Die weisse Massai
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Wir parken neben dem Laden, und ich wil gerade aussteigen, als mein Mann mit b"osem Blick auf mich zukommt. Er steht vor der Wagent"ur und sch"uttelt den Kopf:
„Corinne, what is wrong with you? Why you come late?“
Ich berichte, doch er wehrt, ohne zuzuh"oren, ver"achtlich ab und fragt statt dessen, mit wem ich die Nacht in Maralal verbracht habe. Jetzt packt mich die Wut. Wir sind knapp mit dem Leben davongekommen, und mein Mann glaubt, ich h"atte ihn betrogen! Dass er so reagieren w"urde, h"atte ich mir niemals vorstellen k"onnen.
Die Burschen kommen mir zu Hilfe und schildern die Fahrt. Er kriecht unter den Wagen und begutachtet das Kabel. Als er verschmiertes Brems"ol entdeckt, gibt er sich zufrieden. Doch meine Entt"auschung sitzt tief, und ich beschliesse, in meine H"utte zu gehen. Die sollen selber sehen, wie sie zurechtkommen, schliesslich ist James jetzt auch da. Mama und Saguna begr"usse ich fl"uchtig, dann ziehe ich mich zur"uck und weine vor Ersch"opfung und Entt"auschung.
Gegen Abend beginne ich zu frieren. Ich messe dem keine grosse Bedeutung bei und koche Chai. Lketinga kommt und nimmt sich Tee. Wir reden nicht viel. Sp"at abends bricht er auf, um einen weit entfernten Kral zu besuchen und die restlichen Ziegen von der Hochzeit abzuholen. In etwa zwei Tagen sei er zur"uck. Er wickelt seine rote Decke um die Schultern, schnappt seine beiden Speere und verl"asst ohne grosse Worte die Manyatta. Ich h"ore ihn kurz mit Mama sprechen, dann ist alles ruhig bis auf Babygeschrei in einer benachbarten H"utte.
Mein Zustand verschlechtert sich. In der Nacht packt mich die Angst. Ist das vielleicht wieder eine Malaria-Attacke? Ich krame meine Fansidar-Tabletten hervor und lese alles genau durch. Drei Tabletten auf einmal bei Verdacht, doch bei Schwangerschaft einen Arzt aufsuchen. O Gott, auf keinen Fall will ich mein Baby verlieren, was bei Malaria bis zum sechsten Monat al erdings leicht passieren kann.
Ich entschliesse mich, die drei Tabletten zu nehmen, und lege Holz ins Feuer, damit mir etwas w"armer wird.
Am Morgen erwache ich erst, als ich draussen Stimmen h"ore. Ich krieche aus der H"utte, und das volle Sonnenlicht blendet mich. Es ist fast halb neun. Mama sitzt vor ihrer H"utte und schaut mich lachend an. „Supa Corinne“, ert"ont es aus ihrer Richtung. „Supa Mama“, gebe ich zur"uck und marschiere in den Busch, um meine Notdurft zu verrichten.
Ich f"uhle mich schlapp und ausgelaugt. Als ich zur"uck zur Manyatta komme, stehen schon vier Frauen da und fragen nach dem Shop. „Corinne, tuka“, h"ore ich Mama rufen, ich soll den Laden "offnen. — ’„Ndjo, ja, later!“ gebe ich zur Antwort.
Verst"andlicherweise wollen alle den Zucker haben, den ich gestern gebracht habe.
Eine halbe Stunde sp"ater schleppe ich mich zum Shop.
Es warten sicher zwanzig Personen, doch Anna ist nicht dabei. Ich "offne, und sofort geht das Geschnatter los. Jede wil die erste sein. Ich bediene mechanisch.
Wo bleibt Anna? Mein Helfer l"asst sich ebenfal s nicht blicken, und wo die Burschen sind, weiss ich auch nicht. W"ahrend des Bedienens sp"ure ich einen heftigen Drang zur Toilette. Ich greife zum Toilettenpapier und st"urme zum WC-H"auschen. Ich habe bereits Durchfall. Nun bin ich total im Stress. Der Laden ist voller Menschen. Die Kasse ist eine offene Schachtel und f"ur jeden, der hinter die Theke kommt, zug"anglich. Kraftlos kehre ich zu den schwatzenden Frauen zur"uck. Der Durchfal zwingt mich mehrmals auf die Toilette.
Anna hat mich im Stich gelassen, sie ist nicht gekommen. Bisher ist nicht ein bekanntes Gesicht aufgetaucht, dem ich nur halbwegs meine Situation auf Englisch erkl"aren und um Hilfe bitten kann. Nach dem Mittag kann ich mich kaum mehr auf den Beinen halten.
Endlich erscheint die Frau des Lehrers. Ich schicke sie zu Mama, um nachzuschauen, ob die Burschen zu Hause sind. Zum Gl"uck erscheint James mit jenem Burschen, der damals in meinem Lodging "ubernachtet hatte. Sie sind sofort bereit, den Laden zu f"uhren, damit ich nach Hause kann. Mama schaut mich "uberrascht an und fragt, was los sei. Doch wie soll ich ihr antworten? Ich zucke mit den Schultern und sage: „Maybe Malaria.“
Sie schaut mich erschrocken an und fasst sich an den Bauch. Ich verstehe die Bedeutung, bin aber selbst ratlos und traurig. Sie kommt in meine Manyatta und kocht f"ur mich schwarzen Tee, denn Milch sei nicht gut. W"ahrend sie auf das kochende Wasser wartet, spricht sie unaufh"orlich zu Enkai. Mama betet f"ur mich auf ihre Weise. Ich habe sie wirklich sehr gern, wie sie so dasitzt, mit ihren langen Br"usten und dem schmutzigen Rock. In diesem Moment bin ich froh, dass mein Mann eine so liebe, f"ursorgliche Mutter hat, und m"ochte sie nicht entt"auschen.
Als unsere Ziegen nach Hause kommen, schaut der "altere Bruder besorgt zu mir herein und versucht, auf Suaheli eine Unterhaltung zu beginnen. Doch ich bin zu m"ude und schlafe dauernd ein. Mitten in der Nacht erwache ich schweissgebadet, als ich Schritte und das Einstecken von Speeren neben unserer H"utte vernehme. Mein Herz klopft wild, als das bekannte Grunzger"ausch ert"ont und kurz darauf eine Gestalt in der H"utte erscheint. Es ist so dunkel, dass ich nichts erkenne. „Darling?“ frage ich hoffnungsvoll in die Dunkelheit. „Yes, Corinne, no problem“, ert"ont die vertraute Stimme meines Mannes. Ein Stein f"allt mir vom Herzen.
Ich erkl"are meinen Zustand, und er ist sehr besorgt. Da ich bis jetzt keinen Sch"uttelfrost hatte, habe ich immer noch die Hoffnung, dass sich durch die sofortige Einnahme von Fansidar mein Zustand normalisiert. Die folgenden Tage bleibe ich zu Hause, und Lketinga und die Boys betreiben den Laden. Langsam erhole ich mich, da auch der Durchfall nach drei Tagen ein Ende hat. Nach einer Woche Herumliegen habe ich es satt und gehe nachmittags arbeiten. Doch der Laden sieht schlimm aus.
Es wurde kaum geputzt, und al es ist voller Maismehlstaub. Die Regale sind fast leer.
Die vier Zuckers"acke sind l"angst verkauft, und Mais gibt es gerade noch anderthalb S"acke. Das heisst, wir m"ussen wieder eine Fahrt nach Maralal starten. Wir planen sie in der folgenden Woche, da f"ur die Jungen die kurzen Ferien ohnehin dann zu Ende sind und ich einige von ihnen gut nach Maralal mitnehmen kann.
Im Shop ist es ruhig. Sobald die Grundnahrungsmittel fehlen, bleiben die Kunden von weit her aus. Ich gehe Anna besuchen. Als ich zu ihrem H"auschen komme, liegt sie auf ihrem Bett. Auf die Frage, was mit ihr los sei, will sie zuerst keine Antwort geben. Mit der Zeit kriege ich heraus, dass auch sie schwanger ist. Sie sei erst im dritten Monat, hatte aber vor kurzem Blutungen und ist deswegen von der Arbeit ferngeblieben. Wir vereinbaren, dass sie wiederkommt, wenn die Burschen weg sind.
Der Schulbeginn r"uckt n"aher, und wir brechen auf. Diesmal bleibt der Laden geschlossen. Nach drei Tagen k"onnen wir den vollen Lastwagen nach Barsaloi losschicken, unser Helfer begleitet ihn. Lketinga f"ahrt mit mir durch den Dschungel.
Gl"ucklicherweise verl"auft die Fahrt problemlos. Wir erwarten den Laster kurz vor Dunkelheit. Doch statt des Lasters kommen zwei Krieger und erz"ahlen uns, der Lori stecke im letzten Flussbett fest. Wir fahren mit unserem Wagen die kurze Strecke und sehen uns die Bescherung an. In dem ausgetrockneten, breiten Fluss ist er kurz vor dem Ufer mit dem linken Rad im Sand abgesackt. Durch das lange Spulen hat es sich in den lockeren Sand gegraben.