Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen
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„Verzeihen Sie“, sagte er dann endlich. „Ich h"atte gerne Frau… gerne noch… gesehen.“ Unbewusst, ganz ohne es zu wollen, legte ich ihm, dem Fremden, meinen Arm um die Schulter, f"uhrte ihn, wie man einen Kranken f"uhrt. Er sah mich erstaunt an mit einem unendlich warmen und dankbaren Blick… irgendein Verstehen unserer Gemeinschaft war schon in dieser Sekunde zwischen uns beiden… Wir gingen zu der Toten… Sie lag da, weiss, in den weissen Linnen – ich sp"urte, dass meine N"ahe ihn noch bedr"uckte… so trat ich zur"uck, um ihn allein zu lassen mit ihr. Er ging langsam n"aher mit… er ging so wie… wie einer, der gegen einen ungeheuren Sturm geht… Und pl"otzlich brach er vor dem Bett in die Knie… genau so, wie ich hingebrochen war.
Ich sprang sofort vor, hob ihn empor und f"uhrte ihn zu einem Sessel. Er sch"amte sich nicht mehr, sondern schluchzte seine Qual heraus. Ich vermochte nichts zu sagen – nur mit der Hand strich ich ihm unbewusst "uber sein blondes, kindlich weiches Haar. Er griff nach meiner Hand… ganz lind und doch "angstlich… und mit einem Mal f"uhlte ich seinen Blick an mir h"angen…
„Sagen Sie mir die Wahrheit, Doktor“, stammelte er, „hat sie selbst Hand an sich gelegt [272] ?“
272
Hand an sich legen – наложить на себя руки
„Nein“, sagte ich. „Und ist… ich meine… ist irgend… irgendjemand schuld an ihrem Tode?“ „Nein“, sagte ich wieder, obwohl ich wollte entgegenschreien: „Ich! Ich! Ich!.. Und du!.. Wir beide! Und ihr Trotz, ihr unseliger Trotz!“ Aber ich hielt mich zur"uck. Ich wiederholte noch einmal: „Nein… niemand hat schuld daran… es war ein Verh"angnis [273] !“
„Ich kann es nicht glauben“, st"ohnte er, „ich kann es nicht glauben. Sie war noch vorgestern auf dem Balle, sie l"achelte, sie winkte mir zu. Wie ist das m"oglich, wie konnte das geschehen?“
273
Verh"angnis, n – судьба
Ich erz"ahlte eine lange L"uge. Auch ihm verriet ich ihr Geheimnis nicht. Wie zwei Br"uder sprachen wir zusammen alle diese Tage… und das wir einander nicht anvertrauten, aber wir sp"urten einer vom andern, dass unser ganzes Leben an dieser Frau hing… Nie hat er erfahren, dass sie ein Kind von ihm trug… dass ich das Kind, sein Kind, h"atte t"oten sollen, und dass sie es mit sich selbst in den Abgrund gerissen. Und doch sprachen wir nur von ihr in diesen Tagen, w"ahrend derer ich mich bei ihm verbarg… denn – das hatte ich vergessen, Ihnen zu sagen – man suchte nach mir…
Ihr Mann war gekommen, als der Sarg schon geschlossen war… er wollte den Befund [274] nicht glauben… und er suchte mich. Aber ich konnte es nicht ertragen, ihn zu sehen, ihn, von dem ich wusste, dass sie unter ihm gelitten [275] … Vier Tage ging ich nicht aus dem Hause, gingen wir beide nicht aus der Wohnung… ihr Geliebter hatte mir unter einem falschen Namen einen Schiffsplatz genommen, damit ich fl"uchten k"onne… wie ein Dieb bin ich nachts auf das Deck geschlichen, dass niemand mich erkennt… Alles habe ich zur"uckgelassen, was ich besitze… und die Herren von der Regierung haben mich wohl schon gestrichen, weil ich ohne Urlaub meinen Posten verliess… Aber ich konnte nicht leben mehr in diesem Haus, in dieser Stadt… in dieser Welt, wo alles mich an sie erinnert… wie ein Dieb bin ich geflohen in der Nacht… nur sie zu vergessen…Aber… wie ich an Bord kam… nachts… mitternachts… mein Freund war mit mir… da… da… zogen sie gerade am Kran etwas herauf… rechteckig [276] , schwarz… ihren Sarg… h"oren Sie: ihren Sarg… sie hat mich hierher verfolgt, wie ich sie verfolgte… und ich musste dabeistehen, mich fremd stellen, denn er, ihr Mann, war mit… er begleitet ihn nach England… vielleicht will er dort eine Autopsie [277] machen lassen….. jetzt geh"ort sie wieder ihm… nicht uns mehr, uns… uns beiden… Aber ich bin noch da… ich gehe mit bis zur letzten Stunde… er wird, er darf es nie erfahren… ihr Geheimnis geh"ort mir, nur mir allein… Verstehen Sie jetzt… verstehen Sie jetzt… warum ich die Menschen nicht sehen kann… ihr Gel"achter nicht h"oren… wenn sie flirten und sich paaren… denn da drunten… drunten im Lagerraum steht der Sarg verstaut…
274
Befund, m – результат экспертизы
275
leiden – страдать
276
rechteckig – прямоугольный
277
Autopsie, f – вскрытие
Ich kann nicht hin, der Raum ist versperrt… aber ich weiss es mit allen meinen Sinnen, weiss es in jeder Sekunde… auch wenn sie hier Walzer spielen und Tango… diese Tote, ich sp"ure sie, und ich weiss, was sie von mir will… ich weiss es, ich habe noch eine Pflicht… ich bin noch nicht zu Ende… noch ist ihr Geheimnis nicht gerettet… sie gibt mich noch nicht frei…“
Vom Mittelschiff [278] kamen schlurfende [279] Schritte: Matrosen begannen das Deck zu scheuern [280] . Er stand auf und murmelte: „Ich gehe schon… ich gehe schon.“ Es war eine Qual, ihn anzuschauen: seinen verw"usteten [281] Blick, die gedunsenen Augen, rot von Trinken oder Tr"anen. Ich sp"urte aus seinem Wesen Scham, unendliche Scham, sich verraten zu haben an mich, an diese Nacht. Unwillk"urlich sagte ich: „Darf ich vielleicht nachmittags zu Ihnen in die Kabine kommen…“
278
Mittelschiff – средняя палуба
279
schlurfen – шаркать
280
scheuern – чистить
281
verw"usten – опустошать
Er sah mich an – ein harter, zynischer Zug zerrte an seinen Lippen, etwas B"oses stiess und verkr"ummte jedes Wort.
„Aha… Ihre famose Pflicht, zu helfen… aha… Mit der Maxime haben Sie mich ja gl"ucklich zum Schwatzen [282] gebracht. Aber nein, mein Herr, ich danke. Glauben Sie ja nicht, dass mir jetzt leichter sei. Mein verpfuschtes [283] Leben kann mir keiner mehr zusammenflicken… ich habe eben umsonst der holl"andischen Regierung gedient… die Pension ist futsch [284] , ich komme als armer Hund nach Europa zur"uck… ein Hund, der hinter einem Sarg herwinselt [285] … man l"auft nicht lange ungestraft Amok, am Ende schl"agts einen doch nieder, und ich hoffe, ich bin bald am Ende… Nein, danke, mein Herr, f"ur Ihren g"utigen Besuch… ich habe schon in der Kabine meine Gef"ahrten [286] … ein paar gute alte Flaschen Whisky, die tr"osten mich manchmal, und dann meinen Freund von damals, an den ich mich leider nicht rechtzeitig gewandt habe, meinen braven Browning… Bitte, bem"uhen Sie sich nicht… das einzige Menschenrecht, das einem bleibt, ist doch: zu krepieren [287] wie man will… und dabei ungeschoren zu bleiben von fremder Hilfe.“
282
Schwatz, m – болтовня
283
verpfuschen – портить
284
futsch sein – пропасть
285
winseln – скулить
286
Gef"ahrte, m – попутчик
287
krepieren – околеть
Er sah mich noch einmal h"ohnisch [288] … ja herausfordernd an, aber ich sp"urte: es war nur Scham, grenzenlose Scham. Dann duckte er die Schultern, wandte sich um, ohne zu gr"ussen, und ging merkw"urdig schief "uber das schon helle Verdeck den Kabinen zu. Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Vergebens [289] suchte ich ihn nachts und die n"achste Nacht an der gewohnten Stelle. Er blieb verschwunden, und ich h"atte an einen Traum geglaubt oder an eine phantastische Erscheinung, w"are mir nicht inzwischen unter den Passagieren ein anderer aufgefallen, mit einem Trauerflor um den Arm, ein holl"andischer Grosskaufmann, der eben seine Frau an einer Tropenkrankheit verloren hatte. Ich bog immer zur Seite, wenn er vor"uberkam, um nicht mit einem Blick zu verraten, dass ich mehr von seinem Schicksal wusste als er selbst.
288
h"ohnisch – насмешливый
289
vergebens – напрасно
Im Hafen von Neapel ereignete sich dann jener merkw"urdige Unfall, dessen Deutung ich in der Erz"ahlung des Fremden zu finden glaube. Die meisten Passagiere waren abends von Bord gegangen, ich selbst in die Oper und dann noch in eines der hellen Caf'es an der Via Roma. Als wir mit einem Ruderboot [290] zu dem Dampfer zur"uckkehrten, fiel mir schon auf, dass einige Boote mit Fackeln und Azetylen Lampen das Schiff suchend umkreisten, und oben am dunklen Bord war ein geheimnisvolles Gehen und Kommen von Gendarmerie. Ich fragte einen Matrosen, was geschehen sei. Er wich in einer Weise aus, die sofort zeigte, dass Auftrag zum Schweigen gegeben sei, und auch am n"achsten Tage war nichts an Bord zu erfahren.
290
Ruderboot, n – шлюпка
Erst in den italienischen Zeitungen las ich dann romantisch ausgeschm"uckt, von jenem angeblichen Unfall im Hafen von Neapel. In jener Nacht sollte der Sarg einer vornehmen Dame aus den holl"andischen Kolonien von Bord des Schiffes auf ein Boot gebracht werden, und man liess ihn eben in Gegenwart [291] des Gatten die Strickleiter [292] herab, als irgendetwas Schweres vom hohen Bord niederst"urzte und den Sarg mit den Tr"agern und dem Gatten mit sich in die Tiefe riss. Eine Zeitung behauptete, es sei ein Irrsinniger gewesen, der sich die Treppe hinab auf die Strickleiter gest"urzt habe, eine andere besch"onigte [293] , die Leiter sei von selbst unter dem "ubergrossen Gewicht gerissen: jedenfalls schien die Schifffahrtsgesellschaft alles getan zu haben, um den genauen Sachverhalt zu verschleiern [294] . Man rettete nicht ohne M"uhe die Tr"ager und den Gatten der Verstorbenen mit Booten aus dem Wasser, der Bleisarg aber ging sofort in die Tiefe und konnte nicht mehr geborgen werden.
291
Gegenwart, f – присутствие
292
Strickleiter, f – верёвочная лестница
293
besch"onigen – скрашивать
294
verschleiern – скрывать
Dass gleichzeitig in einer andern Notiz kurz erw"ahnt wurde, es sei die Leiche eines etwa vierzigj"ahrigen Mannes im Hafen angeschwemmt [295] worden, schien f"ur die "Offentlichkeit in keinem Zusammenhang mit dem romantisch reportierten Unfall zu stehen; mir aber war, kaum dass ich die fl"uchtige Zeile gelesen, als starre pl"otzlich hinter dem papierenen Blatt das mondweisse Antlitz mit den glitzernden Brillengl"asern mir noch einmal gespenstisch [296] entgegen.
295
anschwemmen – приносить течением
296
gespenstisch – призрачный