Die weisse Massai
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Der Inder nebenan versteht die Welt nicht mehr, als alle Touristen bei ihm vorbeilaufen und zu uns in den Shop kommen.
Heute, am zweiten Tag, haben wir schon gut verkauft. Allerdings ist es manchmal schwierig mit Napirai, falls sie nicht gerade schl"aft. Ich habe f"ur sie eine kleine Matratze unter den T-Shirt-St"ander gelegt, wo sie ruhig schlafen kann. Da ich aber immer noch stil e, kommt es vor, dass gerade dann Touristen erscheinen, mit denen ich mich besch"aftigen muss. Die Unterbrechung gef"allt ihr gar nicht, und sie macht sich lautstark bemerkbar. So beschliessen wir, ein Kinderm"adchen zu engagieren, das t"aglich im Shop ist. Lketinga findet eine junge Frau, ungef"ahr sechzehnj"ahrig, die die Ehefrau eines Massai ist. Sie gef"allt mir auf Anhieb, da sie in traditionellen Massai-Kleidern und sch"on geschm"uckt erscheint. Sie passt zu Napirai und zu unserem Massai-Shop. T"aglich nehmen wir sie im Wagen mit und laden sie abends bei ihrem Mann zu Hause ab.
Nun ist unser Gesch"aft schon eine Woche ge"offnet, und der Umsatz steigt von Tag zu Tag. Doch damit wird es notwendig, Nachschub in Mombasa zu organisieren.
Dabei stellt sich ein neues Problem. Lketinga kann nicht den ganzen Tag al ein verkaufen, weil manchmal bis zu zehn Personen im Laden stehen. Deshalb brauchen wir noch eine Verkaufskraft, die meinen Mann oder mich w"ahrend der Abwesenheit des anderen unterst"utzt. Es muss aber eine Person aus unserem Vil age sein, da mein Mann in etwa drei Wochen nach Hause f"ahrt, um der Beschneidungszeremonie seines Bruders James beizuwohnen. Auch ich als Familienmitglied sol te eigentlich fahren und hatte grosse M"uhe, ihm beizubringen, dass ich den Laden nicht so kurz nach der Er"offnung wieder schliessen kann. Erst als meine j"ungere Schwester Sabine genau f"ur diese Zeit ihren Besuch ank"undigt, akzeptiert er es. Ich bin heilfroh "uber ihre Nachricht, denn mich h"atten keine zehn Pferde nach Barsaloi gebracht.
Lketinga kann nun keinen Einwand mehr vorbringen und will im Gegenteil versuchen, rechtzeitig zur"uck zu sein, um sie noch vor ihrer Abreise kennenlernen zu k"onnen. Aber noch ist es nicht soweit. Erst muss eine Mithilfe im Laden gefunden werden. Ich schlage meinem Mann Priscilla vor, doch er ist sofort dagegen. Er traut ihr "uberhaupt nicht. Emp"ort erw"ahne ich, was sie al es f"ur uns getan hat. Aber er ist nicht umzustimmen. Statt dessen bringt er eines Abends einen Massai-Boy mit.
Dieser stammt aus dem Massai-Mara und hat fr"uher die Schule besucht. Folglich tr"agt er Jeans und Hemd. Es st"ort mich nicht, denn er macht einen ehrlichen Eindruck. Ich bin einverstanden, und William wird unser neuer Mitarbeiter.
Endlich kann ich Nachschub an T-Shirts und Schnitzereien organisieren, w"ahrend die beiden den Laden h"uten. Das Kinderm"adchen begleitet mich mit Napirai. Es ist anstrengend, von einem H"andler zum n"achsten zu fahren, die Ware auszusuchen und zu handeln. Gegen Mittag bin ich zur"uck. Lketinga h"angt an der Bar im Chinarestaurant und trinkt teures Bier. Wil iam steht im Laden. Ich frage nach, wie viele Leute hier waren. Leider nicht viele, nur ein Massai-Schmuck wurde verkauft.
Alle Touristen laufen oben an der Strasse vorbei. Irritiert frage ich weiter, ob denn Lketinga nicht unseren Prospekt verteilt habe. Wil iam sch"uttelt den Kopf und erkl"art, dass er fast die ganze Zeit an der Bar Bier getrunken habe. Er habe daf"ur das Stockgeld aus der Kasse genommen. Dar"uber bin ich "argerlich. Er schlendert gerade in den Shop, und ich rieche seine Bierfahne.
Nat"urlich entsteht Streit, der damit endet, dass er den Wagen nimmt und verschwindet. Ich bin entt"auscht. Jetzt haben wir einen Angestel ten und ein Kinderm"adchen, und mein Mann vers"auft das Geld.
Mit William r"aume ich die neuen Waren ein. Sobald wir Weisse sehen, springt er zur Strasse und gibt einen Prospekt ab. Fast jeden bringt er in den Laden, und als gegen halb sechs Lketinga erscheint, ist der Laden voll, und wir f"uhren angeregte Verkaufsgespr"ache. Nat"urlich werde ich nach meinem Mann gefragt und stelle ihn vor. Doch er schaut starr an den interessierten Touristen vorbei. Statt dessen will er wissen, was wir schon verkauft haben und zu welchem Preis. Sein Benehmen ist mir mehr als unangenehm.
Ein Schweizer kauft f"ur seine zwei T"ochter einiges an Schmuck und eine geschnitzte Maske. Ein gutes Gesch"aft! Bevor er geht, fragt er uns, ob er ein Foto von meinem Mann und mir mit Napirai machen darf. Nat"urlich bin ich einverstanden, weil er sehr viel Geld bei uns ausgegeben hat. Mein Mann jedoch erkl"art, nur gegen Bezahlung d"urfe er uns fotografieren. Der nette Schweizer ist irritiert, und ich bin besch"amt. Er macht zwei Bilder und gibt Lketinga tats"achlich 10 Schil inge. Als er ausser H"orweite ist, versuche ich Lketinga klarzumachen, warum man bei Kunden f"ur Fotos nichts verlangen darf. Er kapiert es nicht, sondern wirft mir vor, immer, wenn er Geld verdienen wolle, h"atte ich etwas einzuwenden. Jeder Massai verlange Geld f"ur Bilder, warum solle er nichts bekommen. Seine Augen funkeln mich b"ose an. M"ude erwidere ich, dass die anderen aber keinen Shop haben wie wir.
Als neue Kundschaft erscheint, reisse ich mich zusammen und bem"uhe mich, zuvorkommend zu sein. Misstrauisch beobachtet mein Mann die Kunden, und kaum fasst einer die Ware an, besteht er darauf, dass sie auch gekauft wird. Geschickt versucht William mit seiner ruhigen Art, die Kunden von Lketinga wegzulocken, um die Situation zu retten.
Zehn Tage nach der Er"offnung haben wir bereits die Ladenmiete hereingeholt. Ich bin stolz auf mich und William. Die meisten Touristen bringen am n"achsten Tag neue Leute aus ihrem Hotel mit, und so spricht sich unser Laden herum, weil auch die Preise niedriger sind als in den Hotelboutiquen. Alle drei bis vier Tage muss ich nach Mombasa, um Nachschub zu organisieren.
Da viel nach Goldschmuck gefragt wird, suche ich eine geeignete Vitrine. Es ist nicht so einfach, doch zu guter Letzt finde ich eine Werkstatt, die sie nach Mass anfertigt. Eine Woche sp"ater kann ich sie abholen. F"ur diesen Zweck nehme ich alle Wolldecken mit und parke direkt vor der Werkstatt. Vier M"anner bringen die schwere Glasvitrine zum Wagen. Meine Wolldecken sind in den zehn Minuten gestohlen worden, obwohl ich den Wagen verschlossen hatte. Auf der Fahrerseite ist das Schloss aufgebrochen. Der Ladenbesitzer leiht mir alte S"acke und Kartons, damit ich wenigstens den Wagenboden etwas polstern kann. Der Verlust meiner Schweizer Decken "argert mich sehr. Auch Lketinga wird betr"ubt sein, dass seine rote Decke verschwunden ist. Entt"auscht fahre ich zur"uck zur S"udk"uste.
Im Laden ist nur Wil iam, der mir vergn"ugt entgegenkommt und erz"ahlt, er habe f"ur 800 Schillinge Ware verkauft. Ich freue mich mit ihm. Da wir die Vitrine nicht ausladen k"onnen, geht er zum Strand, um Freunde zu suchen, die uns helfen. Nach einer halben Stunde erscheint er mit drei Massai, die vorsichtig die schwere Vitrine ausladen und aufstellen. Zum Dank gebe ich al en ein Soda und jedem 10 Schillinge.
Ich r"aume die Vitrine mit Modeschmuck ein, w"ahrend die anderen vor dem Shop zusammen mit dem Kinderm"adchen und Napirai ihre Sodas trinken.
Wie immer, wenn eine Arbeit getan ist, erscheint auch mein Mann. In seiner Begleitung ist der Ehemann unseres Kinderm"adchens. B"ose herrscht er seine junge Frau an, und ich sehe die fremden Massai abziehen. Erschrocken frage ich, was los ist, und erfahre von William, der Ehemann wolle nicht, dass seine Frau mit anderen M"annern zusammensitzt. Wenn er sie nochmals erwischt, darf sie nicht mehr hier arbeiten. Leider darf ich mich nicht einmischen und muss froh sein, dass nicht auch Lketinga zu schimpfen beginnt. "Uber den Ehemann des M"adchens bin ich entsetzt, und sie tut mir leid, denn sie steht mit gesenktem Kopf etwas abseits.
Gott sei Dank kommen Kunden, und Wil iam st"urzt sich mit Eifer auf sie. Nachdem ich aus dem Gespr"ach h"ore, dass es Schweizer sind, spreche ich sie an. Sie sind aus Biel. Neugierig m"ochte ich etwas aus meiner Heimatstadt erfahren. Wir unterhalten uns, und nach einer Weile wollen sie mich auf ein Bier an der China-Bar einladen.
Ich frage Lketinga, ob er einverstanden ist. „Why not, Corinne, no problem, if you know these people“,
erkl"art er grossz"ugig. Nat"urlich kenne ich das P"archen nicht, das etwa in meinem Alter ist und vielleicht ehemalige Freunde von mir kennt.