Die weisse Massai
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Wir bleiben eine Stunde an der Bar, ehe wir uns verabschieden. Kaum bin ich zur"uck, f"angt die Fragerei wieder an. Woher ich diese Leute kenne? Warum ich mit dem Mann soviel gelacht habe? Ob er ein Freund von Marco sei oder gar einmal mein Freund war? Fragen "uber Fragen und immer: „Corinne, you can tell me. I know, no problem, now this man has another lady. Please tell me, before you come to Kenya, maybe you sleep with him?“
Ich kann es nicht mehr h"oren und halte mir die Ohren zu, w"ahrend mir die Tr"anen "uber das Gesicht rol en. Vor Wut k"onnte ich ihn nur noch anschreien.
Endlich ist Feierabend, und wir gehen nach Hause. Nat"urlich hat Wil iam al es mitangeh"ort und es Priscil a erz"ahlt. Jedenfalls kommt sie zu uns und fragt, ob wir Probleme haben. Ich kann es nicht f"ur mich behalten und berichte ihr von dem Vorfall. Sie versucht, Lketinga ins Gewissen zu reden, und ich gehe mit Napirai schlafen. In zwei Wochen kommt meine Schwester und, wenn ich Gl"uck habe, ist mein Mann nicht mehr hier. Die Streitereien nehmen zu, und von den guten Vors"atzen nach dem Besuch meines Bruders ist nichts mehr zu sp"uren.
Jeden Morgen stehe ich um sieben auf, um bis neun Uhr im Gesch"aft zu sein. Nun kommen fast t"aglich Vertreter, die Schnitzereien oder Goldschmuck anbieten. Diese Art von Nachschubbeschaffung ist eine grosse Erleichterung. Ich kann sie jedoch nur nutzen, wenn Lketinga nicht im Laden ist, denn er benimmt sich unm"oglich. Jeder Vertreter spricht zuerst mich an, und das ertr"agt mein Mann "uberhaupt nicht. Er schickt sie fort und meint, sie sollen wiederkommen, wenn sie wissen, wem das Gesch"aft geh"ort, schliesslich sei hier Sidais-Massai-Shop angeschrieben.
William hingegen ist eine echte Hilfe. Er schleicht sich davon und sagt den Vertretern, sie sollten wiederkommen, wenn mein Mann nachmittags in Ukunda ist.
So verstreicht noch eine ganze Woche, bis er endlich nach Hause f"ahrt. Er wil in drei Wochen zur"uck sein, so dass er Sabine w"ahrend ihrer letzten Ferienwoche kennenlernen kann.
Jeden Tag fahren William und ich zusammen ins Gesch"aft. Das Kinderm"adchen ist meistens schon da, oder wir treffen sie auf dem Weg zum Shop. Mittlerweile kommen bereits morgens mehrere Touristen. Oft sind es Italiener, Amerikaner, Engl"ander oder Deutsche. Es gef"al t mir gut, mich mit allen so unbek"ummert unterhalten zu k"onnen. Wil iam springt ohne Aufforderung zur Strasse, und dieses Locken funktioniert immer besser. Es gibt Tage, an denen wir unter anderem bis zu drei Goldkettchen mit dem Keniawappen verkaufen. Ein H"andler besucht uns w"ochentlich zweimal, so dass ich auch Kundenw"unsche weitergeben kann.
Mittags schliessen wir regelm"assig f"ur eineinhalb Stunden und gehen zu Sophia.
Sorglos kann ich nun bei ihr Spaghetti und Salat essen. Ihr Restaurant ist seit kurzem er"offnet, obwohl sie selbst immer noch nicht arbeiten darf. Sie freut sich jedesmal, wenn unsere M"adchen zusammen spielen. Nat"urlich bezahle ich auch das Essen von William, weil es fast die H"alfte seines Monatsgehaltes ausmacht. Als er das zum ersten Mal bemerkt, wil er nicht mehr mitkommen. Aber ohne ihn k"onnte ich mit Napirai nicht hinfahren. Da er so eifrig arbeitet, lade ich ihn gerne ein.
Das Kinderm"adchen geht zum Essen t"aglich nach Hause. Inzwischen nehme ich so viel ein, dass ich jeden Mittag Geld zur Bank bringen muss. Autoprobleme gibt es auch keine mehr. Einmal die Woche fahre ich nach Mombasa und kaufe ein, den Rest beziehe ich von fahrenden H"andlern. Ich f"uhle mich wohl als Gesch"aftsfrau. Es sind die ersten harmonischen Tage im Shop.
In der zweiten Augustwoche trifft Sabine im Africa-Sea-Lodge ein. Am Tag ihrer Ankunft gehe ich mit Priscilla und Napirai zum Hotel, w"ahrend Wil iam den Laden versorgt. Die Wiedersehensfreude ist gross. Es sind ihre ersten Ferien auf einem anderen Kontinent. Leider habe ich nicht viel Zeit, da ich bald wieder im Gesch"aft sein m"ochte. Sie liegt sowieso erst mal den ganzen Tag in der Sonne. Am Abend nach Gesch"aftsschluss verabreden wir uns an der Hotelbar. Ich nehme sie gleich mit zu uns ins Vil age, und auch sie wundert sich, wie wir hausen, obwohl es ihr gef"allt.
Nebenan sind einige Krieger zu Hause. Neugierig fragen sie, wer dieses M"adchen ist, und es dauert nicht lange, bis jeder um meine Schwester buhlt. Auch sie scheint von ihnen fasziniert zu sein. Ich warne sie mit guten Ratschl"agen und erz"ahle von meiner Misere mit Lketinga. Sie kann sich das nicht so recht vorstel en und ist entt"auscht, dass er nicht da ist.
Sie will zur"uck ins Hotel, weil es Abendessen gibt. Ich fahre sie mit dem Wagen hin, und einige Krieger nutzen ebenfal s die Fahrgelegenheit. Vor dem Hotel lade ich alle aus und verabrede mich mit Sabine f"ur morgen abend an der Bar. W"ahrend ich losfahre, unterh"alt sie sich noch mit den Massai. Ich gehe zu Priscil a, um mit ihr zu essen. Jetzt, wo Lketinga nicht da ist, wechseln wir uns mit dem Kochen ab. Sabine erscheint am n"achsten Nachmittag "uberraschend mit Edy im Gesch"aft. Sie haben sich gestern in der Bush-Baby-Disco kennengelernt. Sie ist erst achtzehn und will das Nachtleben geniessen. Mir schwant nichts Gutes beim Anblick der beiden, obwohl ich Edy gut leiden kann. Die meiste Zeit h"angen sie am Pool herum, der zur Anlage geh"ort.
Ich arbeite im Shop und sehe meine Schwester selten, sie ist mit Edy viel unterwegs. Ab und zu treffe ich sie in unserem Vil age zum Chai. Nat"urlich will sie mit mir in die Disco, doch wegen Napirai geht das nicht. Ausserdem g"abe es grosse Probleme, wenn Lketinga wieder erscheint. Meine Schwester kann mich nicht verstehen, weil ich immer ein so selbst"andiger Mensch war. Aber sie hat ja meinen Mann noch nicht kennengelernt.
Bittere Entt"auschung
Acht Tage sp"ater ist es soweit. William und ich sind im Laden. Es ist dr"uckend heiss, und deshalb ist nicht viel los. Dennoch k"onnen wir zufrieden sein mit unserem Umsatz, von dem Sophia im Moment nur tr"aumen kann. Ich sitze auf der Eingangsstufe zum Shop, und Napirai trinkt trotz ihrer dreizehn Monate zufrieden an meiner Brust, als pl"otzlich ein grosser Mann hinter dem Inderladen hervortritt und auf uns zukommt.
Ein paar Sekunden brauche ich, bevor ich Lketinga erkenne. Ich warte auf ein freudiges Gef"uhl in mir, aber ich bleibe wie erstarrt. Sein Anblick verwirrt mich. Seine langen, roten Haare hat er kurz geschoren, einiges vom Kopfschmuck fehlt. Dies k"onnte ich noch akzeptieren, doch seine Kleidung sieht l"acherlich aus. Er tr"agt ein altmodisches Hemd und dunkelrote Jeans, die viel zu eng und zu kurz sind. Seine F"usse stecken in billigen Plastikhalbschuhen, und sein sonst schwebender Gang wirkt h"olzern und steif. „Corinne, why you not tel me hello? You are not happy I’m here?“
Erst jetzt wird mir bewusst, wie ich ihn angestarrt haben muss. Um Fassung zu gewinnen, nehme ich Napirai und zeige ihr den Papa. Freudig nimmt er sie entgegen. Auch sie scheint verunsichert zu sein, denn sie will sofort runter und zu mir zur"uck.
Er betritt den Shop und untersucht alles. Bei den neuen Massai-G"urteln wil er wissen, von wem ich sie habe. „Von Priscilla“, ist meine Antwort. Er r"aumt sie weg und will sie ihr sp"ater zur"uckgeben, von ihr will er nichts in Kommission verkaufen.
Mein "Arger w"achst und augenblicklich bekomme ich Magenkr"ampfe. Corinne, where is your sister?“ „I don't know. Maybe in the hotel“, antworte ich kurz. Er verlangt den Autoschl"ussel und wil sie besuchen, obwohl er nicht einmal weiss, wie sie aussieht.
Eine Stunde sp"ater ist er zur"uck, er hat sie nat"urlich nicht gefunden. Statt dessen hat er in Ukunda Miraa gekauft. Er setzt sich vor den Eingang und beginnt zu kauen.
Nach kurzer Zeit liegen "uberall Bl"atter und abgenagte Stengel herum. Ich schlage ihm vor, woanders sein Kraut zu essen, was er so interpretiert, dass ich ihn loswerden wil. Wil iam fragt er gr"undlich aus.