Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen
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So geschah es, dass in die illustre Galerie der Schachmeister, die in ihren Reihen die verschiedensten Typen intellektueller "Uberlegenheit vereinigt zum ersten Mal ein v"olliger Outsider der geistigen Welt einbrach, ein schwerer Bauernbursche, aus dem auch nur ein einziges publizistisch brauchbares Wort herauszulocken [316] selbst den gerissensten Journalisten nie gelang. Er ersetzte bald reichlich durch Anekdoten "uber seine Person. Trotz seines feierlichen schwarzen Anzuges, seiner pomp"osen Krawatte und seiner m"uhsam manik"urten Finger blieb er in seinen Manieren derselbe beschr"ankte Bauernjunge, der im Dorf die Stube des Pfarrers gefegt. Ungeschickt suchte er zum Gaudium [317] und zum "Arger seiner Fachkollegen aus seiner Begabung und seinem Ruhm mit einer kleinlichen und sogar oft ordin"aren Habgier [318] herauszuholen, was an Geld herauszuholen war. Er reiste von Stadt zu Stadt, immer in den billigsten Hotels wohnend, er spielte in den kl"aglichsten Vereinen, sofern man ihm sein Honorar bewilligte, er liess sich abbilden auf Seifenreklamen und verkaufte sogar, ohne auf den Spott seiner Konkurrenten zu achten, die genau wussten, dass er nicht im Stande war, drei S"atze richtig zu schreiben, seinen Namen f"ur eine „Philosophie des Schachs“, die in Wirklichkeit ein kleiner galizischer Student f"ur den gesch"aftst"uchtigen Verleger geschrieben. Wie allen z"ahen Naturen fehlte ihm jeder Sinn f"ur das L"acherliche: seit seinem Siege im Weltturnier hielt er sich f"ur den wichtigsten Mann der Welt.
316
Herauslocken – вытянуть (слова)
317
Gaudium, n – книжн. устар. забава, веселье
318
Habgier, f – жадность, алчность
„Aber wie sollte ein so rascher Ruhm [319] nicht einen so leeren Kopf beduseln?“ schloss mein Freund. „Ist es nicht eigentlich verflucht leicht, sich f"ur einen grossen Menschen zu halten, wenn man nicht mit der leisesten Ahnung belastet ist, dass ein Rembrandt, ein Beethoven, ein Dante, Stefan Zweig ein Napoleon je gelebt haben? Dieser Bursche weiss in seinem Gehirn nur das eine, dass er seit Monaten nicht eine einzige Schachpartie verloren hat, und da er eben nicht ahnt, dass es ausser Schach und Geld noch andere Werte auf unserer Erde gibt, hat er allen Grund, von sich begeistert zu sein.“
319
Ruhm, m – слава
Diese Mitteilungen meines Freundes verfehlten nicht, meine besondere Neugierde zu erregen. Alle Arten von monomanischen, in eine einzige Idee verschossenen Menschen haben mich zeitlebens angereizt. So machte ich aus meiner Absicht, dieses sonderbare Spezimen intellektueller Eingleisigkeit auf der zw"olft"agigen Fahrt bis Rio n"aher unter die Lupe zu nehmen, kein Hehl. Jedoch: „Da werden Sie wenig Gl"uck haben“, warnte mein Freund. „Soviel ich weiss, ist es noch keinem gelungen, aus Czentovic das geringste an psychologischem Material herauszuholen. Hinter all seiner Beschr"anktheit verbirgt dieser gerissene Bauer die grosse Klugheit, und zwar dank der simplen Technik, dass er ausser mit Landsleuten seiner eigenen Sph"are, jedes Gespr"ach vermeidet. Wo er einen gebildeten Menschen sp"urt, kriecht er in sein Schneckenhaus; so kann niemand sich r"uhmen [320] , je ein dummes Wort von ihm geh"ort oder die angeblich unbegrenzte Tiefe seiner Unbildung ausgemessen zu haben.“
320
r"uhmen – похвастаться
Mein Freund sollte in der Tat recht behalten. W"ahrend der ersten Tage der Reise erwies es sich als vollkommen unm"oglich, an Czentovic heranzukommen. Manchmal schritt er zwar "uber das Promenadendeck, aber dann immer die H"ande auf dem R"ucken verschr"ankt mit jener stolz in sich versenkten Haltung, wie Napoleon auf dem bekannten Bilde. Nach drei Tagen begann ich mich tats"achlich zu "argern, dass seine geschickte [321] Abwehrtechnik geschickter war als mein Wille, an ihn heranzukommen. Ich hatte in meinem Leben noch nie Gelegenheit gehabt, die pers"onliche Bekanntschaft eines Schachmeisters zu machen, und je mehr ich mich jetzt bem"uhte, mir einen solchen Typus zu personifizieren, um so unvorstellbarer schien mir eine Gehirnt"atigkeit, die ein ganzes Leben lang ausschliesslich um einen Raum von vierundsechzig schwarzen und weissen Feldern rotiert. Ich wusste wohl aus eigener Erfahrung um die geheimnisvolle Attraktion des „k"oniglichen Spiels“, dieses einzigen unter allen Spielen, die der Mensch ersonnen, das sich souver"an jeder Tyrannis des Zufalls entzieht und seine Siegespalmen einzig dem Geist oder vielmehr einer bestimmten Form geistiger Begabung [322] zuteilt.
321
geschickt – ловкий, искусный
322
geistiger Begabung – умственная одарённость
Und nun war ein solches Ph"anomen, ein solches sonderbares Genie zum ersten Mal ganz nahe. Ich begann, mir die absurdesten Listen auszudenken: etwa, ihn in seiner Eitelkeit zu kitzeln [323] , indem ich ihm ein angebliches Interview f"ur eine wichtige Zeitung vort"auschte, oder bei seiner Habgier zu packen, dadurch, dass ich ihm ein eintr"agliches Turnier in Schottland proponierte. Aber schliesslich erinnerte ich mich, dass die bew"ahrteste Technik der J"ager, den Auerhahn [324] an sich heranzulocken, darin besteht, dass sie seinen Balzschrei nachahmen; was konnte eigentlich wirksamer sein, um die Aufmerksamkeit eines Schachmeisters auf sich zu ziehen, als indem man selber Schach spielte?
323
Eitelkeit kitzeln – сыграть на тщеславии
324
Auerhahn, m – глухарь
Nun bin ich zeitlebens nie ein ernstlicher Schachk"unstler gewesen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich mich mit Schach immer bloss leichtfertig und ausschliesslich zu meinem Vergn"ugen befasste; wenn ich mich f"ur eine Stunde vor das Brett setze, geschieht dies keineswegs, um mich anzustrengen, sondern im Gegenteil, um mich von geistiger Anspannung zu entlasten. Um sie aus ihren H"ohlen herauszulocken, stellte ich im Smoking Room eine primitive Falle auf, indem ich mich mit meiner Frau, obwohl sie noch schw"acher spielt als ich, vor ein Schachbrett setzte. Und tats"achlich, wir hatten noch nicht sechs Z"uge getan, so blieb schon jemand im Vor"ubergehen stehen, ein zweiter erbat die Erlaubnis, zusehen zu d"urfen; schliesslich fand sich auch der erw"unschte Partner, der mich zu einer Partie herausforderte. Er hiess McConnor und war ein schottischer Tiefbauingenieur. Er geh"orte zu jener Sorte selbstbesessener Erfolgsmenschen, die auch im belanglosesten Spiel eine Niederlage schon als Herabsetzung ihres Pers"onlichkeitsbewusstseins empfinden. Als er die erste Partie verlor, wurde er m"urrisch [325] , bei der dritten machte er den L"arm im Nachbarraum f"ur sein Versagen verantwortlich.
325
m"urrisch – угрюмый, мрачный
Am dritten Tag gelang es und gelang doch nur halb. Sei es, dass Czentovic uns vom Promenadendeck aus durch das Bordfenster vor dem Schachbrett beobachtet oder dass er nur zuf"alligerweise den Smoking Room mit seiner Anwesenheit beehrte – jedenfalls trat er, sobald er uns Unberufene seine Kunst aus"uben sah, unwillk"urlich einen Schritt n"aher und warf aus dieser gemessenen Distanz einen pr"ufenden Blick auf unser Brett. McConnor war gerade am Zuge. Und schon dieser eine Zug schien ausreichend, um Czentovic zu belehren, wie wenig ein weiteres Verfolgen unserer dilettantischen Bem"uhungen seines meisterlichen Interesses w"urdig sei.
„Gewogen und zu leicht befunden“, dachte ich mir, ein bisschen ver"argert durch diesen k"uhlen, ver"achtlichen Blick, und um meinem Unmut irgendwie Luft zu machen [326] , "ausserte ich zu McConnor: „Ihr Zug scheint den Meister nicht sehr begeistert zu haben.“
„Welchen Meister?“
Ich erkl"arte ihm, jener Herr, der eben an uns vor"ubergegangen und mit missbilligendem Blick auf unser Spiel gesehen, sei der Schachmeister Czentovic gewesen.
Aber zu meiner "Uberraschung "ubte auf McConnor meine l"assige Mitteilung eine v"ollig unerwartete Wirkung. Er wurde sofort erregt, vergass unsere Partie, und sein Ehrgeiz begann geradezu h"orbar zu pochen. Ob ich den Schachmeister pers"onlich kenne? Ich verneinte. Ob ich ihn nicht ansprechen wolle und zu uns bitten? Ich lehnte ab mit der Begr"undung, Czentovic sei meines Wissens f"ur neue Bekanntschaften nicht sehr zug"anglich. Ausserdem, was f"ur einen Reiz sollte es einem Weltmeister bieten, mit uns drittklassigen Spielern sich abzugeben?
326
Unmut Luft zu machen – выместить раздражение
Nun, das mit den drittklassigen Spielern h"atte ich zu einem derart ehrgeizigen Manne wie McConnor lieber nicht "aussern sollen. Er lehnte sich ver"argert zur"uck und erkl"arte schroff, er f"ur seinen Teil k"onne nicht glauben, dass Czentovic die h"ofliche Aufforderung eines Gentlemans ablehnen werde, daf"ur werde er schon sorgen. Ich wartete ziemlich gespannt. Nach zehn Minuten kehrte McConnor zur"uck, nicht sehr aufger"aumt [327] , wie mir schien.
„Nun?“ fragte ich. „Sie haben recht gehabt“, antwortete er etwas ver"argert. „Kein sehr angenehmer Herr. Ich stellte mich vor, erkl"arte ihm, wer ich sei. Er reichte mir nicht einmal die Hand. Ich versuchte, ihm auseinanderzusetzen, wie stolz und geehrt wir alle an Bord sein w"urden, wenn er eine Simultanpartie gegen uns spielen wollte. Aber er hielt seinen R"ucken verflucht steif; es t"ate ihm leid, aber er habe kontraktliche Verpflichtungen gegen seinen Agenten, die ihm ausdr"ucklich untersagten, w"ahrend seiner ganzen Tournee ohne Honorar zu spielen. Sein Minimum sei zweihundertf"unfzig Dollar pro Partie.“
327
nicht sehr aufger"aumt – не в очень хорошем расположении духа
Ich lachte. „Auf diesen Gedanken w"are ich eigentlich nie geraten, dass Figuren von Schwarz auf Weiss zu schieben ein derart eintr"agliches Gesch"aft sein kann. Nun, ich hoffe, Sie haben sich ebenso h"oflich empfohlen.“
Aber McConnor blieb vollkommen ernst. „Die Partie ist f"ur morgen Nachmittag drei Uhr angesetzt. Hier im Rauchsalon. Ich hoffe, wir werden uns nicht so leicht zu Brei schlagen lassen.“
„Wie? Sie haben ihm die zweihundertf"unfzig Dollar bewilligt?“ rief ich ganz betroffen aus. „Warum nicht? Wenn ich Zahnschmerzen h"atte und es w"are zuf"allig ein Zahnarzt an Bord, w"urde ich auch nicht verlangen, dass er mir den Zahn umsonst ziehen soll. Der Mann hat ganz recht, dicke Preise zu machen.“
Am n"achsten Tage war unsere kleine Gruppe zur vereinbarten Stunde vollz"ahlig erschienen. Der Mittelplatz gegen"uber dem Meister blieb selbstverst"andlich McConnor zugeteilt, der seine Nervosit"at entlud, indem er eine schwere Zigarre nach der andern anz"undete und immer wieder unruhig auf die Uhr blickte. Aber der Weltmeister liess gute zehn Minuten auf sich warten. Er trat ruhig und gelassen auf den Tisch zu. Ohne sich vorzustellen – „Ihr wisst, wer ich bin, und wer ihr seid, interessiert mich nicht“, schien diese Unh"oflichkeit zu besagen, – begann er mit fachm"annischer [328] Trockenheit die sachlichen Anordnungen [329] . Da eine Simultanpartie hier an Bord mangels [330] verf"ugbarer Schachbretter unm"oglich sei, schlage er vor, dass wir alle gemeinsam gegen ihn spielen sollten. Nach jedem Zug werde er, um unsere Beratungen nicht zu st"oren, sich zu einem anderen Tisch am Ende des Raumes verf"ugen. Wir pflichteten selbstverst"andlich wie sch"uchterne Sch"uler jedem Vorschlage bei. Es hat wenig Sinn, "uber die Partie zu berichten. Sie endete selbstverst"andlich, wie sie enden musste: mit unserer totalen Niederlage, und zwar bereits beim vierundzwanzigsten Zuge. Dass nun ein Weltschachmeister ein halbes Dutzend mittlerer oder untermittlerer Spieler mit der linken Hand niederfegt, war an sich wenig erstaunlich; verdriesslich wirkte eigentlich auf uns alle nur die pr"apotente Art, mit der Czentovic es uns allzu deutlich f"uhlen liess, dass er uns mit der linken Hand erledigte. Schon war ich aufgestanden, um hilflos durch eine Geste anzudeuten, dass mit diesem erledigten Dollargesch"aft wenigstens meinerseits das Vergn"ugen unserer Bekanntschaft beendet sei, als zu meinem "Arger neben mir McConnor mit ganz heiserer Stimme sagte: „Revanche!“ Ich erschrak geradezu "uber den herausfordernden Ton. In diesem Augenblick wusste ich, dieser fanatisch Ehrgeizige w"urde, und sollte es ihn sein ganzes Verm"ogen kosten, gegen Czentovic so lange spielen und spielen und spielen bis er wenigstens ein einziges Mal eine Partie gewonnen. Wenn Czentovic durchhielt, so hatte er an McConnor eine Goldgrube gefunden, aus der er bis Buenos Aires ein paar tausend Dollar schaufehl konnte. Czentovic blieb unbewegt. „Bitte“, antwortete er h"oflich. „Die Herren spielen jetzt Schwarz.“
328
fachm"annisch – компетентный, профессиональный
329
Anordnung, f – условие
330
Mangel, m – недостаток, нехватка (чего-л.)