Венера в мехах. Уровень 3 / Venus im Pelz
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«Insofern es keine herrlichere Folie fur Ihren weissen Leib geben konnte, als diese dunklen Felle [8] .»
Die Gottin lachte.
«Sie traumen», rief sie, «wachen Sie auf!» und sie fasste mich mit ihrer Marmorhand beim Arm. «Wachen Sie doch auf!» drohnte ihre Stimme nochmals. Ich schlug muhsam die Augen auf.
Ich sah die Hand. Aber diese Hand war auf einmal braun wie Bronze. Und die Stimme war die schwere Stimme von meinem Kosaken [9] . Er stand in seiner vollen Grosse von nahe sechs Fuss vor mir.
8
Insofern es keine herrlichere Folie fur Ihren weissen Leib geben konnte, als diese dunklen Felle. – В том смысле, что не может быть более восхитительной оболочки для Вашего белого тела, чем эти темные шкуры.
9
Kosaken – казак
«Stehen Sie doch auf», fuhr der Wackere fort, «es ist eine wahrhafte Schande.»
«Und warum eine Schande?»
«Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buch», er putzte die Kerzen und hob den Band auf. «Bei einem Buch von – er schlug den Deckel auf, von Hegel. Dabei ist es die hochste Zeit zu Herrn Severin zu fahren. Er erwartet uns zum Tee.»
«Ein Seltsamer Traum», sprach Severin. Als ich zu Ende war, stutzte die Arme auf die Knie. Das Gesicht versank in die feinen Hande und versank in Nachdenken.
Ich wusste, dass er jetzt nicht mehr lange dauern konnte. So war es in der Tat. Fur mich hatte sein Benehmen nichts Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter Freundschaft mit ihm. Ich hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten gewohnt. Denn sonderbar war er. Das liess sich nicht leugnen. Er war auch lange nicht der gefahrliche Narr. Nicht nur seine Nachbarschaft, sondern auch der ganze Kreis von Kolomea hielt ihn dafur. Mir war sein Wesen nicht bloss interessant, sondern in hohem Grad sympathisch.
Er zeigte fur einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie fur sein Alter – er war kaum uber dreissig – eine auffallende Nuchternheit vom Wesen, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte nach einem minutios ausgefuhrten, halb philosophischen, halb praktischen System, gleichsam nach der Uhr. Und nicht das allein: zu gleicher Zeit nach dem Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland, Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield. Dabei bekam er aber zu Zeiten heftige Anfalle von Leidenschaftlichkeit. Da machte er Miene, mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen. Ihm ging jeder gerne aus dem Weg [10] .
10
Ihm ging jeder gerne aus dem Weg. – Всем нравилось избегать его.
Wahrend er also stumm blieb, sang dafur das Feuer im Kamin, sang der grosse Samowar Ich habe mich im Ahnherrnstuhl geschaukelt. Meine Zigarre rauchte. Das Heimchen im alten Gemauer sang auch. Ich liess meinen Blick uber besondere Gerate, die Tiergerippe, ausgestopften Vogel, Globen, Gipsabgusse. Sie waren in seinem Zimmer angehauft. Zufallig blieb mein Blick auf einem Bild. Ich habe es oft genug gesehen. Aber gerade heute machte es mir einen unbeschreiblichen Eindruck.
Es war ein grosses Olgemalde in der kraftigen farbensatten Manier der belgischen Schule gemalt. Sein Gegenstand war seltsam genug.
Ein schones Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit reichem, geschlungenem Haare. Der weisse Puder lag wie leichter Reif auf es. Es hat Auf den linken Arm gestutzt. Es war nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane. Ihre rechte Hand spielte mit einer Peitsche. Wahrend ihr blosser Fuss stutzte sich nachlassig auf den Mann. Er lag vor ihr wie ein Sklave, wie ein Hund. Und dieser Mann war mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zugen. Auf diesen Zugen lag brutende Schwermut und hingebende Leidenschaft. Er sah mit dem schwarmerischen brennenden Auge eines Martyrers zu ihr empor. Dieser Mann war Severin, aber ohne Bart, wie es schien um zehn Jahre junger.
«Venus im Pelz!» rief ich. Ich deutete auf das Bild. «So habe ich sie im Traum gesehen.» – «Ich auch», sagte Severin, «nur habe ich meinen Traum mit offenen Augen getraumt.»
«Wie?»
«Ach! das ist eine dumme Geschichte.»
«Dein Bild hat offenbar Anlass zu meinem Traum gegeben», fuhr ich fort, «aber sage mir endlich einmal, was damit ist. Es hat eine Rolle in deinem Leben gespielt, und vielleicht eine sehr entscheidende, kann ich mir denken. Aber das weitere erwarte ich von dir.»
«Sieh dir einmal das Gegenstuck an», sagte mein seltsamer Freund, ohne auf meine Frage zu antworten.
Das Gegenstuck bildete eine treffliche Kopie der bekannten «Venus mit dem Spiegel» von Titian in der Dresdener Galerie.
«Nun, was willst du damit?»
Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian seine Liebesgottin bekleidet hat.
«Auch hier “Venus im Pelz“», sprach er fein lachelnd. «Ich glaube nicht, dass der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat einfach das Portrat von einer vornehmen Messaline gemacht. Er hat die Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel halten zu lassen. Darin pruft sie ihre majestatischen Reize mit kaltem Behagen. Aber die Arbeit scheint ihm sauer genug zu werden. Das Bild ist eine gemalte Schmeichelei. Spater hat ein ›Kenner‹ der Rokokozeit die Dame auf den Namen Venus getauft. Der Pelz der Despotin ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden, welche im Weib und seiner Schonheit liegt.
Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in der eisigen christlichen Welt in einen grossen schweren Pelz schlupfen muss, um sich nicht zu erkalten [11] .»
Severin lachte und zundete eine neue Zigarette an.
Eben ging die Tur auf. Eine hubsche volle Blondine mit klugen freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein. Sie brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der letzteren und schlug es mit dem Messer auf. «Habe ich dir nicht gesagt, dass ich sie weich gekocht haben will?» rief er mit einer Heftigkeit. Die junge Frau zitterte.
11
Venus, die im abstrakten Norden, in der eisigen christlichen Welt in einen grossen schweren Pelz schlupfen muss, um sich nicht zu erkalten. – Венера, которой на абстрактном севере, в ледяном христианском мире приходится кутаться в большую тяжелую шубу, чтобы не простудиться.
«Aber lieber Sewtschu —» sprach sie angstlich.
«Was Sewtschu», schrie er, «gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst du», und er riss den Kantschuk, welcher neben seinen Waffen hing, vom Nagel.
Die hubsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Zimmer.
«Warte nur, ich erwische dich noch», rief er ihr nach.
«Aber Severin», sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, «wie kannst du die hubsche kleine Frau so erschrecken!»
«Sieh dir das Weib nur an», antwortete er. Er winkte humoristisch mit den Augen zu, «hatte ich ihr geschmeichelt, so hatte sie mir die Schlinge um den Hals geworfen [12] . Weil ich sie mit dem Kantschuk erziehe, betet sie mich an.»
12
…hatte ich ihr geschmeichelt, so hatte sie mir die Schlinge um den Hals geworfen. – … если бы я ей польстил, она бы накинула мне петлю на шею.
«Geh mir!»
«Geh du mir, so muss man die Weiber dressieren.»
«Leb meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht Theorien auf —»
«Warum nicht», rief er lebhaft, «nirgends passt Goethes ›Du musst Hammer oder Amboss sein‹ [13] so vortrefflich wie auf das Verhaltnis von Mann und Weib. Das hat dir beilaufig Frau Venus im Traum auch zugegeben. In der Leidenschaft vom Mann ruht die Macht vom Weib. Es versteht sie zu benutzen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave vom Weib zu sein. Wie er sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche fuhlen [14] .»
13
Du musst Hammer oder Amboss sein. – Ты должен быть молотом или наковальней (быть хозяином своей судьбы или жертвой обстоятельств).
14
Wie er sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche fuhlen. – Как только он сдастся, его голова уже будет в ярме, и он почувствует удар кнута.