Gaunerinnen
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„Glaub mir, in der Ukraine sind die Typen top! Hier in Japan sind sie alle gleich. Ich komme auf die Arbeit, gehe in die Umkleide, schminke mich und mache Frisur. Das Haar muss sch"on frisiert sein, so steht es im Vertrag. Um punkt zwanzig Uhr muss ich mit allen anderen an einem grossen Tisch in der Mitte des Klubs sitzen und auf Kunden warten. Wenn der erste Kunde erscheint, stehen alle M"adchen auf und gr"ussen:
„Konbanwa.“ – Guten Abend auf Japanisch. Der Japaner geht langsam weiter, schaut sich die M"adchen an und nimmt im Saal Platz. In diesem Moment beginnt das Showprogramm mit dem Blumenverkauf.
Erinnerst du dich, wie Darja uns davon erz"ahlt hat?“
„Ja, vage. Und was weiter?“
„Nachdem der Gast sich hingesetzt hat, f"uhrt eine Mitarbeiterin des Klubs, sie werden Hostess genannt, die M"adchen zu seinem Tisch. Der w"ahlt aus, oder l"adt sie alle ein, sich zu ihm zu setzen. Bei einem Japaner k"onnen mehrere M"adchen sitzen, wenn er bereit ist, f"ur sie alle Getr"anke zu bestellen, die gerade nicht billig sind. Die Auswahl an Drinks ist nicht gross. Saft, Pflaumenwein oder Rum mit Cola. Alle Getr"anke werden dem Kunden zum gleichen Preis angeboten. Aber nach meiner Ankunft wurde der Rum von der Karte gestrichen. Sie haben dort noch nie gesehen, dass ein M"adchen so viel trinkt.“
„Ahahaha, bald machen sie das auch mit dem Wein! Dann bleibt dir nur noch der Saft.“
„Ich? Saft? Dann m"usste ich mir eine Flasche mitbringen, unter meiner Kleidung versteckt.“
„Erz"ahl weiter! Es ist so interessant!“
„Dann sitzt er so stolz da, als ob sein Schwanz l"anger w"are als f"unf Zentimeter, umgeben von M"adchen, und schaut sich die Show an. Die M"adchen wechseln sich immer wieder ab, je nach dem, wer gerade mit dem Tanzen an der Reihe ist. Das wird dann alles am Tisch besprochen, begleitet von Witzen, wer welche Titten hat oder welcher Tanz besser war. Komisch sind sie schon, offen gesagt. Unsere Kerle oder die Russen h"atten gleich alle begrabscht. Aber die Japaner sitzen bloss rum, bewegen sich kaum und reissen Witze "uber Sex, den sie wohl nur aus B"uchern kennen.“
„Unsere M"anner sind die besten! Auch wenn sie gerissene Mistkerle sind! Aber unsere Mistkerle! Apropos, ich habe einen neuen Freund!“
„Erschreck mich nicht, Natalja! Wer ist er?“
„Er heisst Ljonja. Und nach Genf will ich nicht mehr.“
„Bist du dir sicher, dass er wirklich so heisst? Woher kennst du ihn? Gestern gab es ihn noch nicht!“
„H"or auf zu l"astern. Das ist Liebe auf den ersten Blick!“
„Bring mich nicht zum Lachen! Willst du nicht mehr nach Genf? Wird Ljonja dich im Zuchthaus besuchen?“
„Stella, mit dir kann man einfach nicht "uber Romantik reden!“
„Warum denn nicht? Ist die Geschichte von Natalja und Ljonja, der seine Geliebte im Knast besucht, etwa nicht romantisch?“
„Verdirb mich nicht die Laune! Erz"ahl mir lieber von den kleinen japanischen Pimmeln. Was macht dein Jamoguchi?“
„Na, was soll ich denn noch erz"ahlen? Man sitzt ein wenig herumgesessen, dann tauscht das Personal die M"adchen aus. Diejenigen, die dem Gast nicht gefallen haben, werden weggebracht. Es bleiben meistens die Rum"aninnen. Die k"onnen Fremdsprachen und labern wie ein Wasserfall. Ich kann das leider nicht. Daf"ur habe ich ihnen ein M"unzenspiel um Geld beigebracht. Jedes Spiel zehn Dollar. An einem Abend kann man damit hundert Dollar verdienen.“
„Wie geht das Spiel? Ich w"urde gerne die Schweizer in Genf ausnehmen.“
„Du wirst das kaum brauchen. Du wirst sie mit anderen Spielen um mehrere hundert Dollar bringen. Hahahaha!”
„Ich will so sehr zu dir! Sogar nach Japan! Ich langweile mich. Ohne dich passiert nichts in Moskau. Aber ich will Abenteuer erleben.“
„Es geht doch morgen schon los! Hurra! Dich erwartet viel Neues, Unbekanntes und Sch"ones. Ich stelle mir vor, wie du aus einem Flugzeug steigst, mit einer sauteueren Schweizer Uhr am Handgelenk und mit einem Million"ar am Arm. Ich treffe euch am Flughafen und freue mich im Inneren "uber deine Siege.“
„Oh ja! Stella! Genau so wird es sein. Ich habe schon meine Sachen gepackt. Ich bin gleichzeitig froh und traurig und "angstlich. Gemischte Gef"uhle vor der Ungewissheit. Ich will nicht "uber traurige Sachen reden. Erz"ahl weiter, was du noch erlebt hast. Du bist meine Spielm"unze.“
„Das Spiel ist ganz lustig. Es passt gut f"ur eine grosse Gesellschaft, besonders f"ur Raucher oder Betrunkene, denen man w"ahrend des Spiels eine Zigarette stecken kann.
Man legt eine Serviette auf ein normales Glas. Damit sie nicht rutscht, kann man den Glasrand mit einem St"uck Eis einreiben. Ein Eisk"ubel steht w"ahrend des ganzen Abends auf jedem Tisch. Auf die Mitte der Serviette wird eine M"unze gelegt. Danach brennen alle Spieler, die am Tisch sitzen, mit ihren Zigaretten je ein Loch um die M"unze herum hinein. Derjenige, bei dem dabei die M"unze ins Glas f"allt, hat verloren. Die Japaner haben meistens schlechte Augen und mit ihren Zigaretten wild in die Gegend. Die treffen nicht einmal das Glas. So gehe ich durch den Klub wie ein Sparschwein, mit einer M"unze im Glas.“
Am anderen Ende war das feine Lachen der Freundin zu h"oren.
„Sag mal, arbeiten viele Russinnen bei euch?“
„Nein, es gibt wenig Russinnen. Wenn man Weissrussinnen nicht dazurechnet. Daf"ur gibt es eine Menge Ukrainerinnen, aus Donezk, Charkow, Sumy und Kiew. Ein M"adchen aus Litauen.
Nach der Arbeit laden die Japaner alle M"adchen zu einem sp"aten Abendessen ein, oder besser gesagt, zu einem fr"uhen Fr"uhst"uck. Es gilt als cool, einen Haufen sch"oner M"adels ins Restaurant einzuladen. Da sitzt dann ein Typ mit zwanzig Weibern da, stolz wie ein Adler, und zeigt allen, wie steinreich er ist. Die Japaner geben gern an. Das ist ein Teil ihres Lebens, es bringt Status und Prestige. Er zahlt f"ur alle ohne zu "uberlegen, was ihn die ausgesuchtesten Speisen Japans kosten w"urden. Die M"adchen ihrerseits genieren sich nicht und bestellen Fugu oder verschiede Seeigel, und das kann am Ende des Abends ganz sch"on ins Geld gehen.
Ich werde zusehends dicker! Schrecklich! Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, wenn es so leckeres Essen gibt. Ich verputze alles. Stell dir vor, gestern zum Aperitif habe ich kleine lebende Fische gegessen. Die werden in einem hohen Glas serviert, damit sie nicht herausspringen k"onnen. Man greift mit den St"abchen ins Glas, schnappt einen Fisch, f"uhrt ihn zum Mund und schluckt ihn ganz.“
„Einen lebenden Fisch?“
„Ja klar! Du kannst sp"uren, wie er irgendwo in deinem Bauch stirbt.“
„Pfui, wie ekelhaft! Wie konntest du sowas aufessen? Du bist pervers!“
„Das h"ore ich doch gerade von dir sehr gern“, sagte Stella schmunzelnd.
Gel"achter erklang von beiden Enden der Welt und verschmolz zu einer Sinfonie zweier verwandter Seelen.
„Geh schlafen, Liebes. Morgen hast du einen schweren Tag.“
„Ich kann bestimmt nicht einschlafen.“
„Schlaf bitte! Du musst doch unwiderstehlich sein an deinem ersten Arbeitstag im sch"onen Genf!“
„Gut. Ich rufe dich vor dem Abflug an. Ich versuche auch, zu schlafen. K"usschen…“
„K"usschen zur"uck…“
„Oh Gott. Es macht so einen Spass, mit dieser Schlange zu telefonieren! Ich sollte vielleicht doch das Land der Schlitzaugen besuchen! Sushi, Fugu… mmmmm.“
Sie konnte nicht einschlafen. Die ganze Nacht drehten sich in ihrem Kopf schreckliche Gedanken: Sie k"onnte am Flughafen verhaftet werden oder eine internationale Fahndung nach ihr k"onnte eingeleitet werden. Sie war sauer, weil Stella es geschafft hatte, davonzukommen. Natalja war der Meinung, dass gerade ihre Freundin im Gef"angnis enden sollte. Die zweite Frage, die ihr keine Ruhe liess, lautete: Was erwartete sie wirklich in Genf? Sehr viele M"adchen kamen nicht mehr zur"uck, wenn sie einmal im Ausland waren.