Gaunerinnen
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„Warum sprichst du "uber dich in der dritten Person?“
„Ich versuche, dir ein Bild der Situation zu vermitteln, und so geht es einfacher.“
„Bisher gef"allt mir das alles schon sehr!“
„Also. Die Hochzeit ist jetzt f"ur morgen angesetzt“, setzte Stella ihre unglaubliche Erz"ahlung fort. „Aber es kommt anders! Es stirbt die Mutter der Braut, oder der Vater, die Schwester, der Bruder. Egal wer. Kommt bei einem Autounfall um oder ertrinkt, stirbt bei einem Brand, es spielt keine Rolle.
Trauer! Hochzeit wird abgesagt! Welch ein Kummer! Und zu so einem Zeitpunkt kann doch kein Br"autigam seine Braut im Stich lassen. Da muss man sich um die Beerdigung k"ummern, was denn sonst! Die Beerdigung geht auch auf Kosten des Br"autigams, dieses Mal mit Tr"anen in den Augen aller Verwandten, mit der Bitte, ihnen Geld zu borgen, und Versprechungen wie: ‚Wir schw"oren, ein P"ackchen mit B"undeln voller Geld aus Wladiwostok an Ihre Adresse zu schicken. Ganz bestimmt, irgendwann‘. Der Ausl"ander stellt gew"ohnlich die Bedingung an die Agentur, dass die Hochzeit unbedingt gleich nach dem Begr"abnis stattzufinden hat, weil er wieder zur Arbeit muss.
Die Firma stellt ihm ein Dokument aus, in dem seine Forderung vereinbart und niedergeschrieben wird. Er beruhigt sich und besch"aftigt sich mit dem Begr"abnis.
‚Was habe ich mir da nur eingebrockt!‘, denkt S"ulze und weiss nicht, dass er noch nicht alle Geschenke im Rahmen dieses ukrainischen Spektakels bekommen hat.
W"ahrenddessen werden im Theater die Leidenschaften angefacht. Stella bestellt einen Sarg. Gew"ohnlich ist er geschlossen. Das wird damit erkl"art, dass die Leiche verst"ummelt und die zerfetzten Fleischst"ucke nicht sch"on anzuschauen w"aren. Bei diesen Worten gefriert S"ulze das Blut in den Adern. Er ist "uberaus froh, dass der Sarg geschlossen ist.“ So war es m"oglich, eine Kiste mit oder noch besser ohne Ziegelsteine zu begraben, denn die Dorfalkis, die die Verwandten der Braut aus Nowosibirsk oder Wladiwostok spielten, die auf Kosten des Br"autigams zur Hochzeit gekommen waren, hatten in der Regel nicht genug Kraft, um einen Sarg mit Ziegelsteinen hochzuheben. Das h"atte die tadellos durchdachte Auff"uhrung der talentierten Regisseurin vollkommen ruinieren k"onnen!
Wowan, der Friedhofsw"achter, hielt immer ein Erdloch f"ur das Begr"abnis parat. Daf"ur bekam er ein Honorar, das aus drei Kisten Schnaps f"ur ihn und ein paar T"uten S"ussigkeiten f"ur seine Kinder bestand. Und Blumen f"ur seine Frau konnte er, sobald die Zeremonie vorbei war, ganz nach Geschmack ausw"ahlen, bitte sehr! Frische Blumen! Er hatte "uberhaupt nichts dagegen, eines guten Menschen zu gedenken. Nur die angeheuerten Klageweiber nervten ihn. Sie brachten den sensiblen, besoffenen Wowan jedes Mal fast zum Herzinfarkt.
„Ja, ich weiss doch, dass ihr Betr"ugerinnen seid! Abzockerinnen! Und dass der Sarg leer ist! Die Weiber heulen aber so bitterlich zur Musik, dass mir selber ohne Ende die Tr"anen kommen! Ich versteh gar nicht, warum. Ich bin wohl zu empfindlich geworden auf meine alten Tage.
„Du solltest nicht so viel trinken, Onkel Wowa!“, lachte Stella.
„Wie nicht so viel trinken? Ihr macht doch hier die "uppigen Gelage! Die Tische sind "ubervoll. T"ochterchen, bitte! Lad diese unertr"aglichen alten Weiber nicht mehr ein“, flehte Wowan sie an. „F"ur eine Kiste Wodka heule ich dir selber wie ein Wolf, zwei Stunden am St"uck, wenn es sein muss! Schau, euer Amerikaner, der vorige Br"autigam, hat lauthals geweint. Ihr habt sogar diesen zwei Meter hohen Kampfstier fertiggemacht!“
„Hahaha!
Geh nach Hause, du bist schon ganz blau! Laberst Unsinn! Deck morgen das Erdloch ab, dass es niemand sieht.“
„Wer soll das sehen? Das ganze Dorf feiert morgen bei eurem Begr"abnis! Sie wachen erst n"achste Woche wieder auf.“
„Hahaha!“, lachte Natalja. Sie h"orte Stella gespannt zu. Sie sah in ihr einen starken Menschen, der vor nichts Angst hatte und k"ampferisch durchs Leben ging. Sie verdiente ihr Geld als Gaunerin und nicht als Nutte. Sie hatte keine ausgepr"agte Sexualit"at. Die spitze Habichtsnase bezeugte ihren unersch"utterlichen Charakter. Helles Haar, direkter Blick, sch"one grosse, braune Augen und ein schlanker K"orper.
Unwillk"urlich dachte Natalja: „Was findet er an ihr, dieser Slawik aus der Pr"asidentenadministration? Er sprach von ihr mit so viel Begeisterung und Respekt.“
Die beiden M"adchen sassen sich gegen"uber und begriffen, dass sie sich gegenseitig erg"anzen k"onnten. In ihrem Inneren erkannten sie, dass dies eine schicksalhafte Begegnung f"ur sie beide war. Sie waren absolut unterschiedliche und doch vollkommen gleich eiskalte Luder.
„Und was passiert dem Ausl"ander als n"achstes?“, fragte Natalja. Sie brannte darauf, auch den Rest zu h"oren.
„Nach der Beerdigung gehen alle zum Br"autigam schlafen. Nachts kommt eine Prostituierte, angeblich um mit ihm zu reden, und verf"uhrt ihn im Schlafzimmer. Die Nutte spielt, sagen wir mal, die Rolle einer unverheirateten Cousine der Braut. Laut Textbuch versucht sie bereits beim Begr"abnis, mit S"ulze zu flirten. Bei ihren "uppigen Kurven schmilzt er dahin. Sp"ater am Abend kommt die Braut pl"otzlich herein, um ihrem Geliebten gute Nacht zu sagen und ertappt ihn mit der nackten Cousine. Der treulose M"ochtegern-Ehemann bekommt seine wohlverdiente Ohrfeige. Allerdings darf man sie nicht zu fest schlagen. Die Armen haben schon genug Angst vor den unsrigen. Der Br"autigam darf uns nicht ins Gras beissen. Gott bewahre, dann m"ussten wir doch noch einen echten Toten begraben! Im Endeffekt ist die Braut geschockt, hat einen Nervenzusammenbruch. In diesem Fall braucht sie dann von ihm unbedingt noch eine Kurreise nach Truskawez, f"ur mindestens drei Wochen. Um die Nerven ein wenig zu regenerieren.“
Natalja hielt sich den Bauch vor Lachen.
„Du, Stella, nicht einmal die vom Bolschoi-Theater machen dir Konkurrenz!“
„Ich bin keine talentierte Schauspielerin, ich bin Dramaturgin… In solchen F"allen ist die Agentur nicht verpflichtet, dem Br"autigam sein Geld zu erstatten. Der Typ wird zum Flughafen begleitet und muss ledig nach Hause fliegen. Nat"urlich ist er emp"ort und droht der Agenturdirektorin, sie zu verklagen. ‚Verfluchte Deppen! Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass sie aus einer Idiotenfamilie stammt?‘
‚Sie wollten ein M"adchen aus einer anst"andigen Nichttrinkerfamilie kennenlernen! Entsprachen die Gottesdiener etwa nicht Ihren Anforderungen?‘
‚Mal haben sie Feier, mal ein Begr"abnis! Wof"ur habe ich eigentlich bezahlt? Und was jetzt?‘
‚Laut Aussage der Verwandten, haben Sie Ihre Auswahl zugunsten der Cousine der Braut ge"andert. Die Braut musste einen Psychiater aufsuchen. Sie haben ihr ein schweres seelisches Trauma zugef"ugt. Die Genesung wird lange dauern. Seien Sie froh, dass sie mit Ihnen nichts zu tun haben will und sie nicht vor Gericht verklagt hat, wie es die Verwandten der vor dem Altar verlassenen M"artyrerin ohne Zweifel w"unschen.‘
‚Was sagen Sie? M"artyrerin? Ich habe dieser frommen Schlampe und ihren bettelarmen Verwandten Kleidung und Schuhe gekauft! Einige von ihnen betteln mich jeden Morgen um Geld an!‘
‚Diese verdammten hirnlosen Dorfalkis! Die kriegen auch nie genug!‘, dachte die Agenturdirektorin, sagte aber kein Wort.
‚Es tut mir sehr leid, aber Ihre Schuld ist offensichtlich, deshalb steht Ihnen keine R"uckzahlung zu. Apropos: Sie k"onnen den Kontakt zu der nackten Person, die in Ihrem Zimmer angetroffen wurde, weiter pflegen. Wir bieten Ihnen die Dienstleistungen unserer Agentur auch zu diesem Zweck an.‘