. Zu meinem Entsetzen stel e ich fest, dass einige tausend Kenia-Schil inge fehlen, um die Ladung zu bezahlen. Ich befrage Lketinga, und er meint ausweichend, es gebe noch einiges im Lager. So bleibt mir nichts anderes "ubrig, als wieder Geld abzuholen, statt Gewinn auf die Bank zu bringen. Aber, ich freue mich, dass wir so schnel nach Barsaloi zur"uckkehren k"onnen. Schliesslich war ich mehr als zehn Tage nicht mehr zu Hause.
Der Laster nimmt in Begleitung eines Kriegers den Umweg, wir fahren durch den Urwald. Ich bin gl"ucklich, bei meinem Mann zu sein, und k"orperlich f"uhle ich mich wohl, da mir das regelm"assige Essen im Spital gut getan hat.
Am Todeshang
Unterwegs stellen wir fest, dass der Weg vor uns befahren worden ist. Es sind frische Fahrspuren, und Lketinga erkennt am Profil, dass es fremde Fahrzeuge gewesen sein m"ussen. Wir passieren den „Todeshang“ ohne Probleme, und ich versuche, meine Gedanken an das grauenvol e Erlebnis mit der Totgeburt zu verdr"angen.
Wir biegen um die letzte Kurve vor den Felsen, und ich bremse augenblicklich ab.
Zwei alte Milit"ar-Landrover stehen mitten im Weg. Zwischen den Fahrzeugen bewegen sich aufgeregt mehrere Weisse. Wir k"onnen unm"oglich vorbeifahren und steigen aus, um nachzusehen, was los ist. Wie ich h"ore, ist es eine Gruppe von jungen Italienern in Begleitung eines Schwarzen.
Einer der jungen M"anner sitzt laut schluchzend in der gl"uhenden Hitze, w"ahrend zwei junge Frauen auf ihn einreden. Auch ihnen laufen Tr"anen "uber das Gesicht.
Lketinga spricht mit dem Schwarzen, und ich krame ein paar italienische Brocken aus meinem Ged"achtnis hervor.
Was ich zu h"oren bekomme, ruft trotz der etwa 40 Grad G"ansehaut hervor. Die Freundin des weinenden Mannes sei vor fast zwei Stunden neben den Felsen in den dichten Busch gegangen, um ihre Notdurft zu verrichten. Sie hatten angehalten, weil sie glaubten, die Strasse sei hier zu Ende. Die Frau sei keine zwei Meter weit gekommen und vor ihren Augen in die Tiefe gest"urzt. Sie alle h"orten einen langen Schrei und danach den Aufpral. Seitdem ist kein Lebenszeichen zu h"oren, trotz Rufen und vergeblicher M"uhe, in die steil "uberh"angende Schlucht zu steigen.
Mich friert, denn ich weiss, hier ist jede Hoffnung Vergeblich. Wieder ruft der Mann laut den Namen seiner Freundin. Ersch"uttert gehe ich zu meinem Mann. Auch er ist durcheinander und erkl"art mir, dass diese Frau tot ist, denn hier geht die Wand etwa hundert Meter in die Tiefe, und unten ist ein ausgetrocknetes, steiniges Flussbett.
Kein Mensch ist bis jetzt von hier oben hinuntergekommen. Die Italiener scheinen es probiert zu haben, denn verschiedene Seile liegen zusammengekn"upft am Boden.