Немецкий с любовью. Новеллы / Novellen
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Aber ich konnte nicht mehr zur"uck. Nun galt es die erste Probe. Ich trat von der Garderobe weg, einen Schritt, zwei Schritte, drei Schritte. Es ging. Es war m"oglich, das Buch im Gehen festzuhalten, wenn ich nur die Hand fest an den G"urtel presste.
Dann kam die Vernehmung. Sie erforderte meinerseits mehr Anstrengung als je, denn eigentlich konzentrierte ich meine ganze Kraft, w"ahrend ich antwortete, nicht auf meine Aussage, sondern vor allem darauf, das Buch unauff"allig festzuhalten. Gl"ucklicherweise fiel das Verh"or diesmal kurz aus, und ich brachte das Buch heil in mein Zimmer.
Nun vermuten Sie wahrscheinlich, ich h"atte sofort das Buch gepackt, betrachtet, gelesen. Keineswegs! Erst wollte ich die Vorlust auskosten, dass ich ein Buch bei mir hatte. Aber schliesslich konnte ich meine Gier, meine Neugier nicht l"anger verhalten.
Der erste Blick war eine Entt"auschung und sogar eine Art erbitterter "Arger: dieses mit so ungeheurer Gefahr erbeutete [352] Buch war nichts anderes als ein Schachrepetitorium, eine Sammlung von hundertf"unfzig Meisterpartien. W"are ich nicht verschlossen gewesen, ich h"atte im ersten Zorn das Buch durch ein offenes Fenster geschleudert, denn was sollte, was konnte ich mit diesem Nonsens beginnen?
352
erbeuten – захватить, взять (в качестве трофея)
Ich hatte als Knabe im Gymnasium wie die meisten anderen mich ab und zu aus Langeweile vor einem Schachbrett versucht. Aber was sollte mir dieses theoretische Zeug? Alles das schien mir eine Art Algebra, zu der ich keinen Schl"ussel fand.
Vielleicht, "uberlegte ich, k"onnte ich mir in meiner Zelle eine Art Schachbrett konstruieren und dann versuchen, diese Partien nachzuspielen; wie ein himmlischer Wink erschien es mir, dass mein Bettuch sich zuf"allig als grob kariert erwies. Richtig zusammengefaltet, liess es sich am Ende so legen, um vierundsechzig Felder zusammenzubekommen.
Ich versteckte also zun"achst das Buch unter der Matratze und riss die erste Seite heraus. Dann begann ich aus kleinen Kr"umeln, die ich mir von meinem Brot absparte, in selbstverst"andlich l"acherlich unvollkommener Weise die Figuren des Schachs, K"onig, K"onigin und so weiter, zurechtzumodeln; nach endlosem Bem"uhen konnte ich es schliesslich unternehmen, auf dem karierten Bettuch die im Schachbuch abgebildeten Positionen zu rekonstruieren. Als ich aber versuchte, die ganze Partie nachzuspielen, misslang es zun"achst vollkommen mit meinen l"acherlichen Kr"umelfiguren. Ich verwirrte [353] mich in den ersten Tagen unabl"assig [354] . Nach sechs Tagen spielte ich schon die Partie zu Ende, nach weiteren acht Tagen ben"otigte ich nicht einmal die Kr"umel auf dem Bettuch mehr, um mir die Positionen aus dem Schachbuch zu vergegenst"andlichen, und nach weiteren acht Tagen wurde auch das karierte Bettuch entbehrlich [355] ; automatisch verwandelten sich die anfangs abstrakten Zeichen des Buches a, a, c, c hinter meiner Stirn zu visuellen Positionen.
353
verwirren – запутывать, сбивать с толку
354
unabl"assig – безостановочно
355
entbehrlich – ненужный, излишний
Nach weiteren vierzehn Tagen war ich m"uhelos imstande, jede Partie aus dem Buch auswendig – oder, wie der Fachausdruck lautet: blind – nachzuspielen; jetzt erst begann ich zu verstehen, welche u Wohltat mein frecher Diebstahl mir eroberte. Denn ich hatte mit einemmal T"atigkeit – eine sinnlose, aber doch eine, die das Nichts um mich zunichte machte, ich besass mit den hundertf"unfzig Turnierpartien eine wunderbare Waffe gegen die erdr"uckende Monotonie des Raumes und der Zeit.
Und was als bloss zeitf"ullende Besch"aftigung begonnen, wurde Genuss, und die Gestalten der grossen Schachstrategen, wie Aljechin, Lasker, Bogoljubow, Tartakower, traten als geliebte Kameraden in meine Einsamkeit. Unendliche Abwechslung beseelte t"aglich die stumme Zelle, und gerade die Regelm"assigkeit meiner Exerzitien gab meiner Denkf"ahigkeit die schon ersch"utterte Sicherheit zur"uck; ich empfand mein Gehirn aufgefrischt und durch die st"andige Denkdisziplin sogar noch gleichsam neu geschliffen. Dass ich klarer und konzentrierter dachte, erwies sich vor allem bei den Vernehmungen; von diesem Zeitpunkt an gab ich mir bei den Vernehmungen keine Bl"osse mehr, und mir d"unkte sogar, dass die Gestapoleute mich allm"ahlich mit einem gewissen Respekt zu betrachten [356] begannen.
356
Mit Respekt betrachten – относиться с уважением
Diese meine Gl"uckszeit dauerte etwa zweieinhalb bis drei Monate.
Dann geriet ich unvermuteterweise an einen toten Punkt. Pl"otzlich stand ich neuerdings vor dem Nichts. Denn sobald ich jede einzelne Partie zwanzig– oder dreissigmal durchgespielt hatte, verlor sie den Reiz der Neuheit, der "Uberraschung, so anregende Kraft war ersch"opft. Welchen Sinn hatte es, nochmals und nochmals Partien zu wiederholen, die ich Zug um Zug l"angst auswendig kannte? Um mich zu besch"aftigen, um mir die schon unentbehrlich gewordene Anstrengung und Ablenkung zu schaffen, h"atte ich eigentlich ein anderes Buch mit anderen Partien gebraucht. Da dies aber vollkommen unm"oglich war, gab es nur einen Weg auf dieser sonderbaren Irrbahn; ich musste mir statt der alten Partien neue erfinden. Ich musste versuchen, mit mir selbst oder vielmehr gegen mich selbst zu spielen.
Ich weiss nun nicht, bis zu welchem Grade Sie "uber die geistige Situation bei diesem Spiel der Spiele nachgedacht haben. Aber schon die fl"uchtigste [357] "Uberlegung d"urfte ausreichen, um klarzumachen, dass beim Schach als einem reinen, vom Zufall abgel"osten Denkspiel es logischerweise eine Absurdit"at bedeutet, gegen sich selbst spielen zu wollen. Das Attraktive des Schachs beruht doch im Grunde einzig darin, dass sich seine Strategie in zwei verschiedenen Gehirnen verschieden entwickelt, dass in diesem geistigen Kriege Schwarz die jeweiligen Man"over von Weiss nicht kennt und st"andig zu erraten und zu durchkreuzen sucht, w"ahrend seinerseits wiederum Weiss die geheimen Absichten von Schwarz zu "uberholen und parieren strebt.
357
fl"uchtig – беглый, мимолётный
Nun, um mich kurz zu fassen diese Absurdit"at habe ich in meiner Verzweiflung monatelang versucht. Aber ich hatte keine Wahl als diesen Widersinn, um nicht dem puren Irrsinn oder einem v"olligen geistigen Marasmus zu verfallen. Ich war durch meine f"urchterliche Situation gezwungen, diese Spaltung in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiss zumindest zu versuchen, um nicht erdr"uckt zu werden von dem grauenhaften Nichts um mich.“
Dr. B. lehnte sich zur"uck in den Liegestuhl und schloss f"ur eine Minute die Augen. Es war, als ob er eine verst"orende Erinnerung gewaltsam unterdr"ucken wollte.
„So – bis zu diesem Punkte hoffe ich, Ihnen alles ziemlich verst"andlich erkl"art zu haben. Aber ich bin leider keineswegs gewiss, ob ich das Weitere Ihnen noch "ahnlich deutlich veranschaulichen kann. Denn diese neue Besch"aftigung erforderte eine so unbedingte Anspannung des Gehirns, dass sie jede gleichzeitige Selbstkontrolle unm"oglich machte. Ich deutete Ihnen schon an, dass meiner Meinung nach es an sich schon Nonsens bedeutet, Schach gegen sich selber spielen zu wollen; aber selbst diese Absurdit"at h"atte immerhin noch eine minimale Chance mit einem realen Schachbrett vor sich, weil das Schachbrett durch seine Realit"at immerhin noch eine gewisse Distanz, eine materielle Exterritorialisierung erlaubt. Ich musste – verzeihen Sie, dass ich Ihnen zumute, diesen Irrsinn durchzudenken – bei diesem Spiel im abstrakten Raum der Phantasie als Spieler Weiss vier oder f"unf Z"uge vorausberechnen und ebenso als Spieler Schwarz, also alle sich in der Entwicklung ergebenden Situationen gewissermassen mit zwei Gehirnen vorauskombinieren, mit dem Gehirn Weiss und dem Gehirn Schwarz. Aber selbst diese Selbstzerteilung war noch nicht das Gef"ahrlichste an meinem abstrusen Experiment, sondern dass ich durch das selbst"andige Ersinnen von Partien mit einemmal den Boden unter den F"ussen verlor und ins Bodenlose geriet. Das blosse Nachspielen der Meisterpartien, wie ich es in den vorhergehenden Wochen ge"ubt, war schliesslich nichts als eine reproduktive Leistung gewesen, es war eine begrenzte, eine disziplinierte T"atigkeit und darum ein ausgezeichnetes Exercitium mentale.
Nur darum war diese T"atigkeit f"ur meine ersch"utterten Nerven eine so heilsame und eher beruhigende gewesen, weil ein Nachspielen fremder Partien nicht mich selber ins Spiel brachte; ob Schwarz oder Weiss siegte, blieb mir gleichg"ultig, es waren doch Aljechin oder Bogoljubow, die um die Palme des Champions k"ampften, und meine eigene Person, mein Verstand, meine Seele genossen einzig als Zuschauer jener Partien. Von dem Augenblick an, da ich aber gegen mich zu spielen versuchte, begann ich mich unbewusst herauszufordern. Jedes meiner beiden Ich, mein Ich Schwarz und mein Ich Weiss, hatten zu wetteifern [358] gegeneinander; ich fieberte als Ich Schwarz nach jedem Zuge, was das Ich Weiss tun w"urde. Jedes meiner beiden Ich triumphierte, wenn das andere einen Fehler machte, und erbitterte sich gleichzeitig "uber sein eigenes Ungeschick.
358
wetteifern – соревноваться
Das alles scheint sinnlos, und in der Tat w"are ja eine solche k"unstliche Schizophrenie. Aber vergessen Sie nicht, dass ich aus aller Normalit"at gewaltsam gerissen war, unschuldig eingesperrt. Und da ich nichts anderes hatte als dies unsinnige Spiel gegen mich selbst, fuhr meine Wut, meine Rachelust fanatisch in dieses Spiel hinein. Etwas in mir wollte recht behalten, und ich hatte doch nur dieses andere Ich in mir, das ich bek"ampfen konnte; so steigerte ich mich w"ahrend des Spieles in eine fast manische Erregung. Im Anfang hatte ich noch ruhig und "uberlegt gedacht, ich hatte Pausen eingeschaltet zwischen einer und der anderen Partie, um mich von der Anstrengung zu erholen; aber allm"ahlich erlaubten meine gereizten Nerven mir kein Warten mehr. Kaum hatte mein Ich Weiss einen Zug getan, stiess schon mein Ich Schwarz fiebrig vor.