Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen
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Herausforderung Czentovics anzunehmen, war er sichtlich verbl"ufft [337] . Es erwies sich, dass er keine Ahnung gehabt hatte, bei jener Partie einen Weltmeister, und gar den zurzeit erfolgreichsten, ruhmreich bestanden zu haben. Aus irgendeinem Grunde schien diese Mitteilung auf ihn besonderen Eindruck zu machen, denn er erkundigte sich immer und immer wieder von neuem, ob ich dessen gewiss sei, dass sein Gegner tats"achlich ein anerkannter Weltmeister gewesen. Ich merkte bald, dass dieser Umstand meinen Auftrag erleichterte. Nach l"angerem Z"ogern erkl"arte sich Dr. B. schliesslich zu einem Match bereit, doch nicht ohne ausdr"ucklich gebeten zu haben, die anderen Herren nochmals zu warnen, sie m"ochten keineswegs auf sein K"onnen "ubertriebene Hoffnungen setzen. „Denn“, f"ugte er mit einem versonnenen L"acheln hinzu, „ich weiss wahrhaftig nicht, ob ich f"ahig bin, eine Schachpartie nach allen Regeln richtig zu spielen. Bitte glauben Sie mir, dass es keineswegs falsche Bescheidenheit war, wenn ich sagte, dass ich seit meiner Gymnasialzeit, also seit mehr als zwanzig Jahren, keine Schachfigur mehr ber"uhrt habe. Und selbst zu jener Zeit galt ich bloss als Spieler ohne sonderliche Begabung.“
337
verbl"uffen – озадачивать, ошеломлять
Er sagte dies in einer so nat"urlichen Weise, dass ich nicht den leisesten Zweifel an seiner Aufrichtigkeit hegen durfte. Dennoch konnte ich nicht umhin, meiner Verwunderung Ausdruck zu geben, wie genau er an jede einzelne Kombination der verschiedensten Meister sich erinnern k"onne; immerhin m"usse er sich doch wenigstens theoretisch mit Schach viel besch"aftigt haben. Dr. B. l"achelte abermals in jener merkw"urdig traumhaften Art.
„Viel besch"aftigt! – Weiss Gott, das kann man wohl sagen, dass ich mich mit Schach viel besch"aftigt habe. Aber das geschah unter ganz besonderen, ja v"ollig einmaligen Umst"anden. Es war dies eine ziemlich komplizierte Geschichte, und sie k"onnte allenfalls als kleiner Beitrag gelten zu unserer lieblichen grossen Zeit. Wenn Sie eine halbe Stunde Geduld haben…“
Er hatte auf den Deckchair neben sich gedeutet. Gerne folgte ich seiner Einladung. Wir waren ohne Nachbarn. Dr. B. nahm die Lesebrille von den Augen, legte sie zur Seite und begann:
„Sie waren so freundlich, dass Sie sich als Wiener des Namens meiner Familie erinnerten. Aber ich vermute, Sie werden kaum von der Rechtsanwaltskanzlei geh"ort haben, die ich gemeinsam mit meinem Vater und sp"aterhin allein leitete, denn wir f"uhrten keine Causen, die publizistisch in der Zeitung abgehandelt wurden, und vermieden aus Prinzip neue Klienten.
In Wirklichkeit hatten wir eigentlich gar keine richtige Anwaltspraxis mehr, sondern beschr"ankten uns ausschliesslich auf die Rechtsberatung und vor allem Verm"ogensverwaltung der grossen Kl"oster. Ausserdem war uns die Verwaltung der Fonds einiger Mitglieder der kaiserlichen Familie anvertraut.
Diese Verbindung zum Hof und zum Klerus – mein Onkel war Leibarzt des Kaisers, ein anderer Abt in Seitenstetten – reichten schon zwei Generationen zur"uck; wir hatten sie nur zu erhalten, und es war eine stille lautlose T"atigkeit, die uns durch dies ererbte Vertrauen zugeteilt war, eigentlich nicht viel mehr erfordernd als strengste Diskretion und Verl"asslichkeit, zwei Eigenschaften, die mein verstorbener Vater im h"ochsten Masse besass; ihm ist es tats"achlich gelungen seinen Klienten betr"achtliche Verm"ogenswerte zu erhalten. Als dann Hitler in Deutschland ans Ruder kam und gegen den Besitz der Kirche und der Kl"oster seine Raubz"uge [338] begann, gingen auch von jenseits der Grenze mancherlei Verhandlungen und Transaktionen, um wenigstens den mobilen Besitz vor Beschlagnahme [339] zu retten, durch unsere H"ande, und von gewissen geheimen politischen Verhandlungen der Kurie und des Kaiserhauses wussten wir beide mehr, als die "Offentlichkeit je erfahren wird.
338
Raubzug, m – разбойничий набег
339
Beschlagnahme, f – конфискация, арест имущества
Nun hatten die Nationalsozialisten, l"angst ehe sie ihre Armeen gegen die Welt aufr"usteten, eine andere ebenso gef"ahrliche und geschulte Armee in allen Nachbarl"andern zu organisieren begonnen. Selbst in unserer unscheinbaren Kanzlei hatten sie, wie ich leider erst zu sp"at erfuhr, ihren Mann. Die Post durfte er niemals "offnen, alle wichtigen Briefe schrieb ich, ohne Kopien zu hinterlegen. Dank dieser Vorsichtsmassnahmen bekam dieser Horchposten von den wesentlichen Vorg"angen nichts zu sehen; aber durch einen ungl"ucklichen Zufall musste der ehrgeizige und eitle Bursche bemerkt haben, dass man ihm misstraute und hinter seinem R"ucken allerlei Interessantes geschah. Vielleicht hat einmal in meiner Abwesenheit einer der Kuriere unvorsichtigerweise von „Seiner Majest"at“ gesprochen, statt, wie vereinbart, vom „Baron Bern“, oder der Lump musste Briefe widerrechtlich ge"offnet haben – jedenfalls holte er sich, ehe ich Verdacht sch"opfen konnte, von M"unchen oder Berlin Auftrag, uns zu "uberwachen.
Wie genau und liebevoll die Gestapo mir l"angst ihre Aufmerksamkeit zugewandt hatte, erwies dann "ausserst handgreiflich der Umstand, dass noch am selben Abend, da Schuschnigg seine Abdankung [340] bekanntgab, und einen Tag, ehe Hitler in Wien einzog, ich bereits von SS-Leuten festgenommen war. Es war mir gl"ucklicherweise noch gelungen, die allerwichtigsten Papiere zu verbrennen und den Rest der Dokumente habe ich in einem W"aschekorb versteckt durch meine alte Haush"alterin zu meinem Onkel hin"uber.
340
Abdankung, f – отречение от престола
Dr. B. unterbrach, um sich eine Zigarre anzuz"unden.
„Sie vermuten nun wahrscheinlich, dass ich Ihnen jetzt vom Konzentrationslager erz"ahlen werde. Aber nichts dergleichen geschah. Ich kam in eine andere Kategorie. Ich wurde nicht zu ganz kleinen Gruppe zugeteilt, aus der die Nationalsozialisten entweder Geld oder wichtige Informationen herauszupressen [341] hofften. Leute meiner Kategorie, aus denen wichtiges Material oder Geld herausgepresst werden sollte, wurden deshalb nicht in Konzentrationslager abgeschoben, sondern f"ur eine besondere Behandlung aufgespart. Sie erinnern sich vielleicht, dass unser Kanzler und anderseits der Baron Rothschild, dessen Verwandten sie Millionen abzun"otigen hofften, keineswegs in ein Gefangenenlager gesetzt wurden, sondern unter scheinbarer Bevorzugung in ein Hotel, das Hotel Metropole, das zugleich Hauptquartier der Gestapo war, "ubergef"uhrt, wo jeder ein abgesondertes Zimmer erhielt. Auch mir unscheinbarem Mann wurde diese Auszeichnung erwiesen.
341
herauspressen – выжать
Ein eigenes Zimmer in einem Hotel – nicht wahr, das klingt an sich "ausserst human? Aber die Pression, mit der man uns das ben"otigte „Material“ abzwingen wollte, sollte auf subtilere Weise funktionieren als durch rohe Pr"ugel oder k"orperliche Folterung: [342] durch die denkbar raffinierteste Isolierung. Man tat uns nichts – man stellte uns nur in das vollkommene Nichts, denn bekanntlich erzeugt kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts. Man hatte mir jeden Gegenstand abgenommen, die Uhr, damit ich nicht wisse um die Zeit, den Bleistift, dass ich nicht etwa schreiben k"onne, das Messer, damit ich mir nicht die Adern "offnen [343] k"onne.
342
Folterung, f – пытка, истязание
343
die Adern "offnen – вскрыть вены
Es gab nichts zu tun, nichts zu h"oren, nichts zu sehen, "uberall und ununterbrochen war um einen das Nichts, die v"ollig raumlose und zeitlose Leere. Man wartete, wartete, man dachte, dachte, man dachte, bis einem die Schl"afen schmerzten. Nichts geschah. Man blieb allein. Allein.
Allein. Das dauerte vierzehn Tage, die ich ausserhalb der Zeit, ausserhalb der Welt lebte. W"are damals ein Krieg ausgebrochen, ich h"atte es nicht erfahren. Dann endlich begannen die Verh"ore [344] . Man wurde gerufen und durch ein paar G"ange gef"uhrt, man wusste nicht wohin; dann wartete man irgendwo und wusste nicht wo und stand pl"otzlich vor einem Tisch, um den ein paar uniformierte Leute sassen. Auf dem Tisch lag ein Stoss Papier: die Akten, von denen man nicht wusste, was sie enthielten, und dann begannen die Fragen, die echten und die falschen, die klaren und die t"uckischen, die Deckfragen und Fangfragen, und w"ahrend man antwortete, bl"atterten fremde, b"ose Finger in den Papieren, von denen man nicht wusste, was sie enthielten, und fremde, b"ose Finger schrieben etwas in ein Protokoll, und man wusste nicht, was sie schrieben. Aber das F"urchterlichste bei diesen Verh"oren f"ur mich war, dass ich nie erraten und errechnen konnte, was die Gestapoleute von den Vorg"angen in meiner Kanzlei tats"achlich wussten und was sie erst aus mir herausholen wollten. Wie ich Ihnen bereits sagte, hatte ich die eigentlich belastenden Papiere meinem Onkel in letzter Stunde durch die Haush"alterin geschickt. Aber hatte er sie erhalten? Hatte er sie nicht erhalten? Und da ich nie errechnen konnte, wieviel sie schon ausgekundschaftet [345] hatten, wurde jede Antwort zur ungeheuersten Verantwortung. Aber das Verh"or war noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war das Zur"uckkommen nach dem Verh"or in mein Nichts. Denn kaum allein mit mir, versuchte ich zu rekonstruieren, was ich am kl"ugsten h"atte antworten sollen und was ich das n"achste Mal sagen m"usste. Im Konzentrationslager h"atte man vielleicht Steine karren m"ussen, bis einem die H"ande bluteten und die F"usse in den Schuhen abfroren. Aber man h"atte Gesichter gesehen, man h"atte ein Feld, irgendetwas anstarren k"onnen, indes hier immer dasselbe, das entsetzliche Dasselbe. Hier war nichts, was mich ablenken konnte von meinen Gedanken. Und gerade das beabsichtigten sie – ich sollte doch w"urgen [346] und w"urgen an meinen Gedanken, bis sie mich erstickten und ich nicht anders konnte, als sie schliesslich auszusagen, alles auszusagen, was sie wollten, endlich das Material und die Menschen auszuliefern. Um mich zu besch"aftigen, versuchte ich alles, was ich jemals auswendig gelernt. Dann versuchte ich zu rechnen, beliebige Zahlen zu addieren, zu dividieren, aber mein Ged"achtnis hatte im Leeren keine festhaltende Kraft. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Immer fuhr und flackerte derselbe Gedanke dazwischen: Was wissen sie? Was habe ich gestern gesagt, was muss ich das n"achste Mal sagen?
344
Verh"ore, n – допрос
345
auskundschaften – тайно выведывать (разведывать)
346
w"urgen – задохнуться, давить
Dieser eigentlich unbeschreibbare Zustand dauerte vier Monate. Nun – vier Monate, das schreibt sich leicht hin: nicht mehr als ein Buchstabe! Das spricht sich leicht aus: vier Monate – vier Silben. In einer Viertelstunde hat die Lippe rasch so einen Laut artikuliert: vier Monate! An kleinen Zeichen wurde ich beunruhigt gewahr, dass mein Gehirn in Unordnung geriet. Im Anfang war ich bei den Vernehmungen noch innerlich klar gewesen, ich hatte ruhig und "uberlegt ausgesagt; jenes Doppeldenken, was ich sagen sollte und was nicht, hatte noch funktioniert. Jetzt k"onne ich schon die einfachsten S"atze nur mehr stammelnd artikulieren. Ich sp"urte, meine Kraft liess nach, ich sp"urte, immer n"aher r"uckte der Augenblick, in dem ich, um mich zu retten, alles sagen w"urde, was ich wusste und vielleicht noch mehr, in dem ich, um dem W"urgen [347] dieses Nichts zu entkommen, zw"olf Menschen und ihre Geheimnisse verraten w"urde, ohne mir selbst damit mehr zu schaffen als einen Atemzug Rast. An einem Abend war es wirklich schon so weit: als der W"arter zuf"allig in diesem Augenblick des Erstickens mir das Essen brachte, schrie ich ihm pl"otzlich nach: „F"uhren Sie mich zur Vernehmung! Ich will alles sagen! Ich will sagen, wo die Papiere sind, wo das Geld liegt! Alles werde ich sagen, alles!“
347
W"urgen, n – рвотное движение
Gl"ucklicherweise h"orte er mich nicht mehr. Vielleicht wollte er mich auch nicht h"oren.In dieser "aussersten Not ereignete sich nun etwas Unvorhergesehenes, was Rettung bot, Rettung zum mindesten f"ur eine gewisse Zeit. Im Vorzimmer des Untersuchungsrichters musste ich warten. Immer musste man bei jeder Vorf"uhrung warten: auch dieses Wartenlassen geh"orte zur Technik. Und man liess mich besonders lange warten an diesem Donnerstag.Die T"ur war anders gestrichen, ein anderer Sessel stand an der Wand und links ein Registerschrank mit Akten sowie eine Garderobe mit Aufh"angern, an denen drei oder vier nasse Milit"arm"antel, die M"antel meiner Folterknechte, hingen. Ich hatte also etwas Neues, zu betrachten, endlich einmal etwas anderes mit meinen ausgehungerten Augen, und sie krallten sich gierig [348] an jede Einzelheit. Pl"otzlich blieb mein Blick starr an etwas haften. Ich hatte entdeckt, dass an einem der M"antel die Seitentasche etwas aufgebauscht war. Ich trat n"aher heran und glaubte an der rechteckigen Form der Ausbuchtung zu erkennen, was diese etwas geschwellte Tasche in sich barg: ein Buch! Mir begannen die Knie zu zittern: ein BUCH! Vier Monate lang hatte ich kein Buch in der Hand gehabt, und schon die blosse Vorstellung eines Buches hatte etwas Berauschendes [349] . Schliesslich konnte ich meine Gier nicht verhalten; unwillk"urlich schob ich mich n"aher heran. Schon der Gedanke, ein Buch durch den Stoff mit den H"anden wenigstens antasten zu k"onnen, machte mir die Nerven in den Fingern bis zu den N"ageln gl"uhen. Gl"ucklicherweise achtete der W"arter nicht auf mein sonderbares Gehaben [350] . Schliesslich stand ich schon ganz nahe bei dem Mantel. Ich tastete den Stoff an und f"uhlte tats"achlich durch den Stoff etwas Rechteckiges – ein Buch! Ein Buch! Und wie ein Schuss durchzuckte mich der Gedanke: stiehl dir das Buch! Vielleicht gelingt es, und du kannst dir’s in der Zelle verstecken und dann endlich wieder einmal lesen! Aber nach der ersten Bet"aubung [351] dr"angte ich mich leise und listig noch n"aher an den Mantel, ich dr"uckte, immer dabei den W"achter fixierend, mit den hinter dem R"ucken versteckten H"anden das Buch von unten aus der Tasche h"oher und h"oher. Und dann: ein Griff, ein leichter, vorsichtiger Zug, und pl"otzlich hatte ich das kleine, nicht sehr umfangreiche Buch in der Hand. Jetzt erst erschrak ich vor meiner Tat.
348
gierig – жадный
349
berauschendes – опьяняющий, дурманящий
350
Gehaben, n – поведение, образ мыслей
351
Bet"aubung, f – состояние одурманивания