ЖАНРЫ

Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen

Перфилова Е. Д.

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Schachnovelle

Auf dem grossen Passagierdampfer, der um Mitternacht von New York nach Buenos Aires abgehen sollte, herrschte die "ubliche Gesch"aftigkeit und Bewegung der letzten Stunde. G"aste vom Land dr"angten [297] durcheinander, um ihren Freunden das Geleit zu geben [298] , Telegraphenboys mit schiefen M"utzen schossen Namen ausrufend durch die Gesellschaftsr"aume, Koffer und Blumen wurden geschleppt, Kinder liefen neugierig treppauf und treppab, w"ahrend das Orchester unersch"utterlich zur Deck-show spielte.

297

dr"angen – толкаться, тесниться

298

Geleit geben – обеспечить сопровождение

Ich stand im Gespr"ach mit einem Bekannten etwas abseits von diesem Get"ummel [299] auf dem Promenadendeck, als neben uns zwei-oder dreimal Blitzlicht scharf aufspr"uhte – anscheinend war irgendein Prominenter knapp vor der Abfahrt noch rasch von Reportern interviewt und fotografiert worden.

Mein Freund blickte hin und l"achelte. „Sie haben da einen raren Vogel an Bord, den Czentovic.“ Und da ich offenbar ein ziemlich verst"andnisloses Gesicht zu dieser Mitteilung machte, f"ugte er erkl"arend bei: „Mirko Czentovic, der Weltschachmeister. Er hat ganz Amerika von Ost nach West mit Turnierspielen abgeklappert und f"ahrt jetzt zu neuen Triumphen nach Argentinien.“

299

Get"ummel, n – суматоха

In der Tat erinnerte ich mich nun dieses jungen Weltmeisters und sogar einiger Einzelheiten im Zusammenhang mit seiner raketenhaften Karriere; mein Freund, ein aufmerksamerer Zeitungsleser als ich, konnte sie mit einer ganzen Reihe von Anekdoten erg"anzen. Czentovic hatte sich vor etwa einem Jahr mit einem Schlage neben die bew"ahrtesten Altmeister der Schachkunst, wie Aljechin, Capablanca, Tartakower, Lasker, Bogoljubow, gestellt. Seit dem Auftreten des siebenj"ahrigen Wunderkindes Rzecewski bei dem Schachturnier in New York hatte noch nie der Einbruch eines v"ollig Unbekannten in die Gilde derart [300] allgemeines Aufsehen erregt. Denn Czentovics intellektuelle Eigenschaften schienen ihm keineswegs solch eine blendende Karriere von vornherein [301] zu weissagen. Bald sickerte [302] das Geheimnis durch, dass dieser Schachmeister in seinem Privatleben ausserstande [303] war, in irgendeiner Sprache einen Satz ohne orthographischen Fehler zu schreiben.

300

derart – такого рода

301

von vornherein – сразу, с самого начала

302

sickern – обнаружилась, сочиться

303

ausserstande sein – быть не в состоянии сделать что-либо

Sohn eines blutarmen s"udslawischen Donauschiffers, dessen winzige Barke eines Nachts von einem Getreidedampfer "uberrannt [304] wurde, war der damals Zw"olf. Nach dem Tode seines Vaters vom Pfarrer [305] aus Mitleid aufgenommen worden, und der gute Pater bem"uhte sich redlich, durch h"ausliche Nachhilfe wettzumachen, was das maulfaule, dumpfe, Kind in der Dorfschule nicht zu erlernen vermochte.

Aber die Anstrengungen blieben vergeblich. Mirko starrte die ihm schon hundertmal erkl"arten Schriftzeichen immer wieder fremd an. Wenn er rechnen sollte, musste er noch mit vierzehn Jahren die Finger zu Hilfe nehmen, und ein Buch oder eine Zeitung zu lesen, bedeutete f"ur den noch besondere Anstrengung.

304

"uberranntпотоплено

305

Pfarrer, m – пастор

Dabei konnte man Mirko keineswegs unwillig oder widerspenstig [306] nennen. Was den guten Pfarrer aber an dem querk"opfigen Knaben am meisten verdross [307] , war seine totale Teilnahmslosigkeit. Er tat nichts ohne besondere Aufforderung, stellte nie eine Frage, spielte nicht mit anderen Burschen und suchte von selbst keine Besch"aftigung; sobald Mirko die Verrichtungen des Haushalts erledigt hatte, sass er stur im Zimmer herum mit jenem leeren Blick. W"ahrend der Pfarrer Abends mit dem Gendarmerie Wachtmeister seine "ublichen drei Schachpartien spielte, hockte [308] der blondstr"ahnige Bursche stumm daneben und starrte unter seinen schweren Lidern anscheinend schl"afrig und gleichg"ultig auf das karierte Brett.

306

widerspenstig – своенравный, строптивый

307

verdriessen – сердить, раздражать

308

hocken – сидеть на корточках

Eines Winterabends klingelten, w"ahrend die beiden Partner in ihre t"agliche Partie vertieft waren, von der Dorfstrasse her die Gl"ockchen eines Schlittens. Ein Bauer stapfte hastig herein, seine alte Mutter l"age im Sterben, und der Pfarrer m"oge eilen, ihr noch rechtzeitig die letzte "Olung [309] zu erteilen. Ohne zu z"ogern folgte ihm der Priester. Der Gendarmerie Wachtmeister, der sein Glas Bier noch nicht ausgetrunken hatte, z"undete sich zum Abschied eine neue Pfeife an und bereitete sich eben vor, die schweren Schaftstiefel anzuziehen, als ihm auffiel, wie unentwegt der Blick Mirkos auf dem Schachbrett mit der angefangenen Partie haftete.

309

die letzte "Olungсоборование

„Na, willst du sie zu Ende spielen?“ spasste er, vollkommen "uberzeugt, dass der schl"afrige Junge nicht einen einzigen Stein auf dem Brett richtig zu r"ucken verst"unde. Der Knabe starrte scheu auf, nickte dann und setzte sich auf den Platz des Pfarrers. Nach vierzehn Z"ugen war der Gendarmerie Wachtmeister Geschlagen.

Die zweite Partie fiel nicht anders aus. „Bileams Esel [310] !“ rief erstaunt bei seiner R"uckkehr der Pfarrer aus, dem weniger bibelfesten Gendarmerie Wachtmeister erkl"arend, schon vor zweitausend Jahren h"atte sich ein "ahnliches Wunder ereignet, dass ein stummes Wesen pl"otzlich die Sprache der Weisheit gefunden habe. Trotz der vorger"uckten Stunde [311] konnte der Pfarrer sich nicht enthalten, seinen halb analphabetischen Famulus [312] zu einem Zweikampf herauszufordern. Mirko schlug auch ihn mit Leichtigkeit. Er spielte langsam, ohne ein einziges Mal die gesenkte breite Stirn vom Brette aufzuheben. Aber er spielte mit unwiderlegbarer Sicherheit.

310

Bileams Esel – Валаамова ослица

311

vorger"uckte Stundeпоздний час

312

Famulus, m – воспитанник

Der Pfarrer wurde nun ernstlich neugierig, wie weit diese einseitige sonderbare Begabung einer strengeren Pr"ufung standhalten w"urde. Er nahm Mirko in seinem Schlitten in die kleine Nachbarstadt mit, wo er im Caf'e des Hauptplatzes eine Ecke mit enragierten Schachspielern wusste. Es erregte bei der ans"assigen Runde nicht geringes Staunen, als der Pfarrer den f"unfzehnj"ahrigen Burschen in seinem hohen Schaftstiefeln in das Kaffeehaus schob, wo der Junge befremdet mit sche Augen in einer Ecke stehenblieb, bis man ihn zu einem der Schachtische hinrief.

In der ersten Partie wurde Mirko geschlagen, da er die sogenannte Sizilianische Er"offnung bei dem guten Pfarrer nie gesehen hatte. In der zweiten Partie kam er schon gegen den besten Spieler auf Remis. Von der dritten und vierten an schlug er sie alle, einen nach dem andern. Nun ereignen sich in einer kleinen s"udslawischen Provinzstadt h"ochst selten aufregende Dinge; so wurde das erste Auftreten dieses b"auerlichen Champions f"ur die versammelten Honoratioren zur Sensation. Einstimmig wurde beschlossen, der Wunderknabe m"usste unbedingt noch bis zum n"achsten Tage in der Stadt bleiben, damit man die anderen Mitglieder des Schachklubs zusammenrufen und vor allem den alten Grafen Simczic, einen Fanatiker des Schachspiels, auf seinem Schlosse verst"andigen k"onne. Der junge Czentovic wurde im Hotel einquartiert und sah an diesem Abend zum ersten mal ein Stefan Zweig Wasserklosett.

Mirko, unbeweglich vier Stunden vor dem Brett sitzend, besiegte einen Spieler nach dem andern; schliesslich wurde eine Simultanpartie [313] vorgeschlagen. Es dauerte eine Weile, ehe man dem Unbelehrten begreiflich machen konnte, dass bei einer Simultanpartie er allein gegen die verschiedenen Spieler zu k"ampfen h"atte. Aber sobald Mirko diesen Usus begriffen, fand er sich rasch in die Aufgabe und gewann schliesslich sieben von den acht Partien.

Nun begannen grosse Beratungen. Obwohl dieser neue Champion nicht zur Stadt geh"orte, war doch der heimische Nationalstolz lebhaft entz"undet [314] . Vielleicht konnte endlich die kleine Stadt zum ersten Mal sich die Ehre erwerben, einen ber"uhmten Mann in die Welt zu schicken.

313

Simultanpartie, f – сеанс одновременной игры

314

der heimische Nationalstolz lebhaft entz"undet – местный патриотизм был задет за живое

Ein Agent namens Koller, sonst nur Chansonetten und S"angerinnen f"ur das Kabarett der Garnison vermittelnd, erkl"arte sich bereit den jungen Menschen in Wien von einem ihm bekannten ausgezeichneten kleinen Meister fachm"assig in der Schachkunst ausbilden zu lassen. Graf Simczic, dem in sechzig Jahren t"aglichen Schachspieles nie ein so merkw"urdiger Gegner entgegengetreten war, zeichnete sofort den Betrag. Mit diesem Tage begann die erstaunliche Karriere des Schiffersohnes.

Nach einem halben Jahre beherrschte Mirko s"amtliche Geheimnisse der Schachtechnik, allerdings mit einer seltsamen Einschr"ankung, die sp"ater in den Fachkreisen viel beobachtet wurde. Denn Czentovic brachte es nie dazu, auch nur eine einzige Schachpartie auswendig – oder wie man fachgem"ass sagt: blind – zu spielen [315] . Ihm fehlte vollkommen die F"ahigkeit, das Schlachtfeld in den unbegrenzten Raum der Phantasie zu stellen. Er musste immer das schwarzweisse Karree mit den vierundsechzig Feldern und zweiunddreissig Figuren handgreiflich vor sich haben. Aber diese merkw"urdige Eigenheit verz"ogerte keineswegs Mirkos Aufstieg. Mit siebzehn Jahren hatte er schon ein Dutzend Schachpreise gewonnen, mit achtzehn sich die ungarische Meisterschaft, mit zwanzig endlich die Weltmeisterschaft erobert.

315

blind zu spielen – сыграть вслепую

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