Gaunerinnen
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Sie liessen mehrere Gassen hinter sich und gingen im Passantenstrom auf.
„Danke! Wie bist du nur darauf gekommen, einen Bullen mitzubringen?“
„Er kommt aus meiner Stadt!“
„Hast du ihn etwa absichtlich ausgew"ahlt? Um einen Landsmann auszunehmen? Oder aus Mitleid? Mit einem Obdachlosen?“
„Ahahaha! Ich platze vor Lachen, Natalja! Ich stelle mir das Gesicht des Moldawiers vor, als er einen Bullen in der Wohnung vorfindet.“
„Das w"urde ich gerne sehen. Eine Kamera installieren und sich die Reality-Show anschauen.
„Bringen Sie den Duft n"ordlicher N"achte mit!“ Pardon, aber davor m"usstest du an vergammelten tatarischen Teigtaschen riechen und ein Gespr"ach mit dem Moldawier "uberstehen, was gar nicht so einfach w"are.“
Am Flughafen wimmelte es von Menschen. Etwas sagte Stella, sie sollten nicht nach Moskau fliegen. Wenn der Moldawier nach Hause k"ame und den Fall der Polizei meldete, w"urden wohl alle Flugh"afen sofort durchsucht werden.
Andererseits wussten sie, dass er ein Date hatte und schon angek"undigt hatte, dass er sp"at zur"uckkommen w"urde. Umziehen w"urde er sich eher nicht, er war ja ein begehrter Br"autigam auf seinem Markt. Das war gewiss komisch, trotzdem war in ihrer Situation besondere Vorsicht geboten.
„Wollen wir lieber mit dem Bus fahren? Vorsichtshalber“, schlug Stella vor. „Wir einigen uns direkt mit dem Busfahrer, dann brauchen wir unsere P"asse nicht an der Kasse zu zeigen. Das w"are sicherer.“
„Ja, du hast recht.“
Zum ersten Mal h"orte Stella dem"utige Worte von ihrer Freundin. Unterwegs zum Busbahnhof wechselten sie bange Blicke und wurden erst ruhiger, als sie im Bus sassen.
„Uh! Moskau glaubt den Tr"anen nicht. Und uns auch nicht.“
„Nein, Stella. Uns glauben alle.“
„Tja, das sollten sie lieber nicht tun.“
Die Reise war m"uhsam und schien kein Ende zu nehmen. Im Bus stank es nach Essen. Eine Gruppe M"anner trank die ganze Zeit Bier, ass dazu getrockneten Fisch und liess den anderen Fahrg"asten keine Ruhe. Auf ihren Handys lief Musik wie die der Band Leningrad. Der Fahrgastraum war widerlich muffig und dumpf.
In Moskau angekommen gingen die M"adchen gleich, sich die Wohnung anzuschauen, die sie im Voraus reserviert hatten.
Die Bude sah anst"andig aus. Sie lag in der N"ahe der U-Bahnstation Otradnaja. Es gab zwei Zimmer mit Balkon und eine separate K"uche. Die Fussbodenheizung stellte in einer so kalten Stadt wie Moskau einen besonderen Vorteil dar.
„Wie lange wollen Sie hier wohnen?“, fragte die Maklerin.
„Mindestens zwei Monate. Das hatte ich Ihnen doch am Telefon gesagt.“
„Gut. Aber ich muss das Datum Ihres Auszugs zehn Tage im Voraus wissen.“
„Wir melden uns, wenn es so weit ist. Danke.“
Als sich die T"ur hinter der Maklerin schloss, umarmten sich die M"adchen und h"upften vor Gl"uck herum. Sie redeten "uberschw"anglich von der Zollkontrolle an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland. Unterwegs hatten sie keine M"oglichkeit gehabt, dieses empfindliche Thema unter vier Augen zu besprechen.
„Ich war kurz vorm Herzinfarkt, als der Zollbeamte meinen Pass anstarrte wie die Mona Lisa.“
„Mein Herz hat eine Minute ausgesetzt! Ich habe mich schon auf einer kalten Knastpritsche gesehen.“
„Es gab wenig Licht an der Grenze und der Zollbeamte war schl"afrig oder ganz bet"aubt von dem Gestank im Bus.“
„Tja, dieser Gestank hat uns geholfen, ohne b"ose "Uberraschung "uber die Grenze zu kommen.“
„Ich habe echt Angst gehabt. Wir sind ja Verbrecherinnen. Fr"uher oder sp"ater finden sie uns auch in Russland.“
„Das wird sie aber schon etwas M"uhe kosten“, erwiderte Natalja.
„Weisst du, ich w"urde inzwischen auch einen Japaner heiraten, wenn ich nur nicht ins Gef"angnis muss.“
„Erz"ahl mir keine Horrorstorys. Ich w"urde lieber in den Knast gehen, als einen Japaner zu heiraten.“
„Nur gut, dass ich nach Genf gehe. Dort leben wenigstens normal grosse, weisse Menschen mit richtigen Augen. Schade, dass du nicht mitkommst. Das wirst du eines Tages bereuen.“
„Ich kann nicht so schnell und pl"otzlich nach Genf. Das w"are f"ur mich der Horror gewesen.“
Bis die Dokumente fertig waren, fickte Natalja die H"alfte der m"annlichen Bev"olkerung Moskaus durch.
Stella kam mit ihr mit, lernte einen sympathischen Jungen kennen und zog mit ihm durch die Klubs oder von einer Party zur anderen. Natalja konnte zuerst kaum glauben, dass Stella nicht mehr so langweilig war und das Klugscheissen aufgegeben hatte. Im Gegenteil, sie gab mit einem Mal ordentlich Gas. Ausserdem lernte Stella Japanisch. Sie begann mit ein paar S"atzen, die eine Frau braucht. Ihre Schuhgr"osse zum Beispiel, siebenunddreissig, hiess auf Japanisch „san ju nana“. Dazu kamen viele andere W"orter, bei denen es meistens um die Bestellung von Speisen und Getr"anken im Restaurants ging. Sie fand diese Sprache cool, wenn auch ein bisschen ulkig.
Natalja lernte Franz"osisch. Sie plauderte per Skype mit allen m"oglichen Franzosen rund um den Globus in der Hoffnung, eine der schwierigsten Sprachen der Welt zu erlernen. Das wollte sie so schnell wie m"oglich erledigen und kam dabei sehr gut voran. Natalja versprach jedem im Chat, gerade ihn bald in Frankreich zu besuchen. Nat"urlich freuten sich die M"anner auf diese Aussichten und "ubten mit der sch"onen Gaunerin stundenlang ihre Sprache. Wie immer lief alles unter ihrem Motto: Alle sind Scheisse, und ich bin K"onigin!
Die M"adchen nutzten ihre Zeit in der russischen Hauptstadt gut. Mehr als f"unfzehn Gesch"afte nach fast dem gleichen Schema f"adelten sie ein. Aber die Massst"abe in Moskau waren schon um einiges gr"osser. Statt Wohnungen vermieteten sie ganze Arbeiterhostels. Kaum waren die Bewohner zur Arbeit gegangen, brachten sie neue Brigaden auf deren Pl"atze. Die Unterk"unfte wurden schnell bezogen, den Mietern legten sie gef"alschte Eigentumsdokumente vor. Gew"ohnlich achteten die Leute nicht besonders auf die Echtheit des Notarsiegels oder Stempels. Es w"are aber hilfreich, den Menschen beizubringen, wie man solche Situationen vermeidet, in die sie meist durch ihren eigenen Leichtsinn geraten. Seit damals sind mehr als zw"olf Jahre vergangen. Inzwischen sind die Menschen vorsichtiger geworden. Es gibt nun "Uberwachungssysteme, Kameras, kurzum, Fortschritt.
Der Tag des Abschieds r"uckte n"aher. Stella sollte die Reise als erste antreten, weil ihr Platz fr"uher reserviert war. Ihre Nerven wurden allm"ahlich schw"acher. Sie war gereizt. Stella hatte den Eindruck, dass alles was sie tat, v"olliger Unsinn oder jedenfalls ein Fehler war. Ausserdem ihre Beziehung zu Nikita sie nicht zur Ruhe kommen. Den Mann, mit dem sie letzte Monate verbracht hatte, konnte sie nicht vergessen. Er war ein geb"urtiger Moskauer, h"oflich, angenehm, still und ruhig. Er beeilte sich nie wirklich, erledigte aber trotzdem alles rechtzeitig. Zu Stella war er z"artlich, umarmte sie, streichelte und k"usste ihre H"ande. Das M"adchen dachte, sie h"atte ihr Gl"uck und ihre Ruhe gefunden. Er war gross, sogar sehr gross, hatte dunkles Haar und braune Augen. Sie hatte sich ihr Gl"uck immer mit solchen braunen Augen vorgestellt. Einen leidenschaftlichen Liebhaber konnte man ihn kaum nennen, aber er war von z"artlicher Ausdauer. In seinen Armen bekam sie am ganzen K"orper G"ansehaut vor Lust. Genau so nannte sie ihn in Gedanken: „meine G"ansehautliebe“.