Die weisse Massai
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Weil ich tags"uber nicht mehr so viel schlafe, vergeht die Zeit schleppend. Mit meinen Zimmergenossinnen kann ich mich nur sp"arlich unterhalten. Es sind Samburu-Frauen, die schon mehrere Kinder haben. Zum Teil sind sie bekehrt durch die Mission, oder es waren Komplikationen aufgetreten, so dass sie hierher gebracht wurden. Einmal t"aglich am Nachmittag ist Besuchszeit. Doch in die Geburten-Abteilung kommen nicht viele Besucher, denn Kinderkriegen ist Frauensache.
Inzwischen vergn"ugen sich wahrscheinlich ihre M"anner mit den anderen Ehefrauen.
Langsam mache ich mir auch Gedanken, wo mein Darling bleibt. Unser Wagen wird sicher repariert sein und wenn nicht, k"onnte er zu Fuss in etwa sieben Stunden hier sein, was f"ur einen Massai kein grosses Problem ist. Nat"urlich bekomme ich fast t"aglich Gr"usse von den Schwestern ausgerichtet, die er pers"onlich bei Pater Giuliano aufgibt. Er ist st"andig im Shop und hilft dem Burschen. Mir ist der Laden im Moment egal, ich mag mir keine zus"atzlichen Gedanken aufladen. Aber wie soll ich Lketinga erkl"aren, dass ich bis nach der Geburt unseres Kindes nicht mehr nach Hause kommen kann? Sein misstrauisches Gesicht sehe ich bereits vor mir.
Am achten Tag steht er pl"otzlich im T"urrahmen. Etwas unsicher, doch strahlend setzt er sich auf die Bettkante. „Hello, Corinne, how are you and my baby? Are you okay?“
Dann packt er gebratenes Fleisch aus. Ich bin wirklich ger"uhrt. Pater Giuliano ist auch hier in der Mission, und deshalb konnte er mitfahren. Viel an Z"artlichkeiten k"onnen wir nicht austauschen, da die anwesenden Frauen uns beobachten oder ihn ausfragen. Dennoch bin ich gl"ucklich, ihn zu sehen, und erw"ahne deshalb nichts von meiner Absicht, die n"achste Zeit in Maralal zu verbringen. Er verspricht, sobald der Wagen repariert ist, wiederzukommen. Giuliano schaut ebenfalls schnell vorbei, und dann sind beide wieder verschwunden.
Nun kommen mir die bevorstehenden Tage noch l"anger vor. Die einzigen Abwechslungen sind die Besuche der Schwestern sowie die Arztvisiten. Ab und zu bekomme ich eine Zeitung zugesteckt. In der zweiten Woche spaziere ich t"aglich etwas im Spital umher. Der Anblick der meist schwerkranken Menschen belastet mich sehr. Am liebsten stehe ich an den Bettchen der Neugeborenen und freue mich dabei sehr auf mein Kind. Ich w"unsche mir von Herzen, dass es ein gesundes M"adchen wird. Sicher wird es wundersch"on bei diesem Vater. Aber es gibt auch Tage, an denen ich Angst habe, mein Kind gerate nicht normal bei all den Medikamenten.
Lketinga besucht mich Ende der zweiten Woche nochmals. Als er mich besorgt fragt, wann ich denn endlich nach Hause komme, bleibt mir nichts anderes "ubrig, als ihn mit meinem Vorhaben zu konfrontieren. Sein Gesicht verfinstert sich augenblicklich, und eindringlich fragt er: „Corinne, why do you not come home? Why you wil stay in Maralal and not with Mama? You are okay now and you get your baby in the house of Mama!“
Alle Erkl"arungen meinerseits will er nicht glauben. Zu guter Letzt behauptet er:
„Now I know, maybe you have a boyfriend in Maralal!“
Dieser eine Satz ist schlimmer als ein Schlag ins Gesicht. Ich habe das Gef"uhl, in ein tiefes Loch zu fallen und kann nur noch losheulen. Dies ist f"ur ihn der Beweis, dass er mit seiner Vermutung richtig liegt. Aufgebracht geht er im Zimmer auf und ab, w"ahrend er dauernd sagt: „I'm not crazy, Corinne, I'm really not crazy, I know the ladies!“
Pl"otzlich steht eine weisse Schwester im Raum. Erschrocken schaut sie mich und dann meinen Mann an. Sie wil sofort wissen, was passiert ist. Weinend versuche ich zu erz"ahlen. Sie spricht mit Lketinga, doch es n"utzt erst einigermassen, als der Arzt geholt wird, der sehr energisch mit ihm umgeht. Widerwil ig gibt er seine Zustimmung, aber Freude versp"ure ich im Moment keine mehr. Zu sehr hat er mich verletzt. Er verl"asst das Spital, und ich weiss nicht einmal, ob ich ihn hier oder erst in Maralal wiedersehe.
Die Schwester kommt noch mal zu mir, und wir unterhalten uns. Sie ist sehr besorgt wegen der Einstellung meines Mannes und r"at mir ebenfalls, mein Kind in der Schweiz zu geb"aren, da es dann meine Nationalit"at besitzt. Hier ist es Eigentum der Familie meines Mannes, und ich k"onne nichts ohne Einwilligung des Vaters unternehmen. M"ude winke ich ab, ich f"uhle mich nicht in der Lage, diese Reise anzutreten. Mein Mann w"urde mir sowieso keine schriftliche Erlaubnis geben, dass ich als seine Ehefrau Kenia verlassen kann, jetzt, f"unf Wochen vor der Geburt.
Zudem bin ich tief im Innern "uberzeugt, dass er wieder ruhiger und fr"ohlicher wird, wenn erst das Baby geboren ist.
In der dritten Woche h"ore ich nichts mehr von ihm. Etwas entt"auscht verlasse ich das Spital, als sich eine Gelegenheit bietet, mit einem Missionar nach Maralal zu fahren. Die Schwestern verabschieden mich herzlich und versprechen, "uber Pater Giuliano meinem Mann mitzuteilen, ich sei nun in Maralal.
Sophia
Sophia ist zu Hause und freut sich riesig "uber meinen Besuch. Als ich jedoch meine Situation erkl"are, sagt sie, das mit dem Essen sei okay, doch schlafen k"onne ich nicht bei ihnen, der hintere Teil der Wohnung sei als Fitnessraum f"ur ihren Freund eingerichtet. Etwas ratlos sitze ich da, und wir "uberlegen, wo ich hingehen k"onnte. Ihr Freund macht sich immerhin auf die Suche nach einem Schlafplatz f"ur mich. Nach Stunden kommt er wieder und erkl"art, er habe ein Zimmer gefunden. Es befindet sich in der N"ahe und ist ein Raum wie bei den Lodgings, nur das Bett ist gr"osser und sch"oner. Sonst ist er leer. Sofort stehen einige Frauen und Kinder um uns herum, als wir das Zimmer begutachten. Ich nehme es.
Die Tage verstreichen langsam. Nur das Essen ist eine wahre Freude. Sophia kocht fantastisch. T"aglich nehme ich zu. Die N"achte jedoch sind schrecklich. Bis tief in die Nacht ert"ont Musik oder Geschw"atz aus al en Ecken. Der Raum ist so hellh"orig, dass man meinen k"onnte, man lebe mit seinen Nachbarn in einem Zimmer.
Jeden Abend qu"ale ich mich in den Schlaf.
Manchmal k"onnte ich selber laut schreien "uber diesen Krach, aber ich will das Zimmer nicht verlieren. Morgens wasche ich mich im Zimmer. Die Kleider wasche ich auch jeden zweiten Tag, damit ich etwas Abwechslung habe. Sophia streitet viel mit ihrem Freund, so dass ich mich nach dem Essen h"aufig zur"uckziehe. Mein Bauch w"achst stetig, und ich bin richtig stolz.
Nun lebe ich schon eine Woche hier, und mein Mann ist kein einziges Mal gekommen, was mich traurig stimmt. Daf"ur habe ich James mit anderen Burschen im Dorf getroffen. Ab und zu bringt Sali, der Freund von Sophia, Kollegen mit zum Essen, und dann spielen wir Karten. Dies ist immer sehr vergn"uglich.
Wieder einmal sitzen wir zu viert in der Wohnung und spielen. Die T"ur ist meistens offen, damit wir mehr Licht haben. Pl"otzlich steht mein Mann mit seinen Speeren im T"urrahmen. Noch bevor ich ihn begr"ussen kann, fragt er, wer der andere Mann sei.
Alle lachen, nur ich nicht. Sophia winkt ihn herein, doch er bleibt am T"urrahmen stehen und fragt mich scharf: „Corinne, is this your boyfriend?“
Ich sch"ame mich fast zu Tode f"ur sein Benehmen. Sophia versucht die Situation zu lockern, doch mein Mann dreht sich um und verl"asst das Haus. Langsam erwache ich aus meiner Starrheit und werde richtig w"utend. Ich sitze hier im neunten Monat, sehe meinen Mann nach zweieinhalb Wochen endlich wieder, und er unterstellt mir einen Liebhaber!